Zwei Männer in Anzügen sprechen vor einer Dekoration aus Holzkisten miteinander, vor einem steht ein aufgeklappter Laptop, im Hintergrund steht der Veranstaltungsname 'Eastwood'. (Quelle: Bruderverlag)
Dr. Alexander Stahr und Dr. Jochen Stahl diskutieren im Anschluss an den Vortrag die Chatfragen der Teilnehmer. (Quelle: Bruderverlag)

Veranstaltungen

27. October 2021 | Teilen auf:

Eastwood: Holzbau auf Sendung

Der neue Fachkongress EASTWOOD behebt gleich mit seiner Premiere eine große geographische Unwucht in Holzbau-Deutschland. Über 100 Teilnehmer lauschten über einen Livestream den Vorträgen der hochkarätigen Referenten, die dazu extra im Media-Loft der HTWK Leipzig zusammenkamen. Als Teil der Sächsischen Holzbauinitiative ist die EASTWOOD künftig als jährliches Informations- und Netzwerktreffen in Sachsen wichtiger Teil des Holzbau-Kalenders.

Oft im Leben ist es so, dass man einen Bedarf und ein bestimmtes Interesse erst dann in der ganzen Dimension wahrnimmt, wenn man ein konkretes Angebot macht. So war es auch mit der EASTWOOD, dem neuen Holzbaukongress, der am 7. und 8. Oktober 2021 in den Räumlichkeiten der Hochschule für Technik, Wissenschaft und Kultur (HTWK) in Leipzig stattfand. Dort lehrt Prof.-Dr. Ing. Alexander Stahr die geneigten Studierenden alles über Tragwerke, die Forschungsergebnisse seines FLEX-Teams zu Mikroversatzknoten und elementierten Brettrippendächern sind auch schon in der bmH bauen mit Holz erschienen. So lag es auf der Hand, dass Prof. Stahr und die Rudolf Müller Mediengruppe (bmH und Der Zimmermann) die Idee zu EASTWOOD gemeinsam aufgriffen, weiterentwickelten und im Oktober zu einer überaus erfolgreichen Premiere führten. Die Form als digitaler Kongress war in diesem Jahr noch den Folgen der Corona-Einschränkungen geschuldet, ab 2022 ist die EASTWOOD als jährliche Präsenzveranstaltung in Leipzig geplant, die den Teilnehmenden neben den hochwertigen Inhalten auch jede Menge Kontakte, Anregungen und interessante persönliche Gespräche vermitteln will. Das alles dient dem Ziel, die strukturellen Defizite des Holzbaus in den ostdeutschen Bundesländern nicht nur durch ein größeres und stärkeres Netzwerk aller Beteiligten, sondern vor allem auch durch die Verbreitung der Erkenntnisse aus Forschung und Lehre auszugleichen. Insofern ist die HTWK in Leipzig der ideale Veranstaltungsort der EASTWOOD.

Holzbau in allen Facetten

Allen acht Referenten war in den sieben Vorträgen die Leidenschaft für das Planen und Bauen mit Holz anzumerken. Jan Schreiber, seines Zeichens Geschäftsführer bei ZRS Architekten in Berlin, erklärte anhand vieler Praxisbeispiele die zunehmende Bedeutung des ressourceneffizienten Bauens. Schreiber stellte RE4 vor, ein Konzept zum kreislaufgerechten Bauen und definierte wichtige Voraussetzungen für die stoffliche Wiederverwendung von Altholz.

Gleich im Anschluss an den Vortrag wurde Prof. Rinke aus Brüssel zugeschaltet, um in einem reich bebilderten Referat die Möglichkeiten aufzuzeigen, aus einem stabförmigen Stück Holz komplexe Elemente und Systeme zu zaubern, mit denen auch die größten statischen Herausforderungen zu meistern sind.

Dr. Jochen Stahl ist trotz seines Namens überzeugter Holzbauplaner, und er nimmt den Titel seines Vortrags „Holzbau macht Spaß“ durchaus ernst. Aus Kanada stellte er ein von seinem Büro Fast + Epp geplantes und umgesetztes Sport- und Freizeitbad („Grandview Heights“) vor, das mit einem einzigartigen, weitgespannten Hallendach aufwartet. Dieses längste Holz-Spannband-Dach der Welt überspannt mit nur 25 cm hohen Brettschichtträgern ganze 55 m Gebäudelänge.

Der Brandschutz im Holzbau ist, wenn man so will, ein Dauerbrennerthema. Dr. Rene Stein vom Ingenieurbüro Stein.Ing beleuchtete unter anderem die Feuerwiderstandsfähigkeit verschiedener Holzbauelemente. Eindrucksvolle Projektbeispiele für den mehrgeschossigen Holzbau rundeten den Vortrag ab, allerdings wies Dr. Stein auch auf die noch fehlenden An- und Verwendbarkeitsnachweise einzelner Bauelemente hin.

Die Kompetenz liegt schon im Namen

Wie ernst es den Verantwortlichen im Freistaat Sachsen mit dem Holzbau ist, zeigt auch die Tatsache, dass der Fachverein Holzbau Kompetenz Sachsen e.V. erst in diesem Jahr gegründet und sogleich vom sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung mit 1,2 Mio Euro gefördert wurde. Kein Wunder also, dass der HKS bei der EASTWOOD nicht nur als Sponsor, sondern auch in Person des Geschäftsführers Dr. Jörg Schmidt in Erscheinung trat. Dr. Schmidt gab einen kurzen Abriss über die Aufgabe und die Pläne des HKS, bevor es fachlich mit dem Referat von Mario Dunger von der B&O Gruppe in Chemnitz weiterging. Hinter dem etwas sperrigen Titel „Entwicklung praxistauglicher Lösungen für den mehrgeschossigen Wohnungsbau in Holz“ verbarg sich ein hochinteressanter Streifzug durch das von B&O umgesetzte Baukastensystem, mit dem sich erstaunlich effizient Wohnungsmodule mit Wohnungsgrößen von 1-5 Zimmer umsetzen lassen.

Gleich zwei Referenten des Hamburger Thünen-Instituts, Dr. Matthias Böschen und Dr. Dominik Jochem, widmeten sich dem Thema des Jahres 2021, der aktuellen Entwicklung auf den Rund- und Schnittholzmärkten. Wenig überraschend ist die Tatsache, dass sich die stoffliche Rohholzverwendung zu fast 90 % auf Nadelholz stützt. Für den Aha-Effekt sorgte hingegen dessen Verteilung: Nur etwa 1/3 der Fichten und Kiefern gehen in den Neubau, während 2/3 zur Modernisierung eingesetzt werden. Bösch und Jochem konnten mit ihren vielen Grafiken und Tabellen den Markt eindrucksvoll sezieren.

Hinter der EASTWOOD steht ein Mann, der neben dem Bruderverlag nicht nur Ideengeber, Mitinitiator und souveräner Moderator war, sondern es sich auch nicht nehmen ließ, sein Herzensprojekt, die Renaissance der Zollinger-Bauweise, im letzten Vortrag der Veranstaltung vorzustellen: Dr. Alexander Stahr. Mit „ReFlexRoof“ beschrieb Stahr die Entwicklung der ressourceneffizienten Brettrippendächer in Holz, dessen Grundidee der Merseburger Stadtbaurats Friedrich Zollinger schon vor 100 Jahren hatte. Das Ziel, möglichst wenig Holz für große Dachtragwerke einzusetzen, hat Dr. Stahr mit seinem Flex-Team in die Gegenwart transferiert und das Zollingerprinzip statisch perfektioniert.

Das Netzwerk lebt

Aus den mittlerweile zahlreichen Digitalveranstaltungen in der Holzbaubranche ragte die EASTWOOD nach Meinung vieler Teilnehmer und Partner durch die Präsenz der Referenten und des Moderators vor der Kamera und die technisch perfekte Umsetzung für die Teilnehmer heraus. Weiterer Höhepunkt war eine gemeinsame Abendveranstaltung für die Referenten, Veranstalter, Partner, Sponsoren und angereiste Teilnehmer in der Rennbahngastronomie in Leipzig.

Die EASTWOOD in Leipzig wird sich jeder Holzbau-Interessierte ab jetzt merken müssen!

zuletzt editiert am 04.11.2021