Sebastian Schmäh, Zimmermeister und staatlich geprüfter Restaurator.
Sebastian Schmäh, Zimmermeister und staatlich geprüfter Restaurator, leitet das Holzbauunternehmen Schmäh in Meersburg am Bodensee. Er ist Vorsitzender des Verbandsder Restauratoren im Zimmererhandwerk e. V. und stellvertretender Vorsitzender des neu gegründeten Dachverbands der Restauratoren im Handwerk e.V. (Quelle: Rudolf Müller Mediengruppe)

Technik

09. August 2022 | Teilen auf:

Interview: Die Restaurierung modernisiert sich

In der Landschaft der Restauratoren und Restauratorinnen hat sich in den letzten Jahren manches geändert. Zum einen gründete sich ein neuer Dachverband. Zum anderen wurde die Prüfungsordnung für die Weiterbildung novelliert. Darüber sprach Der Zimmermann mit Sebastian Schmäh, Vorsitzender des Verbands der Restauratoren im Zimmererhandwerk e. V.

Der Zimmermann: 2019 gründete sich der Dachverband der Restauratoren im Handwerk e.V. (VRH). In ihm haben sich die drei großen handwerklichen Restauratorenorganisationen, der Restaurator im Handwerk e.V., die Fachgruppe Restauratoren im Handwerk e.V. und der Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk e.V., dessen Vorstand Sie sind, zusammengeschlossen. Warum gab es in dieser doch eher überschaubaren Branche überhaupt so viele Verbände und wie kam es zu dem Zusammenschluss?

Sebastian Schmäh: In unserer Branche bestehen unterschiedliche Interessen, die die Existenz mehrerer Verbände erklären. Deshalb wird unser Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk weiterhin als starke eigenständige Organisation bestehen bleiben und für seine besonderen Mitglieder handeln und entscheiden. Um aber mit einer starken Stimme auf Bundesebene sprechen zu können, machte die Gründung eines Dachverbands Sinn, da dadurch etwa 620 Betriebe mit über 3800 Mitarbeitenden ihre Interessen besser und zielgerichtet bündeln können.

Der Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk e.V. richtet sich, wie der Name bereits sagt, an nur ein Handwerk. Die Mitglieder der beiden anderen Verbände stammen dagegen aus vielen verschiedenen Handwerksberufen, insgesamt über fünfzig Gewerke. Werden die Interessen des Zimmerhandwerks noch ausreichend Gehör in dem neuen Dachverband finden?

Ich bin sicher, dass wir unsere Interessen sehr gut im Fokus behalten werden. Wir gelten mit unserem Verband und der Haltung als Musterhandwerk in der Restaurierung und Denkmalpflege. Im derzeitigen Vorstand des VRH sitzen drei Zimmerleute: Bernd Jäger von der Firma Jako Baudenkmalpflege GmbH in Rot als Vorsitzender und Vertreter des Verbands Restaurator im Handwerk e.V., zudem Pius Luib aus Bad Saulgau und ich als stellvertretender Vorsitzender des VRH; wir kommen beide vom Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk e. V.

Mir ist durchaus bewusst, welchen Ruf meine Vorgänger und die Mitglieder des Verbandes der Restauratoren im Zimmererhandwerk e. V. aufgebaut haben. Unsere Meinung im Dachverband zählt sehr viel. Diese besondere Stellung und Verantwortung gilt es zu sichern und zu festigen. In der Wahrung unserer Interessenvertretung steckt ein sehr großer Zeitaufwand von etwa zehn bis zwölf Tagen im Jahr allein für meine Person. Aber das ist es wert, weil es unserem Verband ein politisches Gewicht verschafft.

Ein Schlüssel sind für mich auch das gewerkübergreifende Denken und der Brückenschlag zu den akademischen Restauratoren und Restauratorinnen. Interessant ist sicherlich auch unsere verbindende Funktion bezüglich der Betriebsgrößen. Unsere Betriebe verfügen meist über eine mittlere Größenstruktur. In den anderen Verbände variiert diese dagegen mit einem bis 250 Mitarbeitenden sehr stark.

Ende 2020 wurde die Prüfungsordnung für die Weiterbildung „Geprüfter Restaurator im Handwerk“ bzw. „Geprüfte Restauratorin im Handwerk“ novelliert. Was war der Grund für diese Novellierung? Was ändert sich allgemein und speziell für die Weiterbildung „Restaurator/in im Zimmererhandwerk“?

Die Weiterbildung zur Restauratorin bzw. zum Restaurator ist auf bundespolitischer Ebene zum Musterbeispiel für die Masterausbildung im Handwerk ausgewählt worden. Die Weichen sind bereits vor etwa sieben Jahren – also bereits vor meiner Position als Vorsitzender – gestellt worden. Der fachliche Abschluss auf Masterniveau, dem Niveau 7 des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR7), soll zeigen, dass unser Bildungssystem auch über die handwerkliche Ausbildung zu einem Masterabschluss führen kann. Bis ins Jahr 2022 wurde unser Kurs im Bildungszentrum in Biberach weiter im gewohnten Umfang durchgeführt, ab Anfang 2023 stehen die neuen Verordnungen zur Umsetzung an.

Der Pflichtumfang der Ausbildung wird sich um etwa 320 Unterrichtsstunden erweitern. Vor allem wird der übergreifende Lerninhalt deutlich ausgebaut werden, weil auch akademische Lerninhalte über Hochschulen eine Rolle spielen werden. Die bisherige Weiterbildung zum/zur Restaurator/in im Handwerk entspricht dem Niveau DQR6. Damit in Zukunft beide Weiterbildungen gleichgestellt sein werden, erarbeiten wir derzeit noch einen Aufbaukurs, der zu DQR7 hinleiten soll, und eine Anpassungsprüfung.

Eine Idee ist es zudem, die Ausbildung auf mehrere Standorte im Bundesgebiet zu verteilen, um die jeweiligen Stärken der Zentren zu verankern. Biberach soll und kann dabei im Bereich der Zimmererausbildung eine führende Rolle übernehmen. Unser Kollege Bernd Otto, der den Ausbildungsbereich im Bildungszentrum in Biberach leitet, ist aus diesem Grund auch der Vertreter im länderübergreifenden Expertenausschuss. Dieser erarbeitet die neue Ausbildungsverordnung und den Rahmenlehrplan. Bernd Otto vertritt dort die gemeinsamen Interessen unseres Verbands und des Ausbildungsstandorts. Den handwerklichen Aspekt der Restaurierung wollen wir dabei mit der akademischen Untersuchung und Formulierung zusammenführen, um unseren besonderen Beruf auch auf EU-Ebene zukunftssicher zu machen.

Nun sind ja die Zahlen der Handwerksmeisterinnen und Handwerksmeister, die sich für eine Weiterbildung zum/zur Restaurator/in im Handwerk entscheiden, eh schon rückläufig. Die neue Prüfungsordnung sieht eine deutliche Aufstockung der Unterrichtsstunden vor, von 470 Stunden auf 800 Stunden. Besteht nicht die Gefahr, dass sich noch weniger für diese Weiterbildung entscheiden?

In der Nachwuchsgenerierung sehe ich auch eine sehr große Herausforderung. Die neue Verordnung macht eine parallele Fortbildung mit einer gleichzeitigen Betriebsführung für Unternehmerinnen und Unternehmer sehr anspruchsvoll. Größere Betriebe und solche Personen, die in der Betriebsnachfolge stehen, werden diese Herausforderung eher bewältigen können. Weil aber viele mit oder in Kleinstbetrieben arbeiten, haben wir regelmäßig auf diese Problematik hingewiesen, leider ohne Erfolg. Eine Lösung wäre es, moderne Systeme in Modulen zu generieren, damit eine Fortbildung für alle Interessierten in Zukunft möglich ist. Wichtig ist, dass nur diese Zusatzqualifikation das Wissen zum Umgang mit den Denkmälern vermittelt und wir mit der akademischen Restaurierung einen Partnerschaft auf Augenhöhe ausbauen wollen. Dabei muss die handwerkliche Praxis und der Nachweis von Referenzobjekten weiter eine wichtige Rolle spielen. Nur über diesen Weg lässt sich unsere besondere Kultur- und Denkmallandschaft in Deutschland und Europa erhalten.

Herr Schmäh, vielen Dank für das Gespräch.

Ein Dachverband für drei Vereine

Drei große handwerkliche Restauratorenorganisationen haben 2019 den Dachverband der Restauratoren im Handwerk e.V. (VRH) gegründet. Die Dachorganisation möchte die gemeinsamen Interessen bündeln und die Restauratoren und Restauratorinnen im Handwerk zukünftig mit einer Stimme nach außen sprechen lassen. In dem Dachverband sind nun über 650 Restauratorinnen und Restauratoren im Handwerk und Unternehmen vereint.

Bei den drei Gründungsorganisationen handelt es sich um:

  • Die Bundesvereinigung „Restaurator im Handwerk e.V.“ wurde Anfang 1999 in Leipzig gegründet und ist eine fachübergreifende Interessenvertretung von Restauratoren und Restauratorinnen im Handwerk. Die Geschäftsstelle sitzt in Stuttgart. Unter den Mitgliedern findet sich neben den starken Baugewerken wie dem Maurer-, Tischler- oder Stuckateurhandwerk auch das Kunsthandwerk, zum Beispiel Goldschmiederei, Buchbinderei, Kirchenmalerei oder auch der Orgelbau. Zu den Vereinsaufgaben gehören die Kooperation mit den amtlichen, kirchlichen und privaten Institutionen der Denkmalpflege, die Organisation fachübergreifender Tagungen, Hilfestellung bei der Bildung von Arbeits- und Bietergemeinschaften und die Veröffentlichung der Definition, Dokumentation und Kommunikation handwerklicher Kompetenzen bei der Erhaltung und Restaurierung von Kulturgut.
    www.restaurator-im-handwerk.de
  • Die Fachgruppe Restauratoren im Handwerk e.V. gründete sich 1986. Sitz der Fachgruppe ist die Akademie des Handwerks Schloss Raesfeld. Der Verein setzt sich aus den acht Fachbereichen Stuckateurhandwerk, Tischlerhandwerk, Zimmererhandwerk, Maurerhandwerk, Steinmetzhandwerk, Metallbauerhandwerk, Raumausstatterhandwerk und Malerhandwerk zusammen. Damit liegt der Schwerpunkt bei Restauratoren und Restauratorinnen aus dem Bauhandwerk. Der Verein sieht seine Aufgabe vor allem im Erfahrungs- und Meinungsaustausch auf dem Gebiet der Forschung, Entwicklung und Anwendung untereinander und mit weiteren Vereinigungen aus Deutschland und anderen Ländern und in der Interessenvertretung seiner Mitglieder gegenüber den Ämtern für Denkmalpflege, öffentlichen Auftraggebenden usw.
    www.fachgruppe-rih.de
  • Der Verband der Restauratoren im Zimmererhandwerk e. V. ist ein Zusammenschluss von Restauratoren und Restauratorinnen im Zimmererhandwerk. Er gründete sich 1989, um den gewerkespezifischen Bedürfnissen Raum geben zu können. Der Vereinssitz ist in Ostfildern. Der Zweck des Vereins besteht in der intensiven Förderung der fachgerechten Restaurierung und Erhaltung von alter Bausubstanz und Denkmalpflege, Gemeinschaftswerbung und Öffentlichkeitsarbeit nach außen und im Erfahrungsaustausch und in der Zusammenarbeit nach innen. Weitere Aufgaben sind die Fortbildung der Mitglieder, die Erforschung und Weiterentwicklung von überlieferten Handwerkstechniken sowie die Wahrnehmung der Berufsinteressen im Rahmen des geltenden Rechts und der gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen.
    www.restauratoren-verband.de
zuletzt editiert am 09.08.2022