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DHV: Vereinfachung der Baugesetze gefordert

In Deutschland fehlen zurzeit zwischen 350.000 und 400.000 Wohneinheiten; das entspricht der Neubautätigkeit eines ganzen Kalenderjahres. Dass es überhaupt zu einem derart hohen Defizit kommen konnte, liegt nach Einschätzung des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes e.V. (DHV) unter anderem an dem viel zu komplexen Bauordnungsrecht und dem Nebeneinander von 16 verschiedenen Landesbauordnungen.

Holzhaus
Letztlich ist es eine Frage des politischen Willens, ob und in welchem Umfang in einem Bundesland mit Holz gebaut werden darf. Foto: DHV-Archiv/Augsburger Holzhaus

Um den akuten Wohnungsmangel nicht noch größer werden zu lassen, sondern Bauinteressenten den Weg ins Eigenheim so einfach wie möglich zu gestalten, setzt sich der DHV dafür ein, überbordende Gesetzes- und Regelwerke zu entfrachten. Jedes Bundesland hat gemäß Bauordnungsrecht eine eigene Landesbauordnung (LBO) erlassen, die den landestypischen Baustilen, traditionellen Bauweisen, topographischen Gegebenheiten sowie technischen Anforderungen Rechnung tragen soll. Geregelt wird, wie, womit, wie hoch, in welchem Abstand gebaut werden darf und anderes mehr.

Erwin Taglieber
DHV-Präsident Erwin Taglieber ist sich sicher, dass das Bauen mit Holz bundesweit umso beliebter wird, je stärker bürokratische Hürden in den verschiedenen Landesbauordnungen abgebaut werden. Foto: DHV-Archiv/Taglieber Holzbau

„Es kann nicht angehen, dass für die Herstellung der gleichen Sache in jedem Bundesland andere Regeln gelten. Häuser braucht und baut man schließlich überall! Da es nach wie vor der Traum der meisten Bundesbürger ist, in den eigenen vier Wänden zu wohnen, sollte es jedem Wohnungsbaupolitiker ein Herzensanliegen sein, dass sich dieser Traum für möglichst viele Bürger auch erfüllt. Und zwar sinnvollerweise schon in der Lebensphase der Familienplanung – nicht erst kurz vor dem Rentenalter“, sagt Erwin Taglieber, Holzbauunternehmer aus Oettingen in Bayern. Als Präsident des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes fordert er deshalb eine Rosskur für die deutschen Baugesetze sowie klaren Vorrang für das Ziel, Wohnraum für Familien zu schaffen. Damit spricht er auch für über 300 mittelständischen Hausbauunternehmen, die den miteinander kooperierenden Holzbau-Verbänden Deutscher Holzfertigbau-Verband (DHV, Ostfildern), ZimmerMeisterHaus (ZMH, Schwäbisch Hall) und 81fünf high-tech & holzbau AG (81fünf, Lüneburg) angehören.

In vielerlei Hinsicht haben sich die LBOs einander mit der Zeit zwar angenähert – aber längst noch nicht in jedem Punkt. „Die größten Unterschiede zwischen den Landesbauordnungen bestehen beim Brandschutz.“, sagt Bauphysiker Dipl.-Ing. Wolfgang Schäfer, Geschäftsführer Technik beim Zimmererverband Holzbau Baden-Württemberg. Architekten, Bauunternehmen und Bauhandwerker müssen deshalb nach wie vor bei jedem Bauwerk darauf achten, dass sie gemäß geltender Landesbauordnung planen, bauen und zu Werke gehen. Dabei wäre es viel effizienter, identischen oder ähnlichen Erfordernissen mit den gleichen Maßnahmen und Bauteilen gerecht zu werden. Trotz aller Bestrebungen auf Bundesebene, das geltende Baurecht zu harmonisieren, indem man Reformkommissionen einberuft oder Ausschüsse einsetzt, wird das Rad in 16 Bundesländern immer wieder neu erfunden. Ob das an tatsächlichen sachlichen Erfordernissen liegt oder eher daran, dass 16 Landesbauminister andernfalls um ihren Einfluss bangen müssten, sei einmal dahingestellt.

Von Land zu Land abweichende Baugesetze machen wenig Sinn

Was die konkreten Schutzziele angeht, besteht für von Bundesland zu Bundesland abweichende Regelungen laut Verbänden keine sachliche Notwendigkeit. Demgemäß sind Fragen zum Wärme-, Hitze-, Schall- und Feuchteschutz in den meisten LBOs schon näherungsweise ähnlich gefasst. „Überspitzt formuliert, müsste man sonst ja unterstellen, dass es in Brandenburg anders brennt als in Bayern, Baden-Württemberg oder Berlin“, weist Bauphysiker Wolfgang Schäfer auf das Verwirrpotenzial hin, das im Nebeneinander unterschiedlicher Bauordnungen der Länder schlummert. Eigentlich sollen sie alle das Gleiche bewirken: das Bauen praktikabel und standortgerecht zu regeln. Für die ausführenden Hausbauunternehmen entpuppt sich das Nebeneinander von 16 Landesbauordnungen allerdings als erheblicher Kostenfaktor, der das Bauen über den Verwaltungsweg verkompliziert und unnötig verteuert.

Holzbau
Foto: Achim Zielke für den DHV/Architekturbüro Kaden+Lager

Vorbild: LBO Baden-Württemberg

Aus Sicht des Deutschen Holzfertigbau-Verbandes ist die Landesbauordnung von Baden-Württemberg vorbildlich und sollte als Universalvorlage für die Muster-Bauordnung (MBO) dienen, deren Inhalte im Zuge der Harmonisierung und Vereinheitlichung der LBOs in allen Bundesländern in geltendes Landesrecht zu überführen wären. Insbesondere die Regelungen zu Gebäuden der Klassen IV (bis 13 m Höhe und Nutzungseinheiten mit jeweils nicht mehr als 400 m²) und V (Gebäude über 13 m Höhe) erleichtern in Baden-Württemberg die Verwendung des Werkstoffs Holz in Anwendungsbereichen, die bisher anderen Werkstoffen vorbehalten waren. Hinzu kommt, dass das Land Baden-Württemberg mit seiner aktuellen Holzbau-Offensive dem Einsatz des Naturbaustoffs nachhaltig den Rücken stärke und öffentliche Gebäude, bei denen das Land der Bauherr ist, künftig vorrangig in moderner Holz- oder Holz-Hybrid-Bauweise umsetzen lassen will. Damit trägt Baden-Württemberg der Tatsache umfassend Rechnung, dass Holz als Baumaterial ein hochwirksames Speichermedium ist, das die Atmosphäre von klimaschädlichem Kohlendioxid entlastet.

„Letztlich ist es eine Frage des politischen Willens, ob und in welchem Umfang in einem Bundesland mit Holz gebaut werden darf. Wie beliebt das Bauen mit Holz bei privaten Bauherren ist, sieht man in Baden-Württemberg, wo mehr als jedes dritte Einfamilienhaus in Holzrahmen- oder Holzfertigbauart errichtet wird“, unterstreicht DHV-Präsident Erwin Taglieber. Für die politische Entscheidung, Gebäude aus Holz in allen Bundesländern in vergleichbarem Umfang wie in Baden-Württemberg zu ermöglichen, braucht es Fakten, die TIMPuls liefere. Als Holzbauunternehmer hat er keinen Zweifel, dass sich der Werkstoff auch bei Mehrgeschossgebäuden bundesweit durchsetzen wird.

Mit der Verwendung von Holz aus bauordnungsrechtlicher Sicht befassen sich die Forschungsprojekte „Holzbau-Richtlinie B.-W.“ und „TIMpuls“ ( www.hb.bgu.tum.de/de/timpuls/startseite.htm ), an denen sich auch der Deutsche Holzfertigbau-Verband beteiligt.