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News 2013-11-06T00:00:00Z Arbeiten in angenehmer Atmosphäre

In der Novemberausgabe der BAUEN MIT HOLZ stellen wir Ihnen die Illwerke vor. Der Architekt Hermann Kaufmann entwarf das Bürogebäude für das Energieunternehmen Illwerke Zentrum Montafon (IZM). Teil des architektonischen Konzeptes war es auch, die neue Unternehmenskultur und den Anspruch auf Nachhaltigkeit zu integrieren. Marc Wilhelm Lennartz

Bereits 2010 hatten die Illwerke einen internationalen Architekturwettbewerb ausgelobt, den die Architekten Hermann Kaufmann ZT GmbH für sich entscheiden konnte. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die bewährte LCT-Systembauweise, die gegenüber konventionellen, rein mineralischen Bauweisen deutliche Vorteile aufweist. Den Hauptunterschied stellen die Dank CAD-Planung und computergesteuerter Abbundanlagen millimetergenau vorproduzierten Holz-Beton-Verbundelemente dar, die einen zeitnah zu realisierenden Aufbau mit gleichbleibend hohen Bauqualitäten garantieren und Fehlerpotenziale auf ein Minimum reduzieren.

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Der hohe Vorfertigungsgrad der Wand- und Deckenelemente erfüllen den Anspruch an ein nachhaltiges Bauwerk. Bild: Hermann Kaufmann ZT GmbH

Dieser zukunftsweisende, hohe Vorfertigungsgrad der Wand- und Deckenelemente, plus die Verwendung des nachwachsenden Baustoffes Holz, die geringen Staub- und Lärmemissionen sowie die komplette Recyclingfähigkeit erfüllten den Anspruch der Illwerke an ein nachhaltiges Bauwerk. Dabei standen nicht, wie sonst üblich, nur die reinen Baukosten im Mittelpunkt der Evaluierung. Christoph Dünser, Projektleiter des IZM, bringt den Anspruch der Nachhaltigkeit auf den ökonomischen Punkt: "Es ist nicht das Ziel von Hermann Kaufmann Architekten ZT GmbH einzig den günstigsten Bürobaupreis je m² zu realisieren. Vielmehr geht es uns um die Gestaltung einer möglichst idealen Arbeitsumgebung unter dem Gesichtspunkt der Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Wesentlich sind für uns nicht immer nur die reinen Investitionskosten, sondern die Kosten die in Bezug auf die Lebensdauer eines Projekts verursacht werden." Durch die Nichtkapselung der tragenden Massivholzbauteile gelang es zudem die Wesensmerkmale des Holzes - Struktur, Haptik und Ausstrahlung zu erhalten und die Effizienzen von Material- und Ressourceneinsatz zu erhöhen.

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Christoph Dünser, Projektleiter des IZM:“ Es geht uns um die Gestaltung einer möglichst idealen Arbeitsumgebung unter dem Gesichtspunkt der Langlebigkeit und Nachhaltigkeit.“ Bild: Hermann Kaufmann ZT GmbH

Ein Neubau war erforderlich

Die im IZM in Vandans zusammengefassten Geschäftseinheiten Planung, Energiewirtschaft, Infrastruktur, Engineering, Personal und Buchhaltung waren bis dato in diversen Einzelgebäuden aus den 1940er und Folgejahren untergebracht, deren Renovation anstand. Doch die räumliche Limitation im Gebäudebestand sowie eine zunehmende Komplexität und Vernetzung im Tagesgeschäft erforderte eine architektonische Integration dieser Kernbereiche, so dass man sich für einen Neubau entschied. Zudem erhoffen sich die Illwerke mit dem IZM weiterreichende Synergieeffekte wirksam werden lassen zu können, die dem eigenen Anspruch in Bezug auf Nachhaltigkeit und Effizienz im 21. Jahrhundert entsprechen.

Die zwei rückseitig nach außen tretenden, mit gelochten Kupferblechen verkleideten Erschließungskerne bestehen aus Stahlbeton und setzen sich dezent vom Gebäudekörper ab. Sie beherbergen jeweils unauffällige Aufzüge und auffällig großzügige und helle Treppenhäuser, die zur Bewegung und Begegnung einladen und eine Art erweiterten Sozialraum der Büroetagen bilden. Dieses Prinzip barrierefreier Kommunikationsareale findet auf den Etagen eine konsequente Fortsetzung. Die Treppenhäuser münden in offene Sozialbereiche mit Sitzgruppen und Teeküchen, die abteilungsübergreifend genutzt werden und Raum für Austausch und Diskussion bieten.

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Die Treppenhäuser münden in offene Sozialbereiche, die abteilungsübergreifend mit Sitzgruppen und Teeküchen genutzt werden können. Bild: Hermann Kaufmann ZT GmbH

Die Übergänge in die einzelnen Fachressorts verlaufen fließend. Dort folgen auf große Planungstische z.B. ruhige Besprechungsnischen oder leicht eingefasste Gruppenbereiche. Für sämtliche Arbeiten und Gewerke werden die den Bedürfnissen entsprechenden Raumkonzeptionen bereitgehalten, die innerhalb eines definierten Rahmens individuelle Entfaltung nicht nur ermöglichen, sondern befördern. Denn mit dem Bau des IZM am Standort Rodund beschreiten die Illwerke gleich mehrere neue Wege: architektonisch, strukturell und kulturell. Rund 270 Mitarbeiter, darunter der komplette Planungsstab, interagieren seit November in offen konzipierten Arbeitsbereichen. Klassisch eingekapselte, einer strengen Hierarchie folgende Einzelbüros bilden fortan nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme. Auch die Führungskräfte sind unmittelbar in den zeitgemäßen Planungs- und Projektierungsprozess ihrer Teams ohne räumliche Trennung in flachen Hierarchien integriert. Das vom Münchner Unternehmen Macon entwickelte, trennwandfreie Raumkonzept hebt sich bewusst von den viel kritisierten Großraumbüros ab. Deren mangelnde Rückzugsnischen, Uniformität und offensichtliche Kontrolle hemmen den Arbeitsfluss und schränken die Kreativität ein.

Faktor Raumatmosphäre

Die im IZM realisierte "Open-Office-Philosophie" hingegen stellt den einzelnen Angestellten die gleiche Arbeitsfläche zur Verfügung wie in Einzelbüros. Der durch den Wegfall der Trennwände gewonnene Raum wird für offene, individuell konzipierte Sozialbereiche genutzt, die die Mitarbeiter sich in Eigenregie haben gestalten und möblieren dürfen. Obschon bei der Büroraumplanung die Ideen und Modelle mit den Angestellten transparent diskutiert und erörtert wurden, mochte sich zu Beginn nur ein Teil der Belegschaft mit dem avisierten Wandlungsprozess ihrer zukünftigen Arbeitsstätte anfreunden. Die Angst vor der Geräuschkulisse in Großraumbüros stand dabei ebenso weit oben auf der kritischen Agenda, wie auch der Wunsch nach Rückzugsmöglichkeiten. Diese Kritikpunkte wurden aufgriffen und berücksichtigt.

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Die im IZM realisierte „Open-Office-Philosophie“ hingegen stellt den einzelnen Angestellten die gleiche Arbeitsfläche zur Verfügung wie in Einzelbüros. Bild: Bruno Klomfar

Im betonierten Keller befinden sich das mehrfach gesicherten Archiv, der Sanitär- und Umkleidebereich sowie die umfassende Heiz-, System- und Lüftungstechnik. Das Erdgeschoss beherbergt neben einem großzügigen Foyer Teile der Administration, die Planpauserei und Digitalisierung sowie verschiedene Mehrzweckräume. Ferner befindet sich hier die hauseigene Kantine, die mit einer zum Pumpspeichersee Rodund ausgerichteten Terrasse mit Panoramablick aufwartet, wie sie gemeinhin nur bei alpinen Berghotels zu finden ist. Die erste Etage bietet einem großzügigen Besucherzentrum mit 2 Kinos, diversen Besprechungs- und Konferenzräumen sowie der Vermessungsabteilung ausreichenden Platz. Im zweiten bis vierten Obergeschoß arbeiten die kompletten Planungs-, Konstruktions- und Projektmanagementabteilungen der Illwerke. Im Eingangsbereich sowie in den Treppenhäusern erinnern großdimensionierte Wandreliefs an den Ursprung des Naturstromproduzenten: die Kraft des Wassers wird durch wellenförmige Linien kunstvoll in Szene gesetzt.

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Im Eingangsbereich sowie in den Treppenhäusern erinnern großdimensionierte Wandreliefs an den Ursprung des Naturstromproduzenten: die Kraft des Wassers wird durch wellenförmige Linien kunstvoll in Szene gesetzt. Bild: Hermann Kaufmann ZT GmbH

Passivhausstandard und CO2 Bilanzierung sprechen für sich

Das IZM erreicht Passivhausstandard und erfüllt die Kriterien als erstes, sogenanntes "Green Building" dieser Größenordnung im Holzbauland Vorarlberg. Für die Umsetzung der avisierten Zertifizierung in Gold ist die Österreichische Gesellschaft für nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI) zuständig. Bei der Evaluierung stehen sowohl rein funktionale Kriterien, wie z.B. die Konstruktion, Haustechnik und die energetische Versorgung im Mittelpunkt wie auch ‚weiche Faktoren‘ wie z.B. das Raumgefühl und der Komfort. Die gegenüber konventionellen, mineralischen Stahlbeton-Bürobauten vergleichbarer Größe um 90% verbesserte CO2-Bilanz des IZM verdankt sich nicht zuletzt der verbauten Holzmenge von rund 3.000 Festmeter Holz, was 1.030 m³ massiven Holzes entspricht. Davon entfallen 276 m³ auf Plattenwerkstoffe und das Konstruktionsvollholz in den Fassadenbauteilen. Weitere 732 m³ sind als Brettschichtholz in den Hybriddecken und den Fassadenstützen enthalten sowie im Innenausbau. Die im IZM insgesamt verbaute Holzmenge besitzt einen Kohlenstoffanteil, aus dem Holz zu 50% besteht, von umgerechnet ca. 257,50 Tonnen, woraus eine CO2-Speicherung von über 944 Tonnen resultiert. In der positiven CO2-Bilanz sind zudem die Emissionen enthalten, die durch Herstellung, Transport, Einbau und Unterhalt in der mit 50 Jahren angesetzten Nutzungsdauer inklusive Demontage und Entsorgung der Materialien der Rohbaukonstruktion verursacht werden. Es ist an der Zeit, dass im Zeitalter des Klimawandels die CO2-Bilanz im Bauwesen eine rechtlich verbindliche Entsprechung erfährt und nicht nur als gern gesehene Randnotiz ein Schattendasein fristet.

zuletzt editiert am 04. August 2021