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Fachwerk: Sichere Zukunft für historischen Glockenturm

2009 wurde in Clausthal-Zellerfeld die größte Holzkirche Deutschlands saniert. Denn in den letzten 375 Jahren haben Wind und Wetter erhebliche Schäden herbeigeführt. Außergewöhnliche und teilweise neuartige Konstruktionsdetails sollen den historischen Holzbau auf die nächsten Jahrhunderte vorbereiten.

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Vor der Sanierung war der Holzturm akut einsturzgefährdet. Daher wurde er zunächst von zwei Seiten mit Notstützen gesichert. Bild: Reinhard Lott, Amt für Bau- und Kunstpflege

Es war am 20. September 1634, als ein verheerendes Feuer in Clausthal wütete. 162 der etwa 320 Wohnhäuser brannten nieder. Auch das Rathaus, die Schule, das Gefängnis und die Kirche waren binnen sechs Stunden zerstört. Von den damals 3.000 Einwohnern der Harzstadt waren von jetzt auf gleich 1.500 obdachlos. Nahrungsmittelvorräte, Kleidung und Möbel waren vernichtet. Es ist wohl dem Ideenreichtum der damaligen Bevölkerung und einem starken gemeinschaftlichen Gefüge zu verdanken, dass der Großbrand nicht auch noch eine Hungerkatastrophe nach sich zog.

Ganz im Gegenteil: Man rückte zusammen und begann mutig, fleißig und mit unbeschreiblichem Gottesglauben, die Stadt wieder aufzubauen. Dabei sollte es auch schnellstmöglich eine neue Kirche geben, denn gerade diese war damals in der Bergbaugegend von zentraler Bedeutung. Zum einen gab sie den Bergleuten und ihren Familien Halt und zum anderen wurde mit ihrem Geläut der Bergbaubetrieb in der Stadt geregelt. Daher ist der Turm mit Glocke als Weckruf für die Bergleute der älteste Gebäudeteil.

Bereits acht Jahre nach dem Brand, zu Pfingsten 1642, wurde die neue Kirche eingeweiht: die Marktkirche zum Heiligen Geist. Sie bot schon damals weit über 1.000 Gläubigen Platz und war komplett aus Holz des Oberharzes gebaut. Nach mehreren Erweiterungen, Umbauten und Sanierungsarbeiten ist sie seither die größte Holzkirche Deutschlands.

Nicht alle Sanierungen waren jedoch nützlich. Besonders eine Korrektur am Glockenturm sorgte für erhebliche Schäden, die erst mit einem Neuabbund des Turms im Jahr 2008 nachhaltig beseitigt werden konnten. Der hölzerne Glockenturm besteht seit 1638, also vier Jahre vor Einweihung der Kirche, aus einem Innenturm und einem Außenturm. Der Innenturm trägt das Geläut, während der Außenturm das Dach mit Laternengeschoss und Kuppel schultert und so die gesamte Konstruktion vor Wind und Wetter schützt. Durch die Schwingungen, die beim Läuten der schweren Bronzegussglocken entstehen, kam es über die Jahrhunderte zu Verformungen in den zimmermannsmäßigen Verbindungen und zu Verdrehungen der Konstruktionshölzer. Auch das Fundament litt unter dem ständigen Lastwechsel beim Glockenschlag. Der Grund hierfür liegt in der komplexen dynamischen Belastung besonders in Form von Torsion die während des Läutens der drei Glocken entsteht. Denn die Glocken schwingen niemals absolut synchron. Insofern gibt es praktisch unzählige Lastfälle.

Aufgrund der starken Verformungen entschloss man sich, den Innenturm mit dem Außenturm zu verbinden. So erhöhe sich die Stabilität der Gesamtkonstruktion und das Problem sei gelöst, war damals der Denkansatz. Allerdings waren sich die Verantwortlichen nicht darüber im Klaren, was diese Korrektur für die Gesamtkonstruktion bedeuten würde: Die starken Schwingungen übertrugen sich nunmehr auch auf den Außenturm. Dichtungen und Falze verloren ihre Funktion und eindringendes Regenwasser zerstörte Schwellen und Fußpunktanschlüsse. Die Schäden gipfelten letztlich in einer Schiefstellung des Turms über die Süd-West-Ecke von zuletzt 26 cm. Schon 2002 war die größte der drei Glocken stillgelegt worden. Nach einer erneuten Gebäudevermessung verordnete der Sachverständige und Statiker Jürgen Goetz vom Ingenieurbüro Götz & Ilsemann dem Turm unverzüglich zwei provisorische Stützkonstruktionen an der Süd- und an der Westfassade. Doch der Turm neigte sich zusehends weiter. Schließlich wurden auch die zwei letzten Läuteglocken stillgelegt und der Turm sollte komplett saniert werden. "Der Turm war damals akut einsturzgefährdet", sagt Jürgen Götz. "Es war höchste Zeit, die Konstruktion komplett zu sanieren. Der Turm war nicht mehr standsicher." Die Ingenieure gingen an die Arbeit und erdachten eine außergewöhnliche und ebenso effektive Konstruktion für das historische Geläuthaus. Es war von Beginn an klar, dass Innenturm und Außenturm wieder dauerhaft voneinander getrennt werden mussten. Der Innenturm wurde so bemessen, dass er einerseits die auftretenden statischen Lasten sicher in den Baugrund abtragen kann, anderseits die dynamische Belastung durch das Schwingen der Glocken nachhaltig verkraftet.

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Nachspannbare Verbindungen aus Edelstahl dienen der langfristigen Wartung des Turmes. So wird dauerhaft vermieden, dass sich in der Konstruktion unkontrollierte Vibrationen einstellen und zu Schäden führen. Bild: Balck

Montagezustände waren besonders zu beachten

Neben der statischen Betrachtung des Bauwerks im Endzustand war es auch Aufgabe der beteiligten Fachleute, den Richtvorgang des Holzbauwerks genau zu definieren. Der Turm oberhalb des Turmschaftes wurde in transportfähigen Teilen von der Firma Mönnig-Bau aus Katlenburg-Lindau vorgefertigt und dann zur Baustelle transportiert. Danach wurden die unteren drei Fachwerkgeschosse des Außenturms und der innere Glockenturm gemeinsam mit der Firma Bade-Dächer gut zwei Meter neben den Fundamenten gerichtet. Die Handwerker konnten nicht direkt auf dem Fundament aufbauen, weil der Turm durch mehrere Querverbände ausgesteift werden musste. Diese Verbände wurden von außen in die Konstruktion eingefädelt und erforderten rund um den Richtplatz einige Meter freie Fläche. Danach wurden Innenturm und Außenturm an einen Schwerlastkran angehängt und in einem Kranhub auf die neuen Fundamente gesetzt. "Es war millimetergenaue Maßarbeit und das Ergebnis sehr guter intensiver Zusammenarbeit aller an der Planung beteiligten Ingenieure und Handwerker", erklärt der Architekt und Bauleiter der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover Reinhard Lott.

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Der Glockenturm wurde werkseitig in transportablen Teilen vorgefertigt und auf der Baustelle etwa zwei Meter neben den Fundamenten zusammengesetzt. Bild: Austen

Nachdem die unteren drei Fachwerkgeschosse des Turms an ihrem Platz standen, der vorgefertigte Glockenstuhl aus Eiche in der Glockenstube aufgestellt und die Läuteglocken wieder eingehängt waren, wurden das neu abgebundene Oktogon mit einem Altholzanteil von 87 %, das Laternengeschoss, die Zwiebeldachkonstruktion und die kleine Haube in Einzelsegmenten wieder aufgesetzt und verankert. Danach begannen die Zimmerer mit der Verkleidung des Turms mit einer Bodendeckelschalung nach historischem Vorbild.

Der Turm wurde am 5. Oktober 2008 nach nur 10 Monaten Bauzeit feierlich wiedereröffnet. Seitdem schallen die restaurierten Glocken wieder weit über Clausthal-Zellerfeld. Vor der Wiedereröffnung untersuchte Cornelia Röder vom Büro Götz & Ilsemann die Konstruktion bei einem Probeläuten erneut und stellte fest: "Die Schwingungen des Innenturmes übertragen sich an keiner Stelle auf den Außenturm. Hinzu kommt, dass die Verformung des Innenturms während des Läutens unterhalb von 2 mm liegt." Dies sei nach Angaben von Jürgen Götz etwa der Wert, den auch die Berechnungen ergeben hätten. Insofern war das außergewöhnliche Baukonzept mit voneinander getrennten Fundamenten und der nachhaltig wartbaren Holzkonstruktion ein voller Erfolg.

Wolfgang Schäfer

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