In dem 2008 eröffneten Möbelhaus in Oberschwaben verkaufen die Möbelfachleute ökologische Wohnträume in einer ebenso ökologischen Umgebung. Dabei wurde das Gebäude auch noch recht unkonventionell finanziert. Erfahren Sie mehr über Deutschlands erstes Möbelhaus im Passivhausstandard.
Energieoptimiertes Bauen ist weiterhin auf dem Vormarsch. KfW-60 ist inzwischen bei vielen Holzhausbauern Standard, ambitionierte Bauinteressenten visieren bereits den KfW-40-Standard an. Auch Passivhäuser rücken zunehmend ins Blickfeld der Bauherren nicht nur im Wohn-, sondern auch im Gewerbebau. Ein markantes Beispiel für diese Entwicklung ist das Ende Juni 2008 eröffnete Möbelhaus "Kohler natürlich einrichten" im oberschwäbischen Erolzheim. Nicht nur architektonisch ein Projekt der besonderen Art, sondern auch energetisch, denn das von seinem Architekten Erwin Keck liebevoll als "Walfisch" etikettierte Gebäude ist zugleich das erste Passiv-Möbelhaus Deutschlands.

Möbelkunden sichern die Finanzierung
Architekt Erwin Keck war es auch, der seinem Kunden Peter Kohler zur Passivbauweise geraten hatte. Letzterem leuchtete dieser Rat ein, denn was lag näher, als den Anspruch des Möbelhauses, ausschließlich Naturprodukte zu verkaufen, durch eine ökologische Bauweise zu untermauern?
Die ersten Vorgespräche im Jahr 2004 gingen also sehr schnell in Richtung Passivhaus, allerdings lag das Projekt kurz darauf schon wieder auf Eis: Mangels Eigenkapital legte die Bank des Bauherrn ihr Veto ein. Gleiches wiederholte sich 2006, nachdem der Bauantrag bereits von den Behörden genehmigt war.
In dieser verfahrenen Situation hatte Peter Kohler eine außergewöhnliche Idee: In einem Rundschreiben an seine Kundschaft bat er darum, das Projekt Passivmöbelhaus durch eine Bürgschaft oder als stiller Teilhaber zu unterstützen. Seine Kunden müssen ihm eng verbunden sein: Insgesamt 330.000 Euro an Barmitteln, etwa ein Drittel der Baukosten, kamen bei der Aktion zusammen. Außerdem konnte Kohler auf eine fünfstellige Bürgschaft zurückgreifen, die sich aus Einzelbürgschaften mehrerer Kunden zusammensetzte. Damit hatte das Unternehmen für seinen Neubau einen Eigenkapitalanteil zur Verfügung, der ihm auch bei der Bank alle Wege ebnete.
Zweigeschossig mit variablem Tonnendach
Der bereits genehmigte Plan sah einen lang gezogenen, rechteckigen Baukörper vor, der sich mit einem großen Foyer nach Nordosten öffnet. Hier liegen die Besucherparkplätze, verkehrsgünstig an zwei Bundesstraßen angebunden. Bei Bedarf kann das Möbelhaus durch einen runden Solitärbau ergänzt werden, der über einen Verbindungsgang ans Ursprungsgebäude angeschlossen wird.
Das Eingangsfoyer fungiert als Luftschleuse und ist beidseitig mit Türen ausgestattet. Direkt dahinter beginnt die eigentliche Möbelausstellung. Da der Bauherr dem Architekten eine Verkaufsfläche von etwa 1.000 m² vorgab, wurde eine zweigeschossige Bauweise notwendig: Über der Verkaufshalle im Erdgeschoss befindet sich eine Galerie mit zusätzlichem Ausstellungsraum, die noch einmal etwa die Hälfte der Hallenfläche einnimmt. Eine Staffelung in zwei Ebenen, die der Halle auch architektonisch zugute kommt, bietet sie doch dem Besucher interessante Ein- und Ausblicke und sorgt für ein Raumgefühl der besonderen Art.
Eine elegant geschwungene Treppe dient als Verbindung zwischen den Ebenen. Hinter der Ausstellungsfläche liegen Nebenräume wie Büros und Lager, in einem seitlichen Anbau befindet sich eine Werkstatt für die Zwischenmontage.
Ein Kapitel für sich war die Wahl der Dachform. Acht Vorentwürfe mit mehreren Hängekonstruktionen, einem Pult-, einem Flach- und einem Flügeldach brachte der Architekt zu Papier, ehe sich der Bauherr für das Tonnendach mit variierenden Radien entschied. Zusammen mit der "Schwanzflosse" über dem Eingang gibt dieses bis zum Boden gezogene Dach der Südostansicht in der Tat die Anmutung eines Walfischs.
In Kombination mit der Nordost-Ausrichtung der verglasten Eingangsseite hat diese Dachform zur Konsequenz, dass der Baukörper kaum solare Gewinne an den Längsseiten hat. Lediglich an den Büros auf der Südwestseite wurde er durch relativ kleine Fensterflächen geöffnet.
Vorteilhaft ist an dieser Konstruktion, dass die Naturholzmöbel in weiten Teilen der Ausstellung vor Sonnenlicht geschützt sind, dessen UV-Anteil zu Farbveränderungen führen könnte. Am großzügig verglasten Südwestgiebel dienen eine Fluchttreppe und transparente Photovoltaik-Module als Beschattung.

Alles ökologisch, alles Holz
Kohler hat sich auf individuelle, ökologische Vollholzmöbel spezialisiert. Der passende Baustoff war von daher Holz, zumal auch Architekt Erwin Keck auf Passivhäuser in Holzbauweise spezialisiert ist. Dabei arbeitet der Architekt regelmäßig mit der Zimmermeisterhaus-Manufaktur Jarde Holzbau in Gestratz zusammen: "Eine Superfirma, die innovativ und unkompliziert ist und bei der man mitdenkt", schwärmt Keck.
Auch zum Passivmöbelhaus lieferte Jarde Holzbau die komplette hölzerne Außenhülle angefangen bei den Holzrahmenwänden, deren senkrechte Lasten von 6/26 cm Konstruktionsvollhölzern abgetragen werden. Innen sind die Außenwände mit 15 mm starken OSB-Platten beplankt, außen komplettieren 80 mm starke Holzweichfaserplatten und eine diffusionsoffene Fassadenbahn aus Polyacryl den Wandaufbau. Als Fassade kamen rote Schichtstoffplatten auf Lattung oder eine hinterlüftete, sägeraue Rhombenschalung zum Einsatz. Die an den Stößen gedichtete OSB-Beplankung fungiert als luftdichte, die Fassadenbahn als winddichte Ebene.
Ein Novum ist die 260 mm starke Dämmung aus unbehandelten Hobelspänen im Gefach. Dank dieser Dämmung wurde im Passivmöbelhaus das Produkt Baum praktisch zu
100 % verarbeitet: "Wir haben einerseits die Kanthölzer, die etwa 50 % der Holzausbeute ausmachen, dann die Schalungsbretter mit weiteren 30 % und schließlich die Säge- und Hobelspäne, die mit etwa 20 % zu Buche schlagen. Von der ökologischen Seite her ist das natürlich ideal, denn wir haben ein reines Produkt, das man fast vollständig recyceln, thermisch verwerten oder einfach nur verrotten lassen kann," erklärt Keck.
Der Architekt hatte mit dieser Dämmung vor etwa zehn Jahren einen Feldversuch durchgeführt im Rahmen eines Forschungsprojekts der Holzforschung München unter Leitung von Prof. Dr. Wegener. Dabei war über einen Zeitraum von zwei Jahren das Verhalten von vier Arten unbehandelter Holzreststoffdämmung im Vergleich mit 14 konventionellen Dämmungen beobachtet worden. Eines der Ergebnisse: Eine Behandlung der Hobelspäne zum Schutz vor Schädlingsbefall oder zur Verbesserung des Brandverhaltens ist nicht notwendig.
Brandversuche hatten den Nachweis erbracht, dass die Hobelspandämmung die Vorgaben der Baustoffklasse B2 erfüllt, wenn sie auf 100‒120 kg/m³ verdichtet werden. Auf dieser Basis bekam Erwin Keck für die Hobelspandämmung im Möbelhaus Kohler eine Zustimmung im Einzelfall von der obersten Baubehörde.
Den ausführlichen Artikel lesen Sie in Ausgabe BAUEN MIT HOLZ 4.2009.