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Energieeffizienz: Aus der Tradition in die Moderne

Der Wohnbereich des 1702 errichteten Schwarzwaldhofes in Triberg-Gremmelsbach erhielt einen Wärmeschutz nach EnEV. Lesen Sie wie die Aufgabenstellung einer denkmalgerechten Restaurierung mit den heutigen Anforderungen an zeitgemäßes Wohnen vorbildlich in Einklang gebracht wurde.

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Die Stubenecke: Außen die rekonstruierte Ständerbohlenwand, innen nur vom Fachmann erkennbar, die dämmende Vorsatzschale und die "Aufrüstung" zu Kastenfenstern.

Der über einem Grundriss von etwa 14 × 20 m² errichtete Hof entspricht dem traditionellen Gefüge im Hochschwarzwald. Die sehr sorgfältig vorgenommene historische und typologische Einordnung bezeichnet ihn als Mischform zwischen den Höhenhäusern und den Gutachtäler Häusern. In typischer Hanglage finden sich über dem Sockelgeschoss zwei Geschosse in Ständerbohlenbauweise und darüber das mächtige Dach mit den Teilwalmen. In dem hangseitigen Wirtschaftsteil führt die Zufahrtsbrücke, die sogenannte "Fahr".

Die Wohnräume liegen nach Süden talseitig und sind von dem Wirtschaftsteil durch einen quer durch das Haus laufenden Flur abgegrenzt. Die Wohnräume wurden erkennbar mehrfach verändert. Das Dach hat etwa je hälftig einen liegenden und einen stehenden Dachstuhl und in Höhe der Mittelpfetten eine durchgängige Decke. Der substanzielle Zustand wird von den Planern der Restaurierung als "mäßig" bezeichnet. Nach Erwerb des Leerstandes durch eine geschichtsbewusste Familie wurde der Hof sorgsam restauriert und der Wohnteil zu einem Zweitwohnsitz mit den Segnungen des zeitgemäßen Wohnens ertüchtigt.

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Denkmal wird Zweitwohnsitz

Die kompetente Planung der Restaurierungsmaßnahmen war hier Garant für das gelungene Ergebnis. Nach gründlicher Bauaufnahme einschließlich eines verformungsgerechten Aufmaßes und der Schadenskartierung wurde das Erhaltungs- und Erneuerungskonzept auf den Bauherrn zugeschnitten. Die schon von Anbeginn gegebene, klare Zonierung von Wohnbereich und Wirtschaftsbereich, getrennt durch den Flur quer zum Haus, bot die gute Voraussetzung für die Unterteilung in zwei "Klimazonen": Wohnen warm und mit Wohnkomfort, der Rest gut überdacht und ausreichend durchlüftet im Außenluftklima. Als Dämmniveau wurde mindestens die Einhaltung der zum Planungszeitpunkt gültigen Energieeinsparverordnung (EnEV, Ausgabe 2004) anvisiert. Da sich das Haus nach außen in Teilen als Original und in Teilen im Zustand zu Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen sollte, galt es für die Außenwände eine Lösung für die Innendämmung zu finden.

Die Fassade hatte um den Wohnbereich teilweise einen Schindelschirm. Dieser hätte zwar für eine Außendämmung weiter vorgesetzt werden können, was jedoch die Fassade stark zum architektonischen Nachteil verändert und zum Verlust intakter Schindelfl ächen geführt hätte. Die Stube im Erdgeschoss hat ein über die Hausecke reichendes Fensterband, das leicht nach außen hervortritt und verschindelt war. Die leicht verzierten Knaggen wurden zu einem früheren Zeitpunkt entfernt. Die Substanz war in diesem Bereich so schlecht, teilweise schon durch Mauerwerk ersetzt, dass das Ständerbohlenwerk neu rekonstruiert wurde. Das erste Obergeschoss liegt gut vor Regen geschützt unter den weitausladenden Dachrändern bzw. dem auskragenden Heuboden.

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Die Decke über dem Keller musste zu größeren Teilen erneuert werden. Nach Einbau des Streifbodens wurden die Gefache mit Zellulose ausgeblasen.
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Wiedereinbau der Bohlendecke, von oben wurden später kreuzlagig Bretter aufgeschraubt, so dass sich eine sehr steife "geschraubte Brettsperrholzplatte" ergab.

Zurückdenken und vorausplanen

Der Wohnbereich hat wie regional üblich Bohlenwände und -decken. Bohlenquerschnitte von 7 bis 12 cm Dicke, 50 bis 70 cm Breite bei Einzellängen bis 8 m sind als einteilige Sägeware auch heute in der Region erhältlich. Die mächtigen Bohlen boten einen gegenüber Steinbauten verhältnismäßig guten Wärmeschutz bei geringem Materialeinsatz. Die Luftdichtigkeit der Schwarzwaldhöfe war immer ein zentrales Problem, Fugen und Ritzen wurden mit Moos abgedichtet. Maßnahmen wie Schindelanschläge und Innentäfer haben die Wohnqualität verbessert. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass der Schornstein sich im Schwarzwald erst sehr spät etablierte. Bis ins 19. Jahrhundert waren offene Feuer auf gemauerten Quadern ohne Schornstein anzutreffen. Die Rauchgase in Kombination mit den gegebenen Luftundichtheiten bewahrten die Holzstruktur dauerhaft vor Feuchteproblemen trotz Befrachtung mit Stallluft. Die Baustruktur des Schwarzwälder Bauernhauses wird dem rauen Klima im Hochschwarzwald baukonstruktiv gut gerecht.

Vermeiden von Konvektion oberstes Gebot

Die Ansprüche an Wohngebäude haben sich grundlegend verändert und schleichend die Holzsubstanz der alten Ständerbohlen-Eindach-Höfe zu Gunsten der Wohnbehaglichkeit durch ungeeignete Ausbaumaßnahmen verschlechtert. Heutiger Wohnkomfort ist nur mit einer weitgehend luftdichten Umhüllung des Wohnraumes erreichbar. Der grundsätzliche Ansatz war daher: Ausfüllung der Dämmhohlräume möglichst bis in die letzte Ritze und Unebenheit mit einem "raumfüllenden" Dämmstoff , der zugleich Luftdurchströmungen einen hohen Widerstand entgegensetzt. Der Dämmstoff sollte zudem Feuchte aufnehmen können, um trotz aller Dichtungsmaßnahmen eventuell anfallende Feuchte aufnehmen und schadlos bis zur Verdunstungsperiode einlagern zu können. Hier wurde ein Zellulosedämmstoff gewählt.

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Die Außenseite der Flurwand wurde mit einem doppelten Rippenrost versehen und im Nassverfahren mit Zellulosefl ocken 12 cm dick gedämmt. Nach der Austrocknung folgte dann die Bekleidung mit gespundeten Brettern.
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Flur zwischen Wohntrakt und Wirtschaftsteil im Erdgeschoss, die Flurwand ist von außen gegenüber dem Wirtschaftsteil gedämmt.

Umsetzung mit Sorgfalt

Der Dielenbelag der Balkendecke über dem Keller, unter der "Wohnzone", war in solch schlechtem Zustand, dass er erneuert werden musste. Die Decke hatte teilweise Einschübe, teilweise nicht. Die ursprünglichen, nur gering wärmedämmenden Gefachfüllungen wurden entfernt und die Einschübe ausgebessert. In den Balkenfeldern ohne Einschübe wurden solche neu eingebaut. Anschließend wurden die Balkengefache mit Zelluloseflocken ausgeblasen. Gut ist es, grobe Fehlstellen partiell zu schließen, denn der große Nutzen der eingeblasenen Dämmung ist, dass sie kleine Ritzen und Fugen mitdämmt und sie so mit der Fläche verbindet. Das an dieser Stelle möglicherweise anfallende Kondensat kann so von der Fuge zur Fläche absorbiert werden. Der Dielenbelag entspricht mit 50 mm Dicke und Brettbreiten von 3550 cm den traditionellen Dimensionen. Die Bohlendecke über dem Erdgeschoss, verbesserungsbedürftig, aber erhaltenswert, wurde mit zwei kreuzlagig aufgeschraubten Bohlenlagen zu einer "geschraubten" Brettsperrholzplatte aufgerüstet, die sehr steif ist.

Die Decke über dem 1. Obergeschoss erhielt eine 20 cm dicke Aufdoppelung aus Balken und darüber einen 7 cm dicken, doppelt gespundeten Bohlenbelag, sie ist so auch für schweren landwirtschaftlichen Betrieb auf dem Heuboden befahrbar. Die Dämmung wurde hier zwischen unterem, alten und neuem, oberen Bohlenbelag eingeblasen. Die innere Flurwand zu dem Wirtschaftsteil, stark uneben, erhielt auf ihrer kalten Seite einen Rippenrost, der im Nassverfahren mit Zellulose befüllt wurde. Damit waren die Unebenheiten zuverlässig mit Dämmung ausgefüllt. Erst nach vollständigem Austrocknen wurde die außenseitige Holzverschalung aufgebracht. Von innen wurden die hier sehr wenigen Durchdringungsstellen von Balken mit Dichtungsmasse sorgfältig abgedichtet. Am kritischsten ist die Innendämmung der Außenwände, gewählt wurde der Aufbau:

äußeres Ständerbohlenwerk,

Dämmebene mit innerer Beplankung aus 15 mm OSB-Platten, welches mit Klebebändern und Dichtungsmasse passgenau und winddicht an tangierende Bauteile angeschlossen wurde,

innere Bekleidung mit Holz-Täfelungen (zum Teil alt, zum Teil neu) oder Gipsfaserplatten.

Die Funktion der Dampfbremse und Luftdichtheitsebene übernimmt die OSB-Platte. Auf Folien wurde bewusst verzichtet, um das Austrocknungspotenzial außerhalb der Heizperiode groß zu halten. Das Ausblasen der Dämmebene setzt der Konvektion von Luft in den Dämmhohlräumen erheblichen Widerstand entgegen, so dass hier dauerhaft kein Ungemach zu erwarten ist. Die kritischen Übergänge zu den Decken wurden mit sehr genauen Plattenzuschnitten, Abklebungen und auch dem Ausspritzen von Holzrissen mit Dichtmasse annähernd dicht hergerichtet. An den Außenwänden wurde nur das absolut Nötigste an die OSB-Platten durchdringenden Installationen vorgesehen. Installationen wurden, soweit akzeptabel, sichtbar auf den inneren Oberfl ächen geführt. Die wenigen Durchdringungen wurden mit Dichtungstöpfen luftundurchlässig durch die Wandbeplankung geführt.

Die Fenster, drei von ihnen stammen wahrscheinlich noch original von 1702, wurden soweit möglich restauriert und der fehlende Rest diesen nachgebildet. Zur Erreichung des Wärmeschutzes wurden sie innenseitig zu Kastenfenstern ausgebaut.

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Rekonstruktion des Fensterbandes mit Innendämmung

Erfahrungen bilden sich erst

Damit ist das Dämmkonzept beschrieben. Die rechnerischen Nachweise ergaben die Einhaltung die Mindestwerte nach EnEV überall, stellenweise auch besser. Das Sanierungsziel ist so erreicht. Zimmermeister Wider bedient sich der Beratung und der Berechnungen von Bauphysikern. Die Theorie kann jedoch nicht alle Gegebenheiten bei nicht passgenauen, alten Holzwerken berücksichtigen. Ein Restrisiko bleibt unvermeidbar. Jahrzehntelange Erfahrungen gibt es noch nicht, aber er kann auf immerhin einige Jahre damit zurückblicken, deren Ergebnisse er was nicht üblich ist beobachtet.

Das Dämmkonzept scheint sich als dauerhaft mangelfrei zu erweisen. Erste Innendämmungen von Natursteinmauerwerk nach dem gleichen Modell lassen erkennen, dass es auch dort ohne innere Dampfsperre funktioniert.

Alemannischer Holzbau, aus der Tradition in der Modernen

Schwarzwald-Eindach-Höfe waren vielfach nicht rein landwirtschaftlich geprägte Wirkungsstätten. Das raue Klima und der karge Boden zwang zur Nutzung des Verstandes, um Überleben zu können. Die Not, welche zeitweise bis zum Verkauf der eigenen Kinder zwang, zwang ebenso dazu, sich erfinderisch zu bemühen, um aus den dürftigen Ressourcen exportierbare High-Tech-Waren zu erzeugen.

Die steilen dunklen Täler sind heute nicht zufällig Standorte einer hoch agilen und exzellent erfolgreichen, mittelständischen Wirtschaft. Zimmermeister Wider ist ein solcher Schwarzwälder, der aus Tradition und in dieser Tradition mitten in der Moderne steht. Der Einsatz und die Pflege bewährter Handwerkskunst in Verbindung mit dem aktuellen Stand der Technik sieht er als Voraussetzung für den sinnvollen Erhalt des erhaltenswerten Baukulturerbes. Ohne Nutzbarmachung der alten Bausubstanz unter Erfüllung heutiger Anforderungsprofile an Bauwerke ist Bauwerkserhaltung nur für den musealen Bereich (Museumsdörfer und Ähnliches) möglich. Den bauphysikalisch kritischen Gegebenheiten muss besondere handwerkliche Sorgfalt entgegengesetzt werden. Dass insgesamt eine hervorragende restauratorische Arbeit geleistet wurde, weisen die Bilder nach.

Dieser Artikel erschien in BAUEN MIT HOLZ 2/2008.

Klaus Fritzen

Dipl.-Ing. (FH) Klaus Fritzen ist Herausgeber im Bruderverlag.

Planung und Bauleitung

Planungsteam Christoph Freudenberger, St. Georgen und Martin Wider Alemannischer Holzbau, 79 853 Lenzkirchen/Raitenbuch

Bestandsaufnahme

Architekturbüro Münich, 78112 St. Georgen

Bauphysik

Hansruedi Nydegger, CH 3714 Frutigen

Bearbeitung Denkmalpflege und Konservatorisches Konzept

M. A. Ulrike Schubart, Regierungspräsidium Freiburg Referat 25 Denkmalpflege

Bauausführung

Alemannischer Holzbau Zimmerei Martin Wider, 79 853 Lenzkirchen/Raitenbuch