zurück

Faktencheck zum SZ-Artikel „Auf dem Holzweg“

Anfang September erschien in der Süddeutschen Zeitung (SZ) der Kurzartikel „Auf dem Holzweg“. Kurz danach erhielten die Abgeordneten des baden-württembergischen Landtags einen Brief des Branchenverbands „Bauwirtschaft Baden-Württemberg“. In beiden wird jeweils behauptet, eine wissenschaftliche Studie des Beratungsunternehmens LCEE hätte gezeigt, dass die Massivbauweise klimaschonender sei als die Holzbauweise.

Faktencheck Holzbauweise vs. Massivbauweise
Der "holzbau report" des Bayerischen Zimmerer- und Holzbaugewerbes konterkariert einen SZ-Artikel, in dem behauptet wird, die Massivbauweise sei klimaschonender als die Holzbauweise. Bild: bmH bauen mit Holz

Da zu vermuten ist, dass es sich hier um eine langfristig angelegte Desinformationskampagne handelt, ist wichtig, die Falschaussagen des LCEE zu erkennen und überzeugende Antworten parat zu haben. Dafür startet der "holzbau report des Bayerischen Zimmerer- und Holzbaugewerbes" eine Artikelserie und beginnt in seiner Novemberausgabe mit den Falschaussagen im SZ-Artikel.

„Verglichen mit ihren Konkurrenten haben [Holzhäuser] zwar einen Startvorteil, langfristig fällt im Holz gebundener Kohlenstoff aber kaum ins Gewicht.“ SZ-Artikel, Zeilen 6-9

Richtig ist: Je länger ein Gebäude steht, desto größer wird in der CO2-Gesamtbilanz der Anteil der beim Heizen erzeugten CO2-Emissionen. Und je niedriger die beim Heizen erzeugten CO2-Emissionen sind, desto länger hat in der CO2-Gesamtbilanz die Herstellung der Baustoffe den größeren Anteil. Wohl deshalb kämpft die Mauerwerksbranche seit langem vehement gegen eine Verschärfung der EnEV-Anforderungen. Und natürlich auch, weil sich im Holzbau gute Wärmedämmwerte mit wesentlich schlankeren Wandstärken erzielen lassen. Da Holz bei seiner Entstehung große Mengen CO2 speichert, mineralische Baustoffe jedoch bei ihrer künstlichen Herstellung große Mengen CO2 freisetzen, hat Holz einen sehr großen Startvorteil. Der schrumpft durch die beim Heizen erzeugten CO2-Emissionen nur relativ, nicht absolut. Bei Gebäuden in mineralischer Bauweise sind die bei der Baustoffherstellung erzeugten CO2-Emissionen deutlich höher als die in einem Zeitraum von 50 Jahren durch Heizen mit Gas erzeugten CO2-Emissionen. Das bedeutet: Bei der Wahl der Baustoffe liegt kurz- und mittelfristig das größte CO2-Einsparpotenzial. Nimmt man den Klimaschutz ernst, dann ist dies der entscheidende Aspekt. Denn die Erwärmung des Klimas muss so schnell wie möglich und so stark wie möglich gebremst werden, sonst haben unsere Ökosysteme nicht genügend Zeit, sich anzupassen – und kollabieren.

„Gebäude aus Ziegel, Kalksandstein, Poren- oder Leichtbeton […] können Wärme besser speichern […] Folglich muss weniger geheizt werden.“ SZ-Artikel, Zeilen 10-13

Richtig ist: In Mitteleuropa sind die Wärmegewinne durch Sonneneinstrahlung relativ gering. Die Reduzierung der Wärmeverluste durch eine gute Wärmedämmung ist hier für die Energieeffizienz wesentlich wichtiger. Zwar haben mineralische Bauweisen an kalten und gleichzeitig sonnigen Tagen durchaus den Vorteil, mehr von der durch die Fenster ins Gebäude eingestrahlte Sonnenenergie speichern zu können, doch das ist nur an wenigen Tagen im Jahr der Fall und fällt in der Gesamtbilanz kaum ins Gewicht.

„Das Beratungsinstitut LCEE hat den CO2-Verbrauch für die gängigen Häusertypen […] durchgerechnet […] Demnach verbraucht ein Mehrfamilienhaus aus Mauerwerk in fünf Jahrzehnten 16 Tonnen CO2 weniger als die Variante in Holz.“ SZ-Artikel, Zeilen 14-19

Grundsätzlich gilt: CO2 wird nicht verbraucht, sondern erzeugt und freigesetzt. CO2 ist ein gasförmiges Abfallprodukt, das bei der Energiegewinnung durch Verbrennen von fossilen oder nachwachsenden Brennstoffen entsteht. Der im Brennstoff gebundene Kohlenstoff (C) verbindet sich mit dem Sauerstoff (O2) der Luft zu CO2. Hier dürfte es sich wohl um einen Fehler des zuständigen SZ-Wissenschaftsredakteurs handeln, dem das Themengebiet „Klimaerwärmung“ noch nicht so geläufig ist.

Richtig ist: Wird eine CO2-Bilanz normgerecht erstellt, so ist es quasi unmöglich, dass ein Holzgebäude nach 50 Jahren mehr CO2 freigesetzt hat als ein Mauerwerksgebäude. Das LCEE fällt allerdings seit Jahren durch seltsame Rechenmethoden auf. Diese basierten immer auf Annahmen, die nicht normgerecht und ziemlich wirklichkeitsfremd sind. Dafür wurde der Betrachtungszeitraum verlängert, die ersten 50 Jahre zwar normgerecht bilanziert, die Jahre danach dann aber mit grotesken Rahmenbedingungen. So wird in der letzten Studie z.B. der Betrachtungszeitraum auf 80 Jahre ausgedehnt und dabei angenommen, dass bei einem Holzgebäude nach 70 Jahren die komplette Außenwandkonstruktion ausgetauscht wird, bei einem Mauerwerksbau jedoch nicht. Auf diese Weise wird die CO2-Bilanz der Holzbauweise schlechtgerechnet. Angesichts der Überfülle an Detailinformationen fällt dies den wenigsten Lesern auf. Und wenn doch, dann weiß kaum jemand, dass es zur Lebensdauer von Gebäuden und Bauteilen keinerlei wissenschaftlichen Studien gibt. Die vom LCEE als Berechnungsgrundlage angesetzten Rahmenbedingungen dienen allein dem Zweck, das vom Auftraggeber – der Marketingorganisation „Deutsche Gesellschaft für Mauerwerksbau“ (DGfM) – gewünschte Ergebnis zu erzielen. Mit seriöser Wissenschaft hat das nichts mehr zu tun. In der vom Bayerischen Wirtschaftsministerium und dem Bayerischen Landesamt für Umwelt herausgegebenen Studie „Lebenszyklusanalyse von Wohngebäuden“ wird im Kapitel „1.2 Wissenschaftlich-technischer Stand“ auf die fragwürdigen Methoden der LCEE-„Wissenschaftler“ Carl-Alexander Graubner und Sebastian Pohl ausdrücklich hingewiesen.

„Ein Holzhaus abzureißen kann mitunter bedeuten, dass zusätzlicher Kohlenstoff freigesetzt wird.“ SZ-Artikel, Zeilen 22-24

Richtig ist: Beim Abriss eines Holzgebäudes kann maximal die Menge Kohlenstoff in Form von CO2 freigesetzt werden, die das Holz während seines Wachstums gebunden hatte. Und dieser Kohlenstoff wird auch nur dann freigesetzt, wenn das Holz nicht wiederverwertet oder recycelt, sondern verbrannt wird. Doch woher wollen wir heute wissen, was in 50 oder 100 Jahren damit tatsächlich geschieht? Aussagen darüber sind rein spekulativ. Recyclingtechnologien können bis dahin so gut sein, dass das Holz komplett stofflich weiterverwertet wird und so der in ihm gebundene Kohlenstoff gebunden bleibt. Grundsätzlich gilt aber schon heute: Da Holz nicht mit hohem Energieaufwand und hohen CO2-Emissionen künstlich hergestellt wird und auch seine Ernte und Bearbeitung nur relativ wenig Energie benötigt und CO2 freisetzt, ist seine CO2-Gesamtbilanz immer besser als die mineralischer Baustoffe – auch nach seiner kompletten Verbrennung.

„[Es wird beim Abriss eines Holzgebäudes] Kohlenstoff [freigesetzt], den Bäume theoretisch immer noch speichern könnten. Wenn man sie nie abgeholzt hätte.“ SZ-Artikel, Zeilen 24-26

Richtig ist: Das Ernten von Bäumen reduziert die Klimaschutzwirkung unserer Wälder nicht, sondern steigert sie. Denn das Ernten ermöglicht das Pflanzen junger Bäume. Und wachsende Bäume binden mehr Kohlenstoff als ausgewachsene Bäume. Die stoffliche Nutzung von Holz sorgt anschließend dafür, dass der gebundene Kohlenstoff noch für Jahrzehnte bis Jahrhunderte gebunden bleibt, während ein abgestorbener Baum beim Verrotten in kurzer Zeit genau die Menge Kohlenstoff wieder freisetzen würde, die er im Lauf seines Lebens gebunden hatte. Die Kombination aus einer nachhaltigen Bewirtschaftung unserer Wälder und einer stofflichen Nutzung des geernteten Holzes bindet am meisten Kohlenstoff.

Autor: Günter Hartmann

Der Artikel ist erstmalig im „holzbau report 11.2018 des Bayerischen Zimmerer- und Holzbaugewerbes“ erschienen. Die Falschaussagen im Brief an die baden-württembergischen Landtagsabgeordneten sollen im Dezemberheft des holzbau reports richtiggestellt werden.

Seriöse Studien zu CO2-Bilanzen von Gebäuden

Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie / Bayerisches Landesamt für Umwelt (Hrsg.)
Holger König (Autor)
Lebenszyklusanalyse von Wohngebäuden
Lebenszyklusanalyse mit Berechnung der Ökobilanz und Lebenszykluskosten
Januar 2018
http://t1p.de/q5xy  

Ruhr-Universität Bochum
Ressourceneffizientes Bauen
Prof. Dr.-Ing. Annette Hafner
Treibhausgasbilanzierung von Holzgebäuden
Umsetzung neuer Anforderungen an Ökobilanzen und Ermittlung empirischer Substitutionsfaktoren
April 2017
http://t1p.de/w8hz  

Technische Universität München
Holzforschung München
Sebastian Rüter
Der Beitrag der stofflichen Nutzung von Holz zum Klimaschutz
Das Modell WoodCarbonMonitor
Dissertation, März 2016
http://t1p.de/fupc