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Bibliothek: Reminiszenz an die traditionelle fränkische Gebäudestruktur

Im oberfränkischen Gundelsheim belebt seit dem Spätsommer 2020 die neue Bücherei die Ortsmitte: Aus einem ortstypischen Bauernhaus mit Stall aus dem 19. Jahrhundert ist durch Umbau und einen Neubau ein vielseitiges Zentrum für die Gemeinde auf 320 qm entstanden.

Bücherei Gundelsheim
Foto: Stefan Meyer

Denn nicht nur eine Medienausleihe, sondern einen Ort der Begegnung und Weiterbildung, "einen Kulturort und eine Integrationsschmiede" zu schaffen, war der Wunsch des Bürgermeisters Jonas Merzbacher für die Bücherei. Mit zeitgemäßer Architektur, die sich gleichsam in die gegebene Stadtgestalt einfügt. Mit Schlicht Lamprecht Architekten gewann ein in der Region ansässiges Büro den Wettbewerb, das den Anspruch verfolgt, die bestehenden Strukturen sichtbar zu lassen und neue Nutzungen mit zeitlosen aber zeitgemäßen Materialien, wie hier dem Holzbau, einzufügen. Die »Haus im Haus« Idee verwebt dabei mit spannenden Raumbezügen alte und neue Elemente.

Für die neue Bücherei sollte das ortsbildprägende Bauernhaus mit Stall aus dem 19. Jahrhundert saniert sowie in den Um- und Neubau miteinbezogen werden. Die Bestandsbauten riefen bei den Architekten den »vertrauten Dreiklang eines typisch fränkischen Bauernhauses, Haus – Stall – Scheune« hervor. Da die Scheune nicht mehr existierte, entschieden sie, diese historische dreiteilige Struktur durch einen Neubau wiederherzustellen. Dabei entfernten sie sich allerdings von der üblichen Abfolge hintereinander liegender Gebäude zugunsten eines Doppelgiebelbaus parallel zum ehemaligen Wohnhaus.

Das Haus im Haus

Bücherei Gundelsheim
Foto: Stefan Meyer

Der neue Doppelgiebelbau schiebt sich gleichsam über den alten Stall, der Ausgangspunkt für das Haus in Haus-Thema, das sich als roter Faden durch den Entwurf zieht – gestalterisch wie konstruktiv. Auf der Fläche des eingeschossigen und ebenerdigen Baus ergeben sich dadurch immer wieder unterschiedliche spannende Raumeindrücke und neue räumliche Qualitäten.

Die Bücherei erreicht man von der Bachstraße kommend barrierefrei über die neue Scheune. Die großen Eingangstüren in beiden Giebelfassaden erinnern bereits an die typische fränkische Scheune mit ihrem hohen Mittelteil und den Toren zur Durchfahrt. Auch das niedrige Seitenschiff«entlang der Längsfassade – hier für den Servicebereich der Bücherei – ist eine Reminiszenz an die traditionelle Gebäudestruktur, an der Fassade nun durch die Verdichtung der Lamellenverkleidung als kleines Haus ablesbar.

Daran angrenzend liegt der alte Stall, unter dessen Preußischer Kappendecke die Literaten auf die Lesenden warten. Die Decke ist nicht ganz geschlossen, um sowohl Konstruktion als auch durch visuelle Beziehungen den Haus-im-Haus-Eindruck erlebbar zu halten. Auf der Decke befindet sich eine Galerie, die einzige zweite Ebene im Gebäude und als Rückzugsmöglichkeit für die Jugendlichen gedacht, ebenso zum konzentrierten Arbeiten.

Bücherei Gundelsheim
Foto: Stefan Meyer

Vertraute Strukturen und Materialien

Vom alten Stall aus führt der Weg in das ehemalige Wohnhaus. Raumbestimmend ist das Haus im Haus, das die jüngsten BesucherInnen empfängt. Hier übernimmt das Volumen auch eine tragende Funktion: die Stahlrahmenkonstruktion wirkt als ein aussteifender Kern im Bestandsgebäude. Die für diese Häuser typische kabinettartige Raumstruktur konnte nicht erhalten werden, dafür definiert nun das an den Kinderbuchbereich angrenzende Lesecafé als leeres Volumen um so stärker den Raumeindruck. Sämtliches Mobiliar in allen Bereichen ist beweglich, um flexible Nutzungen der Räume zuzulassen – von Versammlungen, Lesungen bis hin zum Bilderbuchkino.

Es ist ein Spiel mit Gewohnheit und Vertrautheit von Raumabfolgen und Strukturen, mit dem die Architekten die NutzerInnen empfangen. Bereits an der Fassade der Scheune greifen sie auf vorhandene Proportionen zurück: der Rhythmus der Holzlattung orientiert sich an der Kreuzteilung der Fenster des Wohnhauses.

Authentische und natürliche Materialien bestimmen das Innere: Die Farben des Terrazzobodens erinnern an einen einfachen Nutzboden, an Stampflehmboden. Gebürstete Fichtenholzoberflächen an rohes Holz. Geschlämmte Wände im Stall geben ein vertrautes Bild. Ohne die hohe handwerkliche Fertigkeit und Begeisterung der Beteiligten wäre die Qualität in der Ausführung so nicht möglich gewesen, betonen die Architekten.

Bücherei Gundelsheim
Vom Eingang aus in die Bücherei, rechts der Servicebereich. Foto: Stefan Meyer

Thermisch behandeltes Escheholz an der Fassade

Bücherei Gundelsheim
Platzsituation vor der Bücherei. Foto: Stefan Meyer

Das Gleiche gilt für das Dach, dem man weder die Edelstahlhaut noch die Komplexität und hochtechnischen Anforderungen ansieht.

Für die Fassade der Scheune kam für die Architekten allerdings nur ein Material in Frage: naturbelassenes Escheholz, das hierfür aber thermisch vorbehandelt ist. Dessen Vorvergrauung unterstreicht das Selbstverständnis, mit dem dieser Bau sich hier eingliedert. Als wäre die Bücherei schon lange ein Bestandteil des Ortes.

Außerdem wurde Fichtenholz für die Brettschichtholzbinder, Vollholzstützen und -träger, sowie Holzwolle-Leichtbauplatten eingesetzt.

Zahlreiche Veranstaltungen, 7.000 ausleihbare Medien – mit Unterstützung des Sankt Michaelsbund kuratiert – in einer vielfältigen Sprachauswahl, digitale Angebote und die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen heißen seit Sommer 2020 die unterschiedlichsten Nutzergruppen im Ort und aus der Region willkommen. Integration und das Verständnis der Gemeinde als »Mehrgenerationenort« sind hier nicht nur Konzept. Sie werden in Gundelsheim tatsächlich auch gelebt.