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Der Zimmermann 9.2019: Erst denken, dann digitalisieren

Liebe Leserin, lieber Leser, „In Silicon Valley favorisieren Eltern für ihre Kinder Schulen mit Kreidetafeln und Lateinunterricht“, las ich kürzlich in der Wochenendausgabe meiner Tageszeitung.

Angela Trinkert

Wenn man davon ausgeht, dass ein Großteil dieser Eltern ihr Geld in der US-amerikanischen Hochburg für digitale Technologien mit dem virtuellen Fortschritt verdient, ist es schon verwunderlich, dass sie ihre Kinder genau davon fernhalten möchten. Aber vielleicht ersetzt ganz langsam die Vernunft den anfänglichen Hype, und es entsteht eine Bewegung, Algorithmen nur dort einzusetzen, wo sie sinnvoll sind, anstatt planlos Tablets und Whiteboards an allgemeinbildenden Schulen zu verteilen oder, weil für die digitale Schule zu wenig Geld zur Verfügung steht, Schülerinnen und Schüler zu animieren, ihre eigenen Smartphones im Unterricht einzusetzen. Die Einschätzung, was sinnvoll ist, ist natürlich sehr subjektiv. Keine Frage, die Digitalisierung kann uns das Leben sehr erleichtern. Aber was sie nicht kann, ist, uns das eigenständige und kritische Denken abnehmen. Wenn Bauschaffende, egal ob in der Planung oder in der Ausführung, nicht mehr gelernt haben zu hinterfragen, was sie da eigentlich tun, sind Fehler vorprogrammiert. Wenn sie aber die Digitalisierung als ein weiteres Werkzeug sehen, mit dem der Arbeitsprozess einfacher und effizienter bewerkstelligt werden kann, dann können sie diese sehr sinnvoll einsetzen.

Ein Beispiel zeigt der Artikel auf Seite 8. Ein Holzbauunternehmen ist in die automatisierte Fertigung eingestiegen, wodurch auch die Qualität merkbar gesteigert wurde. Aber durch die Vorfertigung hat sich auch der Planungprozess geändert, wie der Holzbauer sagt. Denn im Voraus ist eine wesentlich genauere Planung erforderlich, der Aufwand für die Arbeitsvorbereitung hat sich deutlich erhöht. Und genau dieser Arbeitsschritt benötigt Köpfe, die analog vor- und mitdenken. Nur dann können die Schnittstelle Mensch-Maschine funktionieren, eine hohe Qualität gewährleistet und möglichst viele Fehler vermieden werden.

Der Beitrag auf Seite 30 gibt einen Ausblick auf die Baustelle 4.0, mit der eine durchgängige Digitalisierung sämtlicher Bauabläufe über alle Bauphasen hinweg angestrebt wird. Diese virtuellen Prozessketten können Zeitersparnis, Arbeitserleichterung der Beschäftigten und eine durchgängige Dokumentation ermöglichen. Aber auch da gilt, gerade zu Beginn eines Bauprojekts müssen die am Projekt Beteiligten viel Zeit investieren, die Fehler müssen im Vorfeld beseitigt werden, bevor die Bauausführung beginnt. Werden die Details in der Planung und in den unterschiedlichen Gewerken nicht beachtet, kann es zu Fehlern kommen, die ein Baustellenroboter, der perspektivisch am Ende der Prozesskette sitzt und trotz künstlicher Intelligenz auch nur einen Plan abarbeitet, vielleicht noch erkennen aber sicherlich nicht wettmachen kann.

Ihre

Angela Trinkert
Management Programm
a.trinkert@bruderverlag.de