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Eigentlich eine große, nachträglich aufgesetzte Gaube präsentiert sich der Umbau wie ein eigentsändiger, neuer Trakt des Gebäudes. Alle Bilder: Fritz Kathe Holzbau GmbH

Technik

04. February 2011 | Teilen auf:

Bauen im Bestand: Viele Übergänge von Alt nach Neu

Altbauerneuerung verlangt nach Lösungen, die zugleich Komplikationen vermeiden und bewältigen. Beim Umbau eines in die Jahre gekommenen Mehrfamilienhauses ergaben sich aus den Umgestaltungsvorstellungen ein Fülle von erforderlichen Detaillösungen, die ineinander greifen. Der Beitrag stellt im Schwerpunkt die Lösungen für die Gebäudeübergänge dar.

Wohnraumvergrößerung und Dacherneuerung waren die ersten Bauziele bei dem eingeschossigen Wohnhaus mit flach geneigtem Satteldach und teilweise ausgebautem Dachgeschoss. Die Betondachsteine hatten ihre Nutzungsdauer erreicht und die Dachdämmung war bei weitem nicht mehr zeitgemäß. Auf Grund der geringen Dachneigung war das Dachgeschoss nur in einem mittleren Streifen unter dem First ausgebaut, weil es nach außen hin an Höhe mangelte. Eine Hausecke wurde ausersehen, mit etwas Ähnlichem wie einer Gaube den Wohnraum im Obergeschoss deutlich zu vergrößern. Die "Art Gaube" wurde von der Gestalt her zu einem eigenständigen Gebäudetrakt.

Ausgeklügelte Lösungen schaffen zusätzlichen Wohnraum

Der Altbau war substanziell in Ordnung und bedurfte keiner Ertüchtigungen (zu den Gegebenheiten vor und nach dem Umbau siehe die auf das Wesentliche reduzierten Zeichnungen). Die vom Umbau nicht betroffenen Dachgeschossteile sollten, soweit es die äußeren Änderungen zuließen, innen unverändert bleiben. Die neue Dämmung des Daches sollte also von oben erfolgen und es war eine Stehfalzdeckung gewünscht. Statt einer mächtigen Gaube wurde der Wohnflächengewinn im Dachgeschoss zu einer Teilaufstockung, die - zum Teil mit Raumgewinn -, über die erdgeschossige Außenwand hinausragt. Unter dieser Teilaufstockung sollte auch das Erdgeschoss bezüglich seiner Außenwandöffnungen dem neuen Raumprogramm angepasst werden. Bestreben der Bauherrschaft war es, eine möglichst langlebige und dauerhafte Außenhülle mit geringem Wartungs- und Renovierungsaufwand zu erhalten. Und mit Farbe sollte mehr Leben in den Anblick gebracht werden. Auf Rot, die leuchtendste aller Farben, fiel die Wahl.

Mit Holzbau konnten die Vorstellungen sehr einfach erfüllt werden. Um Unterschiede deutlich zu machen, seien einige Aspekte herausgegriffen, die mit Mauerwerk und/oder mit Beton nur aufwändig hätten realisiert werden können:

- Das Hinausrücken der Aufstockungsaußenwände etwa zur Hälfte der Wanddicke über die erdgeschossige Wandkrone wäre mit Mauerwerk sinnvoll nicht und mit Beton nur bedingt möglich gewesen.

- Das "in die Luft Hängen" der auskragenden Ecke wäre nur mit Beton gegangen, wobei die Unterbauteile partiell ziemlich sicher hätten verstärkt werden müssen.

- Wärmebrücken hätten mit Mineralbaumaßnahmen nicht so elegant gering gehalten werden können.

Die Außenwände wurden in üblicher Holzrahmenbauweise erstellt, die außermittige Aufstellung auf dem Bestand war wegen der geringen Auflast nur aus dem Anbaudach ohne weiteres möglich. Der Überzug, welcher die Last aus der Verlängerung der Decke des Bestandes abträgt, ist in die Wand integriert. Zum Aufrichten wurde der Unterzug abgesprießt und Balken eingelegt. Die Verbindung zwischen seinem Kopfende und dem Last aufnehmenden Wand-Endstiel konnte durch die gewählte Verbindungstechnik nach Aufsetzen der Obergeschosswand problemlos hergestellt werden. Das Hinausrücken der oberen, neuen Außenwände wurde in Form einer Vorsatzschale vor dem alten Mauerwerk nach unten zugleich wärmdämmend und formgebend fortgesetzt. Damit gewinnt der Aufbau optisch eine vom Gelände aus hinaufreichende Eigenständigkeit und Homogenität, die seine architektonische Wirkung stark mitbestimmt.

Das ehemalige Dach ist entfernt und der Balkon entsteht.

Zahlreiche Detailfragen beschäftigten die Planer

Es beginnt beim Dach: In den Gefachen fand sich eine dünne Dämmung und der Zustand ließ erkennen, dass es bis dahin keine Diffusionsprobleme gab. Der Hohlraum wurde voll gedämmt und auf die Sparren eine diffusionsoffene, wasserableitende Holzfaserplatte aufgebracht. Blechdächer brauchen in solcher Situation, von unten nicht klar definiert vor Dampf geschützt, unbedingt eine ausreichende Unterlüftung. Hier wurde die Belüftung der Dachunterseite durch die Anordnung zusätzlicher Belüftungsstreifen in die Dachebene optimiert.

Blech bildet bei flacher Dachneigung für Regen eine harte Rückprallebene. Dies wurde mit einem respektablen Abstand zwischen Dachdeckung und Fassadenbekleidung an den Aufbauwangen berücksichtigt.

Der ursprüngliche Eingangsanbau wurde dem inneren Wohnraum zugeschlagen und verlor sein Dach, um mit einem Balkon den Aufbau zu bereichern. Das homogene Erscheinungsbild mit glattflächigen Zonen und geradlinigen, scharfen Abgrenzungen wurde mit dem Übergang zwischen Mauerwerk und neuem Holzbalkenaufbau erreicht. Die Balkonplatte befindet sich dadurch in bauphysikalisch kritischer Situation.

Zuluftöffnungen für die Unterlüftung des Blechdaches nicht an der Traufe, sondern in der Dachfläche; der Abstand zwischen Dachfläche und Unterkante Wangenbekleidung ist großzügig dimensioniert.

Steinfaserplatten prägen das äußere Erscheinungsbild

Für die rote Außenwandbekleidung des Umbaus wurden Rockpanel-Platten gewählt. Kunstharz und Steinfasern werden zu diesem Produkt unter hohem Druck in Plattenform gepresst. Die Platten sind in Dicken von 6 und 8 mm und den Formaten 1,22 x 2,50 m und 1,20 x 3,05 m standardmäßig erhältlich. Die Be- und Verarbeitung entspricht etwa der von Holzwerkstoffen, sie lassen sich auch ohne Vorbohren Nageln oder Schrauben. Die Rohdichte ist mit 1050 kg/m³ recht niedrig. Die Palette des Farbangebotes ist groß. Die Platten sind duktil, ihr Temperaturdehnungskoeffizient 0,011 mm/(mK) liegt im mittleren Bereich (bei 50 °C Temperaturunterschied und 3 m Länge beträgt die Dehnung 1,65). Nur die Verlegung mit Fugen ergibt spannungsarme Konstruktionen. Die Biegezugfestigkeit wird mit 27 N/mm² angegeben, ist also etwas höher als die von Nadelholz S 10 oder C 24. Der sd-Wert der witterungsbeständigen Werkstoffs wird bei 8 mm Dicke mit 1,8 m angegeben, die Platten sind also recht diffusionsoffen. Die Kanten und Lochleibungen bedürfen keiner schützenden Behandlung, sie nehmen sehr bald nach der Bearbeitung eine braune Farbe an. Farbliche Behandlungen der Kanten sind möglich.

Im konkreten Fall wurde die Verlege-Variante mit "halboffenen" Fugen gewählt. Die Fugen sind mit einem Dichtband hinterlegt. Hinter nicht unterstützte Fugen kommt ein Flachaluminium, in das hinein auch mit selbstbohrenden und gewindefurchenden Schrauben befestigt wird. Die halboffene Verlegung schließt grundsätzlich das Eindringen von Wasser hinter die Platten nicht aus. Daher sind eine Hinterlüftungsebene und ein zumindest geringe Feuchtebeanspruchung vertragender Untergrund erforderlich. Hier bietet die äußere Beplankung der Wände mit hydrophobierten Holzfaserplatten und Nut- und Feder-Fugen ohne weitere Maßnahmen diesen Hintergrund. Im Bereich der vorgesetzten Fassadendämmung im Erdgeschoss wurde der Dämmstoff mit einer wasserableitenden, diffusionsoffenen Bahn geschützt. Auch die Bauwerkskanten sind mit offenen Fugen ausgeführt. Um ein ordentliches Befestigungsbild zu erhalten, wurden die Löcher für die Befestigung hier selbstverständlich werkseitig exakt planmäßig gebohrt.

Zur Erreichung eines tadellosen Fugenbildes ist bei Kreuzfugen, wie in diesem Falle, hohe Präzision erforderlich. Nach dem Richten des Aufbaus wurden die darunter anschließenden aufgedübelten Unterkonstruktionshölzer akkurat nach den Holztafeln ausgerichtet. Die senkrechte Traglattung wurde dann durchgehend, die Bauteilfuge zwischen unten und oben überbrückend, auf der Baustelle angebracht. So werden kleine Formänderungsunterschiede zwischen unten und oben bis zur Unmerklichkeit kompensiert. Auch konnte die Unterkonstruktion trotz hoher Passgenauigkeit der Holztafeln so feinjustiert werden, dass es rundum an den Ecken und Kanten ohne Nacharbeiten an den werkseitig zugeschnitten und gebohrten Platten bei gleichmäßiger Fugenbreite aufgeht. Baustellenzuschnitte sind zwar grundsätzlich möglich, jedoch sind Kantenqualitäten - wie sie Formatsägen in der Werkstatt herstellen - auf der Baustelle nur schwerlich erreichbar.

Dachgesimse nach CAD-Planung erstellt

Auch zur Bekleidung der Dachgesimse wurden die genannten Platten eingesetzt, farblich abgestimmt auf das Zinkblech des Daches. Jede Platte kam nach sorgfältigem Zuschnitt fix und fertig auf die Baustelle. Dabei hatte die Arbeitsvorbereitung auch sorgsam jede noch so kleine Kante nach der Wasserführung geplant. Alle Wasserwege führen überall vorbedacht nach unten. Auch hier funktioniert das nur bei akkurat hergerichteter Unterkonstruktion. Solche Leistung kann mit "morgens ein paar Latten und Platten aufladen und dann mal tüchtig loswerkeln" nicht erreicht werden.

Ungünstiger Übergang beseitigt

Die Betonplatte des alten Balkons band dreiseitig als hoch wirksame Wärmebrücke in das umgebende Gebäude ein. Da die Mauerwerkswände ein Wärmedämm-Verbundsystem erhielten, hätte sich dieser Negativeinfluss noch verschärft. Insgesamt bestand, beim Geländer angefangen, ohnehin Erneuerungsbedarf. Die Betonplatte des Balkons wurde schonend mit einer Betonsäge abgeschnitten, wobei die letzten Schnitt-Dezimeter und das anschließende Ablassen der Platte das Schwierigste waren. Nach Dämmung und neuem Putz wurde ein räumlicher Stahlrahmen in die Nische gestellt und mit Holzbohlen als tragendem Belag versehen. Damit sind die Wärmebrückenprobleme der Betondecke nachhaltig beseitigt.

Die Bewältigung von Übergängen ist entscheidend

Nicht nur bei der Altbauerneuerung, aber dort besonders, ist die tadellose Bewältigung von Übergängen sehr wesentlich für die Qualität des gebauten Ergebnisses. Auch in der Fläche stellen Übergänge erhebliche Anforderungen an die Ausführung, wenn die Plattenformate über die Größen von Brettern, Schindeln oder anderen, kleinformatigen, schuppigen Bekleidungen hinausgehen. Dieses Sanierungsbeispiel weist auf Fügeprobleme und Lösungen hin, die auf andere Aufgabenstellungen übertragbar sind. Bei den Übergängen kann das Zimmerhandwerk seine Überlegenheit gegenüber Schwarzarbeit und Beschäftigungsgesellschaften am besten zu Markte tragen. Überlegenheit kommt von "überlegen", hier haben die Verantwortlichen von Fritz Kathe Holzbau, Vechta "überlegt".

Klaus Fritzen

Dipl.-Ing. (FH) Klaus Fritzen ist Herausgeber im Bruderverlag.