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Der Zimmermann 9.2018: Azubis gesucht?

Liebe Leserinnen, liebe Leser, der Sohn einer Bekannten wollte eine Ausbildung zum Zimmerer machen. Er hat die Realschule mit einem Durchschnitt von 2,2 beendet, in Mathe und Sport stand sogar je eine Eins auf dem Zeugnis. Er hat in fünf Betrieben jeweils eine Woche zur Probe gearbeitet, ist sehr motiviert und immer pünktlich gekommen. Dennoch kam es in keinem der Betriebe zu einem Vertragsabschluss.

Angela Trinkert 2018
Angela Trinkert. Bild: Balsereit

Als ich davon erfahren habe, hat mich das doch etwas schockiert, da ich mir, so wie ich den Sohn der Bekannten kennengelernt habe, nicht vorstellen konnte, dass es an fehlenden Kompetenzen oder an seiner Arbeitseinstellung liegt. Von einigen Betrieben wurde ihm wohl auch mitgeteilt, nachdem er eine Woche zur Probe gearbeitet hatte, dass man lieber Abiturienten einstellen möchte. Das hängt vermutlich mit dem Alter zusammen. Abiturienten haben einen Führerschein und sind 18 Jahre alt – oder kurz davor – und damit vor dem Gesetz erwachsen, das Jugendarbeitsschutzgesetz muss nicht mehr beachtet werden. Praktisch für den Betrieb, unschön für Ausbildungswillige mit einem mittleren Schulabschluss. Die Betriebe scheuen sich damit vor verschiedenen Verantwortungen: zum einen der pädagogischen, wenn man keine minderjährigen Azubis beschäftigen möchte. Nicht umsonst ist der arbeitspädagogische Teil ein wichtiger Baustein in der Meisterausbildung. Zum anderen ignoriert man die gesamtgesellschaftliche Verantwortung.

Zwar haben die Ausbildungszahlen auf dem Bau wieder zugenommen – laut Zentralverband des Deutschen Baugewerbes haben sich in der Zeit vom 1. Juli 2017 bis zum 30. Juni 2018 in den alten Bundesländern die Lehrlingszahlen um 2,7 Prozent auf 29.464 erhöht. In den neuen Bundesländern ist der Zuwachs mit 7,9 Prozent auf jetzt 5.470 Lehrlinge sehr viel deutlicher ausgefallen. Aber Fachkräfte sind immer noch Mangelware und werden dringend gesucht. Gerade im Holzbau, der weiter im Aufwind ist, werden Leute benötigt. Laut Lagebericht von Holzbau Deutschland ist die Holzbauquote trotz sinkender Baugenehmigungen bei Wohngebäuden weiter auf nun 17,7 Prozent im Jahr 2017 gestiegen. Im Vorjahr 2016 lag sie noch bei 16,2 Prozent. Und sie wird noch weiter steigen, da sich immer mehr Landesbauordnungen dem Holzbau öffnen. Gerade erst hat Nordrhein-Westfalen eine neue Landesbauordnung erhalten, die nun auch das Bauen mit Holz in den Gebäudeklassen 4 und 5 ermöglicht (Seite 9). Es ist also heutzutage sehr kurz gedacht, einen potenziellen Ausbildungskandidaten abzulehnen. Nun, der Sohn der Bekannten wird jetzt Dachdecker. Auch ganz schön.

Ich wünsche Ihnen eine nützliche Lektüre.

Ihre

Angela Trinkert