Eine Handwerkerin arbeitet auf einem Dach und benutzt einen Hammer, um an der Fassade eines Dachfensters zu arbeiten.
Lieber Gaube als Uni: Anna-Lena May arbeitet gerne auf dem Dach. (Quelle: May)

Porträts 2026-02-09T08:28:48.431Z Mein Weg zum Meister

Porträt Anna-Lena May hat mit Abitur eine Ausbildung als Zimmerin absolviert. Ihr nächstes Ziel: Der Meistertitel. bmH bauen mit Holz hat mit ihr bereits im Herbst 2025 gesprochen und ihre spannende Geschichte erfahren, wie sie ihren Weg trotz Hürden gegangen ist. 

Gestern war sie auf der Baustelle, heute geht es an die Arbeitsvorbereitung: Beides gefällt Anna-Lena May. Die 31-Jährige Zimmerin packt gerne an, egal ob Dachstühle mit aufstellen, Maschineneinsatz, Handabbund, Dachfenster montieren: ihr Arbeitsalltag ist vielfältig. Seit November 2024 ist sie bei Marcel Kröger Holzbau GmbH in Bad Oeynhausen beschäftigt und macht ihren Meister. „Es ist mein Wunschbetrieb“, sagt sie. Entdeckt hat sie ihn auf der Jobbörse der App Zimmerer-Treffpunkt. „Unsere Vorstellungen haben gleich zusammengepasst“, meint Anna-Lena May über das Bewerbungsgespräch. Ihr voriger Betrieb war zu klein für einen weiteren Meister, deshalb war der Wechsel notwendig. Wer so ein Projekt angehen möchte, muss langfristig planen, denn die Kursplätze für die Meisterschule sind begehrt.

Eine Handwerkerin arbeitet in einer Werkstatt mit einer Kreissäge an einem Holzstück.
Die 31-Jährige Anna-Lena möchte sich weiter im Handwerk qualifizieren. Nächstes Ziel: Meisterprüfung. (Quelle: Privat)

Meisterschule teils online absolviert

Bereits im Mai 2024 buchte Anna-Lena May ihren Meisterkurs bei der Handwerkskammer Hannover. Um die Zeit zu überbrücken, absolvierte sie in Vollzeit bereits im November 2024 die Ausbildereignungsprüfung (Teil IV, zwei Wochen). Danach folgte von Januar 2025 bis März 2025 der sechswöchige Teil III. „Mit dem Abschluss dieses Teils ist man Gepr. Fachmann/-frau für kaufmännische Betriebsführung (HWO)“, erklärt sie. Beide Module konnten als Onlineunterricht absolviert werden. „Das war super. So würde ich es wieder machen“, sagt sie. „Wenn man bedenkt, dass ich den kompletten Verdienstausfall in dieser Zeit hatte, konnte ich wenigstens Benzinkosten und Fahrtzeit sparen und hatte mehr Zeit fürs Lernen.“ Die Teile III und IV der Meistervorbereitung werden von der Akademie des Handwerks mehrmals im Jahr angeboten und sind separat buchbar. „In welcher Reihenfolge man diese Teile durchläuft, bleibt einem selbst überlassen.“ Fachpraxis und Fachtheorie Teil I und II absolviert sie seit Mitte Oktober 2025. Das dauert bis Mitte Juni 2026. In dieser Zeit pendelt sie täglich von ihrem Wohnort Obernkirchen in Niedersachsen nach Garbsen bei Hannover, um an der Präsenzveranstaltung (Pflicht) teilzunehmen. Dass so ein Vollzeitprogramm kein Zuckerschlecken ist, hat sie bereits bei Teil III und IV der Meisterausbildung zu spüren bekommen. Um sich als Meisterin oder Meister zu qualifizieren, brauche man mehr als handwerkliche Fähigkeiten. Von Vorteil ist eine gewisse Disziplin für Phasen, in denen man weniger motiviert ist. „Ordnung, Struktur und Organisation kann man zum Glück lernen. Deshalb sollte man eine gewisse Lernbereitschaft mitbringen, am besten genug Zeit für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts einplanen“, so ihr Tipp.

Finanzielle Förderung macht’s möglich

Um „entspannt leben zu können“, hatte sich Anna-Lena May für die acht Wochen Vollzeit-Onlineunterricht etwas angespart. Für die nachfolgenden acht Monate Vollzeit nimmt sie das Meister-BAföG als Darlehen und über ein Förderprogramm monatliche Unterhaltsbeiträge als Vollzuschuss in Anspruch. Einen Teil der Kosten kann sie rückwirkend, allerdings erst nach Bestehen ihrer Prüfung, über die Meisterprämie wieder reinholen. In Niedersachsen gibt es eine Prämie in Höhe von 4.000 Euro. Inzwischen kennt sich May einigermaßen aus im Dschungel der Onlineantragsformulare. „Aber es war ziemlich mühsam, und ohne Rückfragen geht es nicht.“ Interessant im bisherigen Unterricht waren die Beschäftigung mit rechtlichen Fragen und die Vorbereitung auf die Ausbildereignungsprüfung. Fordernd waren u. a. das Thema Betriebswirtschaft und das Auswendiglernen von Lerninhalten. Da Fachpraxis und Fachtheorie noch ausstehen, hofft Anna-Lena May auf weitere Themen, die sie interessieren. „Ich würde mir das Thema ‚Nachhaltiges Bauen‘ wünschen, also Alternativen zu OSB-Platten, zu Rigips, alles eher in Richtung Lehm, natürliche Materialien, Wiederverwendbarkeit. Das sind aus meiner Sicht sehr wichtige Themen. Denn die jungen Meister von morgen sind die, die alles etwas ökologischer gestalten können, anstatt immer auf die bewährten, chemisch behandelten Baustoffe zurückzugreifen.“ Und wie hat sie die Meisterschule bisher erlebt, als Frau in einem männerdominierten Beruf? Für Anna-Lena ist das kein Thema. Sie war schon als Kind oft mit Jungs unterwegs (sechs Cousins, ein Bruder) und aktiv bei der Jugendfeuerwehr. „Ich bin unter Jungs groß geworden. Ich war aber auch oft mit meinen Freundinnen am Start.“ Bei der Arbeit habe sie von Anfang an Zuspruch bekommen, so konnte sie in ihre Aufgaben reinwachsen. Doch das war nicht immer so. Im Gegenteil.

„Ich bin stolz, dass ich meine Ausbildung durchgezogen habe, obwohl ich als Frau im Handwerk eine Rarität war.“

Anna-Lena May

Eine lächelnde Handwerkerin steht vor einem traditionellen Fachwerkhaus.
Am Anfang ihrer beruflichen Karriere hatte Anna-Lena nichts zu lachen. Ihre Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz wurden größtenteils ignoriert. (Quelle: Privat)

Kein Betrieb interessierte sich für sie

„Ich habe vor Ausbildungsbeginn genug Hate dafür bekommen, dass ich meine Wunschausbildung als Zimmerin machen will“, erinnert sie sich. Heute ist sie froh darüber, dass sie sich nicht hat aufhalten lassen, obwohl es keinerlei Unterstützung und Verständnis von ihren Lehrern gab. Dabei war schon früh klar, dass sie ins Handwerk will. Ihr ursprünglicher Berufswunsch war Fluggerätemechatronikerin. Nach dem Schulpraktikum merkte sie, dass Metall nicht ihr Material war. „Meine Mutter sagte: warum wirst du nicht Zimmerin?“ Die Idee gefiel ihr – und so begann 2011, ein Jahr vor dem Abi (!), der Bewerbungsmarathon. In Begleitung ihrer Mutter überreichte sie rund 50 Bewerbungen persönlich an Betriebe. Keiner wollte sie. Eine Frau auf dem Dach konnte sich keiner vorstellen. Schließlich vermittelte der Freund ihres Lebensgefährten (Dachdecker) seinen Betrieb, wo sie zur Probe arbeiten konnte. Dort begann 2013 ihre Ausbildung. Wenn Anna Lena-May zurückblickt, muss sie tief Luft holen. Dranbleiben – das hat sich für sie gelohnt. Doch woher kommt so viel Power? „Mein Vorbild sind meine Eltern. Meine Mutter ist selbstständige Gastwirtin, mein Vater kellnert in seiner Freizeit in unserem Restaurant – und ich gelegentlich auch. Ich habe gelernt, dass man etwas erreichen kann, wenn man dafür brennt.“

„Mädels (und Jungs), wir haben zwei Hände und zwei Beine. Also können auch wir machen, was uns Spaß macht! Lasst euch nicht einschüchtern – macht, worauf ihr Lust habt.“ 

Anna-Lena May

Eine Handwerkerin in Arbeitskleidung bedient eine elektrische Säge, um ein Holzbrett zu schneiden. Sie trägt Gehörschutz und arbeitet konzentriert im Freien.
„Ich finde es schön, dass es langsam normal und akzeptiert ist, dass Mädels den Job machen.“ (Quelle: May)

Mit Instagram & Co durchgestartet

Auf ihrem Instagram-Kanal @zimmerin.annalena und bei TikTok unter zimmerin.annalena teilt sie die Begeisterung fürs Handwerk. Mittlerweile mit 21.100 Followern auf Instagram. „Ich mache das, weil ich eine Message rüberbringen will: Mit Blick auf den Fachkräftemangel möchte ich Frauen und Männer fürs Handwerk gewinnen.“ Angefangen hat es während der Coronapandemie, als sie mit ihrem Freund ein Haus erwarb und sie es gemeinsam sanierten. Weil Kontakte eingeschränkt waren, postete sie Fotos von der Baustelle. So kam es, dass nicht nur Familie und Freunde sich dafür interessierten, sondern auch Menschen, die selbst in dem Beruf arbeiten, oder Berufsanfänger. „Ein junger Mann hat mir mal geschrieben: Durch dich habe ich eine Ausbildung im Handwerk angefangen.“ Das sei das größte Lob. In ihrer Ausbildungszeit habe sie leider nie so einen Ansprechpartner gehabt. „Deshalb finde ich es schön, für andere Ansprechpartnerin zu sein“, zum Beispiel, wenn Handwerkerinnen auf Instagram nach Tipps fragen. Etwa: Was für Hosen kaufst du? Welche Schuhe trägst du?

Eine Frau steht neben einem großen Werbeaufsteller in einer Messehalle, der auf Halle 8, Stand 101 hinweist.
Auf der Messe DACH+HOLZ. Werben für ihr Handwerk, das ist genau nach ihrem Geschmack. (Quelle: Privat)

Auf May aufmerksam geworden sind auch Fachfirmen, deren handwerklichen Produkte sie gelegentlich auf der Baustelle einsetzt. Als Baufluencerin vor der Kamera und als Werbebotschafterin auf der Messe DACH+HOLZ 2024 fühlt sie sich wohl, ebenso beim Fotoshooting fürs Werbeplakat. Wie sie zu öffentlichen Auftritten kommt? „Ich bin da so reingerutscht“, meint May. Trotz der medialen Aufmerksamkeit bleibe sie „die kleine Anna vom Dorf“, auch wenn ihre Videos hundertfach geklickt werden und sie für ihren Clip vom Dachfenstereinbau von Kollegen im Netz Lob bekommt: „Saubere Arbeit. Hut ab, Kollegin!“ Da könnte man vermuten, dass nach dem Meistertitel der Schritt in die Selbstständigkeit ansteht. Doch ihr Plan geht anders. „Ich will mein Fachwissen in meinem jetzigen Betrieb anwenden und kann nur jeden ermutigen, ebenfalls das zu machen, wozu er Lust hat – unabhängig vom Geschlecht.“

Autorin: Christine Speckner

zuletzt editiert am 09. Februar 2026