zurück

Arbeitssicherheit: „Alle Hebel in Bewegung setzen! Es ist eine Branchenaufgabe“

Um Baustellen sicherer zu machen, erarbeiten Holzbauunternehmer und Verbandsvertreter mit Unterstützung der BG BAU am Runden Tisch „Sichere Bauprozesse im Zimmererhandwerk“ praxisgerechte Lösungen. Erwin Taglieber, Holzbauunternehmer aus dem bayerischen Oettingen und Mitglied des Runden Tisches, stellte sich Fragen über die Herausforderungen für den Holzbau.

Absichern statt Abstürzen

Frage: Was muss die Branche tun, was kann das einzelne Unternehmen tun?

Taglieber: Wir alle müssen jetzt Gas geben und alle Hebel in Bewegung setzen, um das Unfallgeschehen im Zimmererhandwerk stark und nachhaltig zu reduzieren. Dafür bleibt uns verdammt wenig Zeit. Die Hälfte des laufenden Beobachtungszeitraums 2016 bis 2018 ist bereits um. Wir haben noch gut 18 Monate Zeit! Es ist eine Branchenaufgabe. Gefordert sind alle Unternehmer der gut 11.000 Holzbaubetriebe in Deutschland mit den insgesamt über 60.000 Mitarbeitern. Jeder Unfall ist einer zu viel. Aber wir müssen vor allem die schweren und schwersten Unfälle um mindestens 30 % reduzieren. Denn diese drei Prozent aller Unfälle verursachen über 65 Prozent der Kosten. Dann haben wir eine Chance, ab dem Jahr 2020 wieder geringere Beiträge für die gesetzliche Unfallversicherung zu zahlen.

Frage: Ein hoher Anteil der Unfälle passiert durch Abstürze von Leitern. Was kann an diesem Punkt getan werden?

Taglieber: Gemeinsam mit Produktherstellern haben wir am Runden Tisch eine leichte Plattformleiter entwickelt und auf Musterbaustellen erprobt. Sie ist vielfältig einsetzbar und handhabbarer auf der Baustelle. Ab Juli wird die Anschaffung über die Arbeitsschutzprämien der BG BAU gefördert. Ich habe sie in meinem Betrieb erprobt und bin sehr zuversichtlich, dass wir damit viele Unfälle vermeiden und noch wirtschaftlicher arbeiten können.

Leiter
Begutachtung von Prototypen der leichten Plattformleitern im Praxiszentrum der BG Bau in Nürnberg. Bild: BG BAU / Rahming

Frage: Die Plattformleiter ist nur eine der fünf Maßnahmen, die unter dem Dach der Initiative „Wir Zimmern Sicher!“ kommuniziert wird. Was gehört noch dazu?

Taglieber: Das sind die verstärkte Vormontage am Boden, kleinformatige Schutznetze, dauerhafte und mobile Anschlageinrichtungen und spezielle Verfahren für Holzbauarbeiten. Diese Maßnahmen wurden auf Musterbaustellen erprobt, auf der IHM 2017 in München vorgestellt und in die Praxis eingeführt. Weitere Maßnahmen werden momentan noch erprobt und Anfang 2018 werden dann alle konkreten Lösungen für eine sichere Baustelle umfangreich vorgestellt.

Frage: Sie engagieren sich sehr stark für die Arbeitssicherheit im Holzbau. Hat das auch Auswirkungen auf Ihren eigenen Betrieb?

Taglieber: Ja, sehr. Nicht nur ich, auch meine Mitarbeiter in der Planung und Arbeitsvorbereitung machen sich mehr Gedanken, wie wir die Arbeitssicherheit besser umsetzen und auch unser Verhalten ändern können. Dass es schwierig ist, sein Verhalten zu ändern, weiß jeder. Als in den 70er Jahren die Gurtpflicht kam, gab es jede Menge Gurtmuffel. Inzwischen ist der Griff nach oben links beim Einsteigen ins Auto eine Selbstverständlichkeit. Das müssen wir auch in Bezug auf das Verhalten auf Baustellen hinbekommen. Deshalb ist es uns am Runden Tisch auch so wichtig, dass alle fünf Maßnahmen im Baustellenalltag funktionieren. Sie müssen praxisgerecht sein und sie sind es auch. Hier konnte ich meine Mitarbeiter durch die Musterbaustelle in meinen Betrieb überzeugen. Ich bin sehr optimistisch, dass es so auch in anderen Betrieben läuft.

Frage: Die BG BAU und ihre Mitarbeiter vor Ort werden nicht immer mit großer Freude im Betrieb empfangen. Was muss hier verbessert werden?

Taglieber: Ich will an dieser Stelle eine Lanze für die BG BAU brechen, die sich wirklich sehr engagiert, einen konstruktiven Dialog mit uns Unternehmern zu führen, uns viele Hilfestellungen gibt und mit der Erprobung von sichereren Verfahren auf Baustellen neue Wege beschreitet. Es ist in unserem eigenen Interesse, denn am Ende sind es unsere eigenen Kosten und das Leid unserer Mitarbeiter, das es gilt, durch weniger schwere Unfälle zu reduzieren.

Frage: Löst „Wir Zimmern Sicher!“ die Präventionskampagne „Absichern statt Abstürzen“ ab?

Taglieber: „Absichern statt Abstürzen“, Ende 2013 von Holzbau Deutschland gestartet, wird fortgesetzt und um den Partnercheck ergänzt, um gezielt auch die Mitarbeiter der Holzbaubetriebe zu erreichen. Partnercheck heißt, dass Mitarbeiter verstärkt gegenseitig Verantwortung füreinander übernehmen. Die Initiative „Wir Zimmern Sicher!“ wendet sich gezielt an die Unternehmer im Holzbau und kommuniziert die fünf Sofortmaßnahmen, die am Runden Tisch „Sichere Bauprozesse im Zimmererhandwerk“ entstanden sind. Es sind technische Weiterentwicklungen, wie die leichte Plattformleiter, die auf Baustellen erprobt wird. Darüber hinaus wendet sich die BG BAU mit dem Präventionsprogramm „BAU AUF SICHERHEIT. BAU AUF DICH.“ an die gesamte Bauwirtschaft. Das Ziel ist immer das gleiche: weniger Unfälle. Aber die Ansprache, die Botschaften und die Zielgruppen variieren.

www.absichern-statt-abstuerzen.de
www.bgbau.de/wirzimmernsicher
www.bau-auf-sicherheit.de