TauberPhilharmonie, Weikersheim Quelle: Philipp Mürdter
Das Kultur- und Veranstaltungshaus TauberPhilharmonie in Weikersheim ist ein Pilotprojekt für ein Gesellschaftshaus im ländlichen Raum abseits von Ballungszentren. Quelle: Philipp Mürdter

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15. September 2021 | Teilen auf:

Deutscher Nachhaltigkeitspreis Architektur: Holzbau auf der Shortlist

Acht Projekte können sich Hoffnung machen, als Sieger beim diesjährigen Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur hervorzugehen.  Mit der Vielseitigkeit von Holz als Baustein für klimagerechtes und nachhaltiges Bauen beschäftigen sich gleich mehrere Projekte.

Die acht nominierten Projekte zeigen in großer Vielfalt und Qualität individuelle Lösungen ganzheitlicher Nachhaltigkeitsstrategien für Gebäude verschiedenster Größe, Funktion und Gestalt. So fällt auch das Resümee des DGNB Präsidenten und Juryvorsitzenden Amandus Samsøe Sattler zum Wettbewerb positiv aus: „Wie drückt sich Architektur, die unter Erfüllung von Nachhaltigkeitszielen entstanden ist, in architektonischer und gestalterischer Qualität aus? Die Nominierten für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur zeigen auch in diesem Jahr zum Teil prototypisch, wie dieser Anspruch in überzeugender, vorbildlicher und konkreter Umsetzung beim Bauen verwirklicht wurde.“

Das dreigeschossige Mehrfamilienhaus in Nürnberg ergänzt auf gelungene Weise die Mustersiedlung der „Deutschen Bauausstellung“ von 1949 Quelle: Erich Malter

In Nürnberg punktet ein dreigeschossiges Mehrfamilienhaus in der Oskar-von-Miller-Straße mit seiner innovativen Massivholzkonstruktion. Der Neubau fügt sich auf gelungene Weise in die prominente Mustersiedlung der „Deutschen Bauausstellung“ von 1949 ein und verleiht mit seiner Freiraumqualität dem Ensemble den Charakter einer gewachsenen Siedlung. Das Mehrfamilienhaus prahlt nicht mit seiner innovativen Massivholzkonstruktion. Die Fassade gibt mit ihrer Orgelputzoberfläche auf der Holzwolldämmung wenig preis vom hölzernen Inneren des Gebäudes. Durch den mineralischen Putz fügt sich der Neubau gut in die Mustersiedlung ein, und die Holzkonstruktion wird dauerhaft vor den Wettereinflüssen geschützt.

Das „Hotel Bauhofstraße“ ist mithin ein wertvoller Beitrag zur Weiterentwicklung des Holzbaus im innerstädtischen Kontext, der es in weiten Teilen schafft, sich von einer rein konstruktiven Herangehensweise an das Thema zu lösen und Spielräume im Entwurf auszuloten. Quelle: Brigida González

Ein Gewinn für sein Umfeld ist das Hotel an der Bauhofstraße in Ludwigsburg, bei dessen Errichtung und Betrieb die größtmögliche Reduzierung des CO2-Ausstoßes eine zentrale Rolle spielt. Das als modulares Bausystem entwickelte Gebäude leistet einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung des Holzbaus im innerstädtischen Kontext. Das Gebäude selbst ist – ohne dass es von außen zwingend zu vermuten wäre – als modulares Bausystem aus Holz entwickelt. Die Brandschutzvorgaben für Gebäudeklasse 4 sind erfüllt, was als besondere konstruktive Herausforderung erwähnt werden muss. Das Holz stammt aus nachhaltiger Holzwirtschaft und ist FSC-zertifiziert. Damit wird ein sehr hoher Vorfertigungsgrad erreicht und die Belästigung der Nachbarschaft durch eine lange Bauzeit minimiert. Eine Umnutzung zu „Micro-Appartements“ ist aus Sicht der Verfasser*innen denkbar. Ein Teil der Zimmer ist nach DIN 18040 barrierefrei.

Und auch Kulturbauten lassen sich in Holz neu denken, wie die Tauber Philharmonie in Weikersheim zeigt. In seiner Baugestalt, Orientierung und hölzernen Materialität fügt sich die konsequent zeitgenössische Architektur unaufgeregt in das historisch gewachsene Umfeld ein. Die tragenden Bauteile und Fassaden des Gebäudes wurden weitestgehend mit Holz aus nachhaltiger Bewirtschaftung realisiert. Es wurde konsequent auf die Vermeidung von Verbundmaterialen, auf eine leichte Demontierbarkeit der Bauteile und Bauprodukte sowie die Verwendung von robusten Materialien mit einem geringen Unterhalts- und Reinigungsaufwand geachtet.

Das Verwaltungsgebäude des Tierparks Berlin ist ein besonders konsequenter und damit beispielhafter Beitrag, wie auch mit ganz einfachen Mitteln – größtmöglichem Substanzerhalt und einer neuen vorgehängten Fassade in vorgefertigter Holztafelbauweise – ressourcenschonend, ökologisch und gestalterisch nachhaltig, zugleich unschlagbar wirtschaftlich und zukünftige mögliche Erweiterungen vorausschauend – saniert werden kann. Quelle: ZRS Architekten Ingenieure & Tierpark Berlin. Fotograf: Matthew Crabbe

Es ist ein Pilotprojekt für ein nachhaltiges Gesellschaftshaus im ländlichen Raum. Das Verwaltungsgebäude des Tierparks Berlin steht beispielhaft für eine ressourcenschonende Sanierung. Statt für den Totalabbruch entschied man sich für den Erhalt des DDR-Systembaus aus den frühen 1960iger Jahren. Mit wenigen gezielten Maßnahmen, wie einer neuen vorgehängten Fassade in vorgefertigter Holztafelbauweise, kann das Haus zu einem späteren Zeitpunkt erweitert oder zerstörungsfrei zurückgebaut werden. Man baute die vorhandene Fassade zurück und ersetzte diese durch eine ökologisch konzipierte, vorgefertigte, diffusionsoffene Fassade in Holztafelbauweise mit Zellulose-Einblasdämmung und Holz-Alu-Fenstern mit Dreifachverglasung.

In Chemnitz bilden der Umgang mit der vorgefundenen Bausubstanz und das respektvolle Weiterbauen den Beispielcharakter der Sanierung eines Gründerzeitgebäudes, der Casa Rossa. Die Ästhetik des Imperfekten und der minimalistische Ansatz machen das Projekt zu einem Pionier der Umbauwende.

Das Gebäude basiert auf der Idee der erfinderischen Sparsamkeit und einer möglichst konsequenten Anwendung unterschiedlicher Prinzipien des ressourcenschonenden Bauens Quelle: Olaf Mahlsted

Zu den Nominierten zählt zudem das Recyclinghaus im Stadtteil Kronsberg in Hannover. Das zweistöckige Einfamilienhaus ist ein Prototyp für experimentelles Bauen. Als Reallabor für verschiedenste Arten und Dimensionen des Recyclings demonstriert das Gebäude, was heute bereits möglich ist.

Drei identische Häuser wurden in Leichtbeton, Massivholz und Mauerwerk errichtet. Quelle: Sebastian Schels

Im Projekt „Einfach Bauen“ im bayerischen Bad Aibling werden auf vorbildliche Weise die Möglichkeiten und Grenzen des gleichnamigen Prinzips wissenschaftlich fundiert betrachtet. Hierfür wurden drei identische Häuser in Leichtbeton, Massivholz und Mauerwerk errichtet. Bei diesen werden die Konstruktion, das Nutzerverhalten, die Behaglichkeit und das Raumklima über einen längeren Zeitraum vergleichend bewertet, um Erkenntnisse über Einsparungen in der Gebäudetechnik zu erhalten. Da die Ergebnisse frei verfügbar gemacht werden, leistet das Projekt wichtige Impulse für alle Beteiligten an der Wertschöpfungskette des Planens und Bauens, welche zum Startpunkt für eine neue Bauentwicklung werden können.

Mit dem Kö-Bogen II in Düsseldorf hat es auch Europas größte Grünfassade unter die besten Acht beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur geschafft. Das mehrgeschossige Gebäude für Büro und Handel überzeugt mit seiner städtebaulichen Setzung und als ambitionierter Versuch, Bauen, Technik und Natur zu verbinden und im Sinne einer neuen Qualität einer grüneren, menschlicheren Stadt wirksam werden zu lassen.

Neu formierte Jury ermittelt aus allen Teilnehmenden das Spitzenfeld

Ermittelt wurden die nominierten Projekte von einer neu zusammengesetzten Jury, zu der acht Expertinnen und Experten aus Architektur, Bauen und Gesellschaft zählen. Anders als bislang bestimmt dieses neue Preisgremium auch direkt über die drei Finalisten sowie das Gewinnerprojekt des Wettbewerbs. Benannt wurden die Juroren gemeinsam von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis und der DGNB. Die Auszeichnung wird zudem unterstützt durch die Bundesarchitektenkammer, den Bund Deutscher Architekten und die Bundesstiftung Baukultur sowie Caparol. Die diesjährigen Jurymitglieder sind: Manfred Belle (Stellvertretender Vorsitzender Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW), Martin Haas (Inhaber haascookzemmrich STUDIO 2050), Markus Müller (Präsident Architektenkammer Baden-Württemberg), Reiner Nagel, (Vorsitzender des Vorstandes Bundesstiftung Baukultur), Katja Oldenburg-Schmidt (Bürgermeisterin Hansestadt Buxtehude), Amandus Samsøe Sattler (DGNB Präsident, Founding Partner und Director Allmann Sattler Wappner Architekten), Marika Schmidt (Inhaberin mrschmidt Architekten BDA), Prof. Antje Stokman (Landschaftsarchitektin und Professorin für Architektur und Landschaft HafenCity Universität Hamburg)

Weitere Informationen sowe alle Jurybegründungen im Detail gibt es unter www.nachhaltigkeitspreis.de/architektur und www.dgnb.de.

Alle Nominierten mit den jeweiligen Bauherren und Architekten in der Übersicht

Casa Rossa, Chemnitz

Bauherr: Bodensteiner Fest Stroux GbR

Architekt: bodensteiner fest Architekten BDA

Einfach Bauen, Bad Aibling

Bauherr: B&O Gruppe

Architekt: Florian Nagler Architekten

Hotel Bauhofstraße, Ludwigsburg

Bauherr: Fedor Schoen GmbH & Co. KG

Architekt: VON M

Kö-Bogen II – Europas größte Grünfassade, Düsseldorf

Bauherr: CENTRUM Projektentwicklung GmbH, Düsseldorf; B&L Gruppe, Hamburg

Architekt: ingenhoven architects

Mehrfamilienhaus in Holzbauweise, Oskar-von-Miller-Straße, Nürnberg

Bauherr: wbg Nürnberg GmbH Immobilienunternehmen

Architekt: Architektur und Städtebau, wbg Nürnberg GmbH Immobilienunternehmen

Recyclinghaus, Hannover

Bauherr: Gundlach GmbH & Co. KG

Architekt: CITYFÖRSTER architecture + urbanism Tauber

Philharmonie, Weikersheim

Bauherr: Stadt Weikersheim

Architekt: HENN

Verwaltungsgebäude Tierpark, Berlin

Bauherr: Tierpark Berlin-Friedrichsfelde GmbH

Architekt: ZRS Architekten

Die renommierte Auszeichnung wird in diesem Jahr zum neunten Mal gemeinsam von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. und der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. vergeben. Die Preisverleihung erfolgt im Rahmen des Deutschen Nachhaltigkeitstages am 3. Dezember 2021 in Düsseldorf. Detaillierte Beschreibungen der Objekte auf Deutscher Nachhaltigkeitspreis: Nominierte 2021