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Die "zusammengewachsenen" Häuser stellen ein Gebäude dar. Nach Restaurierung und Umbau beherbergen sie eine Gaststätte mit Saal, eine Arztpraxis und vier Wohnungen.

Technik 2011-01-21T00:00:00Z Ertüchtigung: Denkmal wird wirtschaftlich umgewidmet

Eine Gaststätte, eine Arztpraxis und mehrere Wohnungen sollten in dem Innenstadtquartier unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten eingerichtet werden. Die Zugangsmöglichkeiten für die Feuerwehr zu den beiden Fachwerkshäusern sind sehr bescheiden.

Inmitten der Altstadt des alemanisch geprägten und von einem Stadtbrand verschonten Geislingen/Steige, steht seit dem Mittelalter der Gasthof "Spitze" (ehemals "Pflug"). Das Ursprungsgebäude war, wie Erd- und Obergeschosse erkennen lassen, im Erdgeschoss als Mauerwerksbau, darüber im 1. und 2. Obergeschoss als typisches, alemanisches Fachwerk und über diesem mit einem unbekannten, mächtigen Dach errichtet. Das Dach wurde etwa in der Renaissance von einem Brand vernichtet. Nicht lange nach Errichtung eines neuen Daches, zeitgemäß mit liegenden Stühlen und Ziergiebeln, wurde das Gebäude traufseitig um einen ähnlich großen Anbau erweitert. Der Gebäudekomplex setzt sich daher zusammen aus den ursprünglichen, mittelalterlichen Erd- und Obergeschosses des Wirtshauses dem zweigeschossigen Dach aus etwa dem 16. Jahrhundert sowie dem späteren Anbau in etwa ähnlicher Struktur und Größe. Die Überführung des Gebäudekomplexes in wirtschaftlich sinnvoll nutzbare Einheiten unter zwei Dächern bei denkmalpflegerischen Vorgaben stellte eine bautechnische Herausforderung dar, die sich finanziell abbilden musste. Das Investorenmodell, welches unbedingt auf die Förderung der denkmalpflegerischen Maßnahmen angewiesen war, führte letztendlich zu einer Restaurierung, die hohe bauphysikalische Anforderungen zur erfüllen hatte. Die Nutzung als Gasthaus, Arztpraxis und mehrere Wohneinheiten erforderte Brand- und Schallschutzlösungen.

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Die Giebel zeigen klassischen alemanischen Ständerbau. Das ältere Haus hat einen reich gezimmerten Ziergiebel.

Nutzungsvorstellungen

Die Bausubstanz war weitgehend in einem erhaltenswerten Zustand. Beide Häuser sind über dem Erdgeschossmauerwerk klassische, alemanische Ständerbau-Fachwerke aus Eichenholz. Es waren größere Restaurierungen der Tragstruktur notwendig. Die Spuren der Vergangenheit lassen erkennen, dass die Giebel in Richtung des öffentlichen Platzes zunächst als repräsentative Zierfachwerke angelegt wurden, dann aber doch wie die darunterliegenden Geschosse und die weniger öffentlichen Rückseiten - verputzt wurden. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt wurde die ursprünglich, wahrscheinlich als Feuerschneise zwischen den Häusern bestehende Lücke geschlossen. Die Herrichtung zu zeitgemäßer Nutzung stellt einen gelungenen Kompromiss zwischen Erhalt von Baukulturerbe und Nutzbarmachung unter wirtschaftlichen Prämissen dar.

Die Dachstühle der beiden Häuser waren nicht nur gut in Ordnung sondern auch mit geringen Reparaturen und Ertüchtigungen für die Aufnahme der Lasten aus Wohnnutzung der Kehlbalkenebene ausreichend tragfähig. Die Fachwerkobergeschosse waren in einem schlechteren Zustand. Trotz Hebungen von bis zu 40 cm blieben Höhenunterschiede, die mit Ausgleichsschüttung und bei größeren Niveausprüngen mit Stufen auszugleichen waren. Die Interessenlagen des Eigentümers und der potenziellen Investoren führten zu einem ersten Entwurf, der folgende maßgebliche Realisierungen wünschte:

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Der jüngere Anbau lässt die brandschutztechnisch günstigen, mächtigen Eichenholzquerschnitte noch besser erkennen als der ältere Teil des "Quartiers" aus zwei Häusern.

Älterer Ursprungsbau:

- Gaststätte im Erdgeschoss,- im ersten Obergeschoss eine Wohnung über die gesamte Grundfläche (wie vorher schon vorhanden),

- im zweiten Obergeschoss eine Wohnung über die gesamte Grundfläche (wie vorher schon vorhanden),

- Ausbau des Daches zu einer weiteren Wohnung.

Neuerer Anbau:

- Festsaal (Versammlungsstätte) im Erdgeschoss (wie vorher vorhanden),

- Arztpraxis im 1. Obergeschoss über die gesamte Grundfläche,

- zwei Maisonettwohnungen jeweils vom 2. Obergeschoss bis unter das Dach reichend.

Die etwas eigenartig erscheinenden Maisonettwohnungen ergaben sich aus den inneren Erschließungsmöglichkeiten, auf die hier nicht eingegangen werden will.

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Auf der Rückseite der traufseitig zusammengewachsenen Häuser (Bildmitte und hinten) wurde mit der festinstallierte Feuerleiter eine wesentliche Voraussetzung für die umfängliche Nutzung geschaffen.

Die so angestrebte Gebäudedefinitionen waren von der Tragwerksseite her im Rahmen der Restaurierung erreichbar. Der äußere Anblick der Häuser lässt heute von den durch Schäden eingetretenen, großen Verformungen kaum mehr etwas erkennen. Zugleich zeigt sich die sehr "kräftig" bemessene Baustruktur. Die Vorstellungen an die Raumprogramme waren auch unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten (Fensterteilungen, Geschosshöhen usw.) umsetzbar. Nun ging es darum, die Baubarkeit entsprechend den bauaufsichtlichen Schutzzielen planerisch herzustellen. Dazu trat der Gesamtplaner Arph & Arch (Architekt Neugschwender) von Anbeginn in eine intensive Zusammenarbeit mit der Zimmerei Stahl ein.

Das schematische Brandschutzkonzept.

Brandschutzkonzept

In beiden Gebäuden liegt Höhe der Kehlbalkenlage, also der obersten Decke bei etwa 11 m über dem Gelände. Mit einer Drehleiter sind auf Grund der mittelalterlichen Umgebungsbebauungen mit schmalen Gassen nur Teile des älteren Gebäudes erreichbar. Flucht oder Rettung über Steckleitern waren bei über 8 m Anleiterhöhe nicht gegeben. Die im doppelten Wortsinn rettende Idee war die Definition der Kehle zwischen den traufseitig zusammenstehenden Häusern, Rinnenbreite über 60 cm, als Flucht- und Rettungsweg und die Installation einer festen Feuerleiter an den Hausrückseiten (Bild 2). Bei Flucht über die Kehle besteht keine Absturzgefahr, sie kann ausreichend gut begangen werden und sie kann von außen belöscht bzw. gekühlt werden. Damit war ein zweiter erster Rettungsweg gegeben. Zur Erreichung wurden entsprechend geeignete Dachflächenfenster als "Ausstiege" vorgesehen. Auf Grund dieses ersten Rettungsweges über das Dach konnten die Treppenerschließungen als erster Fluchtweg wie für Gebäude geringer Höhe eingeordnet werden, nur vom zweiten Obergeschoss nach unten.

Zur horizontalen, brandschutztechnischen Abschottung zwischen verschiedenen Nutzungseinheiten wurden hochfeuerhemmende Decken akzeptiert, die in der Bausubstanz auch wirtschaftlich herstellbar waren. Die Ebenen unterhalb der Dachgeschosse sind mit Steckleitern erreichbar. Die Tragstruktur des weitmaschigen alemanischen Ständerbaus bedingt mächtige Holzquerschnitte des Haupttragwerks, hier aus Eiche und von 20 x 30 cm² aufwärts bei den Ständern und Unterzügen, die auch unbekleidet einen Feuerwiderstand von mehr als 90 Minuten bieten. Von daher ist der Einsturz der Häuser bis zum Ende eines Vollbrandes nicht zu befürchten, was an dem Standort mit dicht angrenzenden Umgebungsbebauungen von besonderer Wichtigkeit ist.

Die vertikale Trennung zwischen den zum Teil von der Decke über dem 1. Obergeschoss bis unter das Dach reichenden Wohnungstrennwände wurden wie Gebäudeabschlusswände F-90B in Holzbauweise akzeptiert. Damit ergab sich die schematisch vereinfacht dargestellte Konstellation. Hier war die wahrscheinlich sehr selten gegebene Konstellation - von zwei traufseitig aneinanderstehenden Häusern als eine Einheit wesentlich für den Lösungsansatz "Flucht über das Dach".

Schallschutz: Tritt- und Luftschallschutz in Abhängigkeit von den Nutzungen schematisch.

Schallschutz nach Ursachen und Richtungen

Schalltechnisch horizontal zu trennen waren das Gasthaus, der Saal und die Arztpraxis von den Wohnungen sowie die Wohnungen voneinander. Bei den Wirtschaftsräumen (Gasthaus, Arztpraxis) ist das Schutzziel der Schutz der Wohnenden vor unzuträglichem Lärm. Dies ist im wesentlichen ein Luftschallproblem. Es stört in der Gaststätte und deren Saal, sicher keinen Besucher, wenn aus der Decke darüber Trittschall ertönt. Etwas abgeschwächter gilt das auch für die Arztpraxis. DIN 4109 fordert über Gasträumen, die auch nach 22:00 Uhr betrieben werden, ein Luftschalldämmmaß von 62 dB. Für die Decke über der Arztpraxis ist von unten nach oben eine Wohnungstrenndecke mit 55 dB (Luftschall) gefordert. Die Mindestanforderung an die maßgeblichen Wohnungstrenndecken zwischen den Wohnungen beträgt beim Trittschall 46 dB. Innerhalb der Maisonettwohnungen gibt es keine bauaufsichtlich vorgegebenen Schutzziele.

Die vertikalen schalltechnischen Trennungen betreffen hier nur die Wohnungstrennwände zwischen den Maisonettwohnungen (Mindest-Luftschalldämmmaß 55 dB) und die Trennung der Nutzungseinheiten von den Treppenhäusern (ebenfalls 55 dB).

Bautechnische Lösungen

Technisch-wirtschaftlich sinnvoll waren die vorgegebenen Bauaufgaben nur in Anlehnung an bauaufsichtlich geprüfte Holz-Trockenbau-Lösungen zu erreichen. Die Holzbalkendecken hatten durchgängig unten Putzlatten und 30 mm dicken Kalkputz. Die Dielung oben, zum Teil mehrfach mit verschiedenen Bodenbelägen versehen, wurde entfernt und die Deckengefache zwischen den Eichenbalken, Höhe circa 24 cm, komplett ausgeräumt. Trotz der erforderlichen Hebungen konnten die Putz-Deckenbekleidungen weitgehend intakt erhalten werden. Bild 5 zeigt die Varianten der gewählten Deckenaufbauten. In Anlehnung an verschiedene Brandschutzprüfzeugnisse lassen sie sich "von unten" als etwa F-90B einordnen. Die vorhandene Putzdecke wurde vor Anbringen der weiteren Unterbauten sorgfältig wiederhergestellt. Die Varianten der unterschiedlichen Bodenaufbauten der Trenndecken, ebenfalls Bild 5, ließen in Anlehnung an Prüfzeugnisse eine Feuerwiderstandsdauer zwischen 60 und 90 Minuten abschätzen.

Die Schallschutzeigenschaften der Decken konnten ebenfalls nur abgeschätzt werden. Aufgrund der mindestens jeweils zweifachen "Entkoppelungen", einmal im Unterboden und einmal unterhalb der Putzdecke, lag die Vermutung nahe, die angestrebten Ziele zu erreichen.

Holzbauingenieur und Restaurator Stahl war es wichtig, dass alle Deckenhohlräume vollständig mit Celluloseflocken ausgefüllt wurden. Damit wird in Hinblick auf den Feuchteschutz Konvektion in den Hohlräumen verhindert, die bei historischen Fachwerken mit Mineralfaserdämmung immer eine Gefahr darstellt. Zudem bringt die relativ schwere Dämmung eine größere Masse ein, die beim Trittschall im niedrigen Frequenzbereich günstig wirkt. Auch werden alle Fugen und Ritzen dem Schalldurchgang verschlossen. Bauaufsichts- und Denkmalpflegebehörde akzeptierten die Planungen und die Investoren die verbliebenen Ungewissheiten bei den Schalldämmeigenschaften der Decken.

Die Deckenaufbauten.

Die Wände zwischen den Maisonettwohnungen wurden als Doppelständerwände ausgeführt, die von beiden Seiten F-90B bieten. Die raumseitigen Beplankungen bestehen aus je 2 x 15 mm Gipsfaserplatten (Fermacell) und die Füllung der Gefache aus Cellulose-Flocken (Isofloc). Die inneren, über die Trennwände hinweg reichenden Bauteile wie Balken oder Pfetten wurden ausgenommen die äußeren Wandrähme innerhalb der Doppelwand getrennt, so dass Brand- und Schalllängsleitung weitgehend unterbrochen sind. Die Trennwände wurden bis unter die Dachdeckung geführt. Das Prüfzeugnis-Schalldämmmaß liegt mit 66 dB deutlich über dem bauaufsichtlich geforderten Mindestwert von 55 dB.

Natürlich auch noch Wärmeschutz

Die Längsaußenwand, deren Putz stark geschädigt war, erhielt außen 80 mm dicken Schilfrohrmatten mit Gewebespachtelung und Putz. Die übrigen Außenwände wurden von innen mit einer Vorsatzschale, Holzrippen mit OSB-Beplankung, versehen und mit Celluloseflocken ausgeblasen, ein besonders bei außensichtigen Fachwerken mittlerweile bewährtes System. Die OSB-Platten als Luftdichtheitsebene schlossen die Zimmerer mit Acryl-Fugenmassen an die angrenzenden Bauteile an, wobei auch größere Fugen und Risse in dem alten Holzwerk abgedichtet wurden. Davor kam dann eine Installationsebene in Trockenbauweise.

Die Fugen zwischen außensichtigen Hölzern und Ausfachungen saniert die Zimmerei Stahl stets selbst, damit sie weiß, dass das ordentlich gemacht ist. Zuerst werden die Fugen in die Tiefe hinein ausgekratzt, wo nicht möglich eingeschnitten. Dann werden sie ausgeblasen, vorgenässt und "aus der Tiefe heraus" nach vorne mit einem dünnflüssigen Kalkmörtel ausgefüllt. So ist der erreichbare Feuchteschutz, der kritischen Fugen erreicht (ganz dicht sind sie nie zu bekommen).

Die Dächer erhielten einen zeitgemäßen, auf den Altdächern aufgedoppelten Wärmeschutz und die Fenster hier gab es keine denkmalpflegerischen Einwände wurden gegen wärme- und auch schallschützende neue ausgetauscht.

Gemeinschaftliche Planung: Gesamtheitlich gelungenes Ergebnis

Die sehr frühzeitige Zusammenarbeit zwischen dem Gesamtplaner Arph & Arch und der Zimmerei Holzbau Stahl (nette Namenskonstellation) hat das Bauvorhaben "Spitze" (ein bisschen Wortspiel bietet sich an) an die Spitze seiner Nutzbarkeiten gebracht. Der Gebäudekomplex ist bis an die Dachspitze ausgenutzt. Alle Nutzer sind besonders mit dem erreichten Schallschutz zufrieden, bisweilen störend wird der Lärm von außen in den schmalen, halligen Gassen empfunden.

Bei der Planung war es günstig, dass die Zimmerei auch auf ihr eigenes, angeschlossenes Architekturbüro zugreifen konnte. Der Flucht- und Rettungsweg "über Dach" die "rettende Idee" ist bei dichten, innerstädtischen Holzfachwerkbebauungen ein Ansatz, der auf ähnliche Aufgabenstellungen übertragbar ist. Das Zusammenwirken von Planung und Konstruktion unter Berücksichtigung finanzieller und denkmalpflegerischer Maßgaben kann so meint Unternehmer Stahl am besten in enger Kooperation geleistet werden. Allerdings muss der Holzbaubetrieb dann auch für seine Planungsanteile voll in die Verantwortung eintreten.

Klaus Fritzen

Dipl.-Ing. (FH) Klaus Fritzen ist Herausgeber im Bruderverlag.

Bautafel

Standort: Geislingen/Steige

Gesamtplanung: Arph & Arch (Architekt Neugschwender), 73312 Geislingen/Steige

Planung und Ausführung Holzbau:

Holzbau Stahl, 73329 Kuchen

Fotos: Holzbau Stahl

zuletzt editiert am 04. August 2021
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