Siegfried Kohler ist Geschäftsführer der zur Niersberger Group gehörenden HR Holzelement. Die Konzerntochter feierte vor kurzem die Eröffnung einer Produktionshalle für Holzbau im fränkischen Lichtenau. Zur Etablierung des nachhaltigen Baustoffes sei seiner Meinung nach eine enge Verzahnung von Planung und Ausführung notwendig.
Herr Kohler, gemeinsam mit Ihrer Muttergesellschaft, der Niersberger Group, haben Sie eine Halle für automatisierte Holzbearbeitung eröffnet. Sie liegt direkt neben der traditionellen Zimmerei, die ebenfalls zu Niersberger gehört. Wie passen Automatisierung und Manufaktur hier zusammen?
Die neue Produktionshalle ist eine logische Fortentwicklung unseres Geschäftsmodells. In den vergangenen Jahren haben wir ein beträchtliches Wachstum des Baustoffes Holz gesehen. Immer öfter sehen wir in Deutschland Holzhochhäuser, Bürogebäude als Holzhybridbauten oder auch Mehrgeschosser aus Holz im Mietwohnungsbau. Dieser Marktentwicklung tragen wir mit der automatisierten Produktion Rechnung. Zugleich gibt es aber weiterhin die Nachfrage nach handgefertigten Stücken und Sonderanfertigungen, die wir mit unserer Firma Holzbau Röttenbacher abdecken. Insofern können wir flexibel auf Kundenanforderungen reagieren. Mit beiden Gesellschaften ist es der Anspruch von Niersberger, ein Kompetenzzentrum für Holz mit bundesweiter Ausstrahlung zu schaffen.
Sie sprachen das Marktwachstum des Baustoffes Holz an. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung und wird sie von langfristiger Dauer sein?
Holz hat durch den Nachhaltigkeitsdiskurs und die ESG-Anforderungen erheblich an Popularität gewonnen. Die hohe Wiederverwertbarkeit prädestiniert Holz als zirkulären Baustoff im Sinne des Cradle-to-Cradle-Prinzips. Durch die lokale Verfügbarkeit in ganz Deutschland und die Bindungseigenschaft von Holz können CO2-Emissionen erheblich reduziert werden. Nicht zuletzt hat Holz einen hohen ästhetischen Wert und punktet daher in der Regel auch in kommunalen Gestaltungsbeiräten. Ob die Entwicklung von Dauer ist, hängt von der Bereitschaft ab, Planung und Ausführung bei Holzbauprojekten zu fusionieren.
Was meinen Sie damit? Sind die Planer die Bremse für eine verstärkte Holznutzung?
Sie können zur Bremse werden, wenn sie eine abgeschlossene Entwurfsplanung in der Ausführung mit Holz kombinieren möchten. Das funktioniert bei diesem Baustoff nicht. Die ausführende Seite und der Werkstoff Holz müssen von Beginn an im Projekt involviert sein, um die passende Statik, die funktionierenden Details und die Kombination mit anderen Baustoffen im Hybridbau zu prüfen. Wenn wie im konventionellen Massivbau ein Standardziegel nicht passt, haben wir 30 Euro Verlust. Ein vorgefertigtes Holzbauteil, das sich nicht einfügen lässt, kann schon mal 30.000 Euro kosten. Die Datenbank dataholz.eu umfasst rund 2.400 verschiedene Bauteile: Es handelt sich um eine weitaus höhere Komplexität als im Massivbau, da der Vorfertigungsgrad weitaus höher liegt. Um es auf den Punkt zu bringen: Wir wollen mehr mit Holz bauen. Das geht aber nur, wenn die Planung und die Ausführung näher zusammenrücken – und diesem Willen muss die HOAI folgen. Die Besoldungsregelung für Planer und Architekten mit ihrer fein säuberlichen Trennung nach Leistungsphasen ist im modernen Holzbau ungeeignet.
Bei all den Vorteilen des Baustoffes ist es trotzdem verwunderlich, dass Holz weit davon entfernt ist, auf Augenhöhe mit Beton und Stahl zu konkurrieren.
Wir haben als Holzbauer den Baustoff in den vergangenen Jahren noch nicht richtig vermarktet. Hochglanzprojekte standen hier im Vordergrund. Man bekam den Eindruck, dass sich Holz nur für hochwertige Bürogebäude oder als Beimischung für einzelne Elemente wie Fassaden oder Wände eignet. Über die Vorteile wurde zu wenig kommuniziert. Nun sehe ich aber einen geeigneten Zeitpunkt, Holz als Baustoff beispielsweise im Mietwohnungsbau dauerhaft zu etablieren. Das häufig vorgetragene Argument der Preisvolatilität kann ich mit Verweis auf die hohe Herstellerzahl und die kombinierte Planung und Ausführung vollends entkräften. Die Ressourcen in Europa sind darüber hinaus mehr als reichhaltig, wobei wir die ausgleichende Wiederaufforstungsquote im Blick behalten müssen. Mehr Holzarten eignen sich nun auch für den Bau - wie zum Beispiel Buchenholz, das früher nur als Brennstoff diente.
Manche Kritiker verweisen auf die scheinbare Kurzlebigkeit des Baustoffes Holz.
In meiner Heimat Österreich haben wir über 500 Jahre alte Bauernhäuser, die vollständig aus Holz bestehen. Natürlich muss eine Holzfassade alle 50 Jahre gewartet oder erneuert werden, aber diese Zyklen sind bei anderen Baustoffen sogar kürzer.
Welche Perspektive sehen Sie für den Baustoff Holz in den kommenden Jahren?
Sicherlich haben wir in den vergangenen Jahren durch die strenge und mittlerweile etwas gelockerte ESG-Regulatorik eine Sonderkonjunktur für Holz gesehen. Aber Entwickler, die auf nachhaltige Produkte aus lokaler Wertschöpfung Wert legen, kommen an Holz nicht vorbei. Wenn sie die Fusion von Planung und Ausführung, wie sie beispielsweise Niersberger leistet, mitbedenken, sparen sie zwischen drei und sechs Monaten Projektzeit ein. Ich bin davon überzeugt, dass Holz über die Bauwirtschaft hinaus seinen Platz finden wird – beispielsweise auch wie früher im Fahrzeugbau. Denn Kunststoff ist nicht nur durch gestiegene Energiepreise in der Produktion unrentabler geworden, sondern bekanntermaßen auch kaum recycelbar und daher weit weniger umweltverträglich als Holz.
