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bmH bauen mit Holz 9.2019: Von der Lehrstelle zur Leerstelle

Liebe Leserinnen und Leser, den deutschen Zimmereibetrieben geht es gut. Das zeigt der neueste Lagebericht von Holzbau Deutschland (siehe ab Seite 42), nachdem die Umsätze der Branche auch 2019 voraussichtlich wieder um 4 Prozent steigen werden.

Ulrich Wolf
Ulrich Wolf. Bild: Balsereit

Haupttreiber des Holzbaubooms sind die privaten und gewerblichen Bauherren, die öffentlichen Auftraggeber hingegen verlieren an Bedeutung. Das ist aus meiner Sicht nicht verwunderlich, gelten doch die Kommunen gelinde gesagt als schwierige Kunden, die man in Zeiten guter Baukonjunktur auch leichten Gewissens mal ignorieren kann. Ein Ende der guten Auftrags- und Beschäftigungslage ist nicht in Sicht; selbst wenn der Neubau stagnieren sollte, ist im Bereich der Bestandssanierung noch auf Jahre hinaus genug zu tun.

Nicht ganz so rosig sieht es allerdings bei den Auszubildenden aus. Laut DIHK scheint die Durststrecke auf der Suche nach Azubis zwar insgesamt vorerst vorbei zu sein. Das hat aber weniger mit einer gestiegenen Attraktivität der Lehrberufe zu tun, sondern eher damit, dass sich im Zeichen einer drohenden Rezession offenbar mehr junge Menschen für eine im Gegensatz zum Studium bezahlte Ausbildung entscheiden. Die aktuelle DIHK-Umfrage zeigt: In der Zeit der Rezession zwischen 2008 und 2012 waren noch vergleichsweise wenige Ausbildungsplätze unbesetzt – ungefähr 22 Prozent. Seit 2014 blieben die Zahlen aber stabil zwischen 31 und 34 Prozent.

Viel mehr noch als die reine Zahl der potenziellen Azubis gibt aber deren – ich nenne es mal – Zustand Anlass zur Sorge. Rund 20 Prozent der befragten Zimmereibetriebe konnte ihre Ausbildungsstellen mangels Eignung der Bewerber nicht besetzen. Nach den Erfahrungen vieler Betriebe fehlt es den Interessenten an Arbeitsbereitschaft, Belastbarkeit und Disziplin, von den Grundlagen wie Rechnen und Rechtschreibung ganz zu schweigen. Auch die körperliche Fitness der jungen Leute tendiert gegen Null (siehe Seite 52), was im Ergebnis nicht nur zu verminderter Leistungsfähigkeit, sondern auch zu einer höheren Krankheitsrate führt.

All das ist nicht neu, aber wenn ich alljährlich die Zahlen und Fakten lese, erschrecke ich doch immer wieder aufs Neue. Ich frage mich, was eigentlich in den 16 bis 18 Jahren vor der angepeilten Ausbildung passiert (oder besser: nicht passiert), dass den jungen Menschen solche elementaren Fähigkeiten oder zumindest Einsichten fehlen. Wenn der Ausbildungsbetrieb zum Schulbildungsreparaturbetrieb werden muss, um überhaupt noch junge Menschen ausbilden zu können, läuft in unserem Bildungssystem etwas gewaltig schief.

Ulrich Wolf
Management Programm
u.wolf@bruderverlag.de

Titel bmH 9.2019