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KfW Award Bauen 2020: Holz geehrt

Der KfW Award Bauen 2020 zeichnet bereits zum 18. Mal Bauherren oder Baugemeinschaften aus, die in den vergangenen fünf Jahren ein Neubau-Projekt umsetzten oder ein bestehendes Gebäude erweiterten, umwidmeten, modernisierten oder belebten. Holzhäuser werden in den Kategorien Neubau und Bestand geehrt.

KfW Award Bauen 2020
Von der Gemeinde kamen viele Vorgaben bezüglich Größe, Dachüberstand, Fensterfronten und Baumaterial. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

Der Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, Horst Seehofer, hat die Schirmherrschaft des KfW Awards Bauen übernommen. Die Jury unter Vorsitz des Architekten Prof. Hans Kollhoff bewertete die Vorhaben hinsichtlich ihrer Balance aus Architektur und Erscheinungsbild, guter Integration in das bauliche Umfeld, Energie- und Kosteneffizienz, zukunftsorientierter und nachhaltiger Bauweise, optimaler Raum- und Flächennutzung sowie auch individueller Wohnlichkeit.
Die Preisträger erreichen vielfach auch die Standards der KfW-Energieeffizienzhäuser und bauen Barrieren für ein altersgerechtes Wohnen ab.

KfW Award Bauen 2020
Das Haus von Andrea Aicher hat eine Verkleidung aus Lärchenschindeln. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

2. Preis Neubau: Zwei Holzhäuser Schleching

Im Chiemgau, Schleching, sind zwei neue Häuser in Holzbauweise entstanden. Die Schwestern Anja und Andrea Aicher legten großen Wert auf ökologische Baustoffe und eine regionaltypische Bauweise. Die Dämmung besteht ausschließlich aus natürlichen Materialien, wie Holzfaser und Cellulose. Der Standort zeichnet sich durch ein unverkennbares Alpenpanorama und den nahelegenden Chiemsee aus.


Das südlich des Chiemsees gelegene Schleching mit seinen 1800 Einwohnern nennt sich Bergsteigerdorf, denn es wird umrahmt von Gipfeln. Im Tal der hier rauschenden Tiroler Achen ist entsprechend wenig Platz, der Druck zur Erschließung von Bauland in der malerischen Lage aber hoch. So schnitt die Gemeinde im jüngsten Neubaugebiet auf der sprichwörtlichen „grünen Wiese“ die Grundstücke besonders klein zu: 350 Quadratmeter pro Bauplatz, Zielgruppe: junge Familien.

KfW Award Bauen 2020
Die kleinen Häuser von Anja und Andrea Aicher in Schleching in Oberbayern wurden mit dem zweiten Preis des KfW Award Bauen 2020 in der Kategorie Neubau ausgezeichnet. Die Bauherrinnen waren auch gleichzeitig die Architektinnen der Häuser. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

Kompakter Korpus mit offenen Grundriss

Auf so wenig Raum zu planen, war jedoch selbst für Profis wie sie „kniffelig“, zumal die Gemeinde auch noch einen regionstypischen Dachüberstand von zwei Metern vorn und 1,20 Metern zur Seite vorschrieb. „Das Dach wirkt dadurch relativ mächtig“, finden die Schwestern. „Das hat aber auch etwas Geborgenes.“

Die verordnete traditionelle Lösung wirkt zudem als „konstruktiver Holzschutz“: Selbst in dieser niederschlagsreichen Gegend können die Bretter und Balken dadurch ohne Chemie verbaut werden. Und die Verschattung der Fassaden sorgt außerdem dafür, dass es im Sommer in den Häusern schön kühl bleibt.

Für den kompakten „Korpus“ der Häuser wählten die Bauherrinnen dann aber moderne, offene Grundrisse. Die Häuser messen gerade neun mal sieben Meter im Umriss und verbinden Küche, Ess- und Wohnbereich zu einer Einheit. Das Licht fällt so von allen Seiten in die Stube. „Daran haben wir lang getüftelt“, berichten die Schwestern. „Es ist viel schwieriger, kleine Grundrisse zu entwickeln als große. Es sollte kein beengtes Gefühl entstehen.“

Laut Bebauungsplan durften nur zwei Fensterformate verwendet werden, was man aber gar nicht merkt, wenn man es nicht weiß. Und als Wandmaterial kam nur Putz oder Holz in Frage. Da rannten die beiden Unternehmerinnen also schon offene Türen ein.

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Die Häuser messen gerade neun mal sieben Meter im Umriss und verbinden Küche, Ess- und Wohnbereich zu einer Einheit. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

Blockaschalung aus geflämmter Fichte oder Schuppenkleid aus Lärchenschindeln

Gebaut wurde tatsächlich komplett aus Holz, nur die Verkleidung unterscheidet sich: Anjas Haus trägt eine Blockschalung aus geflämmter Fichte, Andreas ein Schuppenkleid aus Lärchenschindeln, mit einem ornamentalen Muster. Traditionell verziert sind auch die Balkenenden und Dachränder, „weil es gut in die Landschaft passt“, wie die Schwestern finden.

Im Kern sind die Häuser jedoch durchaus innovativ: So halten Buchenzapfen die Brettstapeldecken ohne Leim zusammen, alle Oberflächen sind unbehandelt, und sogar die Keller-Innenwände bestehen aus Holz. Die Holz-Alu-Fenster sind, wie das ganze Haus, pflegeleicht und recycelbar. Dank dicker Öko-Dämmung und Luft-Wasser-Wärmepumpe samt Energie-Rückgewinnung aus der Abluft wird der KfW-Effizienzhaus-Standard erreicht. Wie zum Beweis stehen vor jedem Haus die blitzenden Rohre für Zu- und Abluft.

Die Aicher-Schwestern sind trotz der engen gestalterischen Vorgaben zufrieden: „Wir hätten sowieso in die Richtung dieser Vorgaben gearbeitet, und wir haben die Stoff-Flüsse nun so nachhaltig wie möglich gestaltet.“

Projekt im Überblick

Projekt: Zwei Holzhäuser
Lage: Katzbachweg 3+5, 83259 Schleching          
Baujahr: 2017                                                                                                 
Bauherrinnen, Architektin und Energieberaterin: Anja Aicher, Andrea Aicher
Wohnfläche: 112 m²
Baukosten/m²: 3125 €/m²
Qualitäten für die Bewohner:  regionaltypisches Wohnen
Energiesparen: natürliche Bau- und Dämmstoffe, konstruktiver Holzschutz für Langlebigkeit, effiziente Wärmepumpe und Wärmerückgewinnung
Barrierearmut: Erdgeschoss barrierefrei, Garten schwellenfrei
Qualitäten für die Bewohner: regionaltypisches Wohnen nah an der Natur
Qualitäten für die Gesellschaft: reduzierter Landschaftsverbrauch, Versuch der Einfügung ins Weichbild der Landschaft
Energiesparen: nachwachsendes Baumaterial Holz fast durchgängig und unbehandelt verwendet
KfW-Förderung: 153, Neubau EBS
KfW-Standard: Effizienzhaus 55

4. Preis Bestand: Wiederaufbau Hofstelle Lage

KfW Award Bauen 2020
Der alte Stall wurde zum Wohnhaus umgebaut. . Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

Im ostwestfälischen Lage haben das Ehepaar Patrizia und Jochen Ferrara eine verlassene Hofstelle am Rande des Teutoburger Waldes wiederentstehen lassen. Der fast 400 Jahre alte Hof zeichnet sich durch eine idyllische Lage mitten im Landschaftsschutzgebiet und ein denkmalgeschütztes Gefüge aus. Das Ehepaar legte besonderen Wert auf eine energiesparende und nachhaltige Bauweise. Sie setzten auf Eichenholz, eine Holz-Pelletheizung mit Solarunterstützung und eine hauseigene Kläranlage. Der Ort wurde 1627 erstmals erwähnt, 1854 umgebaut, ein Vierseithof, wie er in der hügeligen Landschaft von Westfalen-Lippe typisch ist, aber immer seltener wird.

Material aus Abbruchhäusern: dicke Eichendielen, Sandsteine, Türen, die ins Ambiente passen

Da das Wohnhaus trotz Denkmalschutz nicht zu retten ist, baut das Paar den Stall zum Wohnen um. „Da konnten wir anfangs von unten nach oben durchgucken“, erzählen die Bauherren. Der Dachstuhl und viele Mauern müssen neu errichtet, die Dielenböden ersetzt werden, das Gebälk ist verrußt und lückenhaft. Mit Trockeneis gereinigt und fachgerecht ertüchtigt, hat die Struktur bald wieder Aura. Die Bauherren suchen Material aus Abbruchhäusern: dicke Eichendielen, Sandsteine, Türen, die ins Ambiente passen. Reste aus dem eigenen Abbruch werden kreativ wiederverwendet.

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Patrizia und Jochen Ferrara beleben einen alten Hof am Rande des Teutoburger Waldes wieder und erhalten den vierten Platz des KfW Bauen Award 2020 in der Kategorie Umbau. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

„Das Gebäude hat viel vorgegeben“, sagt Jochen Ferrara bescheiden. „Es darf krumm bleiben. Wir wollen die alte Struktur sehen.“ Das müssen sie auch manchem Handwerker klarmachen, der gern einen Neubau daraus machen will. „Unser Ziel war, das Haus wiederherzustellen, wie es mal war, mit möglichst wenigen Eingriffen, aber energieeffizient“, sekundiert die Bauherrin. Immer wieder werfen sie die Planung um: „Als wir in der vermeintlichen Küche saßen, merkten wir, das passt nicht“, erzählen sie. Und siedeln sie in den nördlichen Teil hinter der Halle um. Wo die Küche geplant war, liegt jetzt ein Gästezimmer.

Was die Bauherren an Neuem ergänzen, hölzerne Sprossenfenster, massive Eichentreppen, ein dämmender Innenputz aus Kalk und Lehm, Fliesen sowie sparsame Einbauten für Küche und Bad, fügt sich gut ein. Die mächtige Halle ist auch jetzt erlebbar: „Das ist ja ein Tanzsaal“, sagen Freunde. Aber die Ferraras finden: „Zu zweit kann man so offen wohnen“.

KfW Award Bauen 2020
Der alte Stall wurde zum Wohnhaus umgebaut, das Raumkonzept. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern

Versorgungsleitungen gab es in der isolierten Lage nur für Strom. Für Wasser musste ein eigener Brunnen gebohrt und eine Kläranlage geschaffen werden. Die neue Technik – Pelletheizung und eine unterstützende Solaranlage – steckte man in ein Nebengebäude, wo es auch ein Arbeitszimmer gibt. So ist es im Haupthaus ganz still. Man fühlt sich dort wie in eine andere Zeit versetzt.

Doch lebendig geht es trotzdem zu: In die Remise vis-à-vis sind Pferde und Esel eingezogen, Hunde und Katzen wuseln herum. Wenn sie zuhause sind, reiten die Ferraras gern durch den Wald vor ihrer Haustür. Aus dem schlafenden Hof ist nach fast zwei Jahren Umbau ein Refugium für Mensch und Tier geworden.

KfW Award Bauen 2020
Die Küche war eigentlich an einem anderen Ort im Haus geplant, wurde aber kurzfristig in den nördlichen Teil gelegt. Foto: KfW-Bildarchiv / Claus Morgenstern


Projekt im Überblick

Projekt: Wiederaufbau einer Hofstelle
Lage: Hilgenstuhl 25, 32971 Lage
Baujahr: 1627/1854/2018
Bauherr: Patrizia und Jochen Ferrara   
Architekten: Jochen Ferrara, Lage
Energieberater: Lingk Steffen, Lage
Fläche: 15000 m² Grundstück, 240 m² Wohnfläche
Baukosten/m²: 1980 €
Qualitäten für die Bewohner: Ruhiges Wohnen nah an der Natur
Qualitäten für die Gesellschaft: Bewahrung der Kulturlandschaft
Energiesparen: Recycling alter Substanz, Dämmung, Pelletheizung
KfW-Förderung: 151, 431, 455
KfW-Standard: Sanierung EBS, Denkmal

Innovative Ideen ausgezeichnet

Staatssekretärin im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Anne Katrin Bohle: „Bezahlbaren Wohnraum schaffen, dabei Nachhaltigkeit und Resilienz beachten, die Klimaziele nicht außer Acht lassen und an Dinge wie Barrierefreiheit zu denken – für viele Bauherren sind das große Herausforderungen. Beim KfW Award Bauen zeichnen wir Bauherren aus, die innovative Ideen haben und mit mutigen Projekten vorangehen. Ihr Engagement zahlt sich aus – denn die Projekte regen andere zum Nachahmen an.“

Die sieben inländischen Objekte wurden von der Jury mit einem Preisgeld von insgesamt 35.000 EUR prämiert. Dabei hat die Jury in diesem Jahr ihre Möglichkeit genutzt, die Preise und Preisgelder anders zu verteilen, als in der Ausschreibung vorgeschlagen war.

Dr. Ingrid Hengster, Mitglied des Vorstandes der KfW Bankengruppe: „Als einer der größten Förderer von privatem Wohneigentum in Deutschland unterstützt die KfW Menschen, die vorausschauen – und beim Hausbau etwa an den Klimaschutz denken. Die Bauherren schließen sich zu Gemeinschaften zusammen, retten Historisches vor dem Verfall, funktionieren Bauten in energieeffiziente Gebäude um und steigern die Lebensqualität unserer Städte und Dörfer. Das macht uns allen Mut. Deshalb würdigen wir jedes Jahr einzigartige Projekte mit dem KfW Award Bauen.“