Anischt von zwei halbfertigen Musterwänden mit unterschiedlichen Lehmprodukten
Die Produktpalette von Lehmbaustoffen umfasst Mauersteine, Bauplatten, Stampflehm sowie Lehmfarbe. Weil Lehm wasserlöslich ist, kann er beliebig oft wieder- und weiterverwertet werden. (Quelle: Bildungszentrum Biberach)

Technik

12. January 2023 | Teilen auf:

Lehm – Renaissance eines Baustoffs

Weiterbildung Im Zuge des immer stärkeren Fokus auf nachhaltigem Bauen kommen auch altbewährte Baustoffe wie der Lehm wieder mehr zur Anwendung. So sinnvoll die Nutzung dieses heimischen und ökologischen Rohstoffs auch ist, so sehr braucht es zur fachgerechten Verarbeitung ausgebildete Handwerker. Überbetriebliche Ausbildungsstätten wie das Bildungszentrum in Biberach bieten die Möglichkeit, in einem vierwöchigen Seminar zur „Fachkraft Lehmbau“ zu werden.

Bereits im Jahr 2002 wurden erstmals in Deutschland und Europa für den Bereich des Lehmbaus die Voraussetzungen zur Durchführung einer von deutschen Handwerkskammern anerkannten handwerklichen Weiterbildung geschaffen. Ziel war es damals, durch den Erwerb eines von den Handwerkskammern anerkannten Prüfungszeugnisses die Gleichstellung der Lehmbauer mit vergleichbaren Handwerkerausbildungen zu erreichen. Grundlage für alle angebotenen Seminare zur „Fachkraft Lehmbau“ ist das vom Dachverband Lehm e.V. herausgegebene Buch „Lehmbau Regeln“, das nun schon in der 3. Auflage zur Verfügung steht. Allerdings bieten die „Lehmbau Regeln“ mittlerweile nur noch den groben Rahmen für den Lehmbau. So werden etwa für tragende Bauteile bestimmte Grenzen definiert. Immer wichtiger werden hingegen die Produktnormen für die werkseitig hergestellten Lehmbaustoffe (siehe Kasten).

Lehm – der Universalbaustoff

In der Tat spricht einiges dafür, dass Lehm als Baustoff künftig eine größere Rolle spielen wird. Die Rohstoffknappheit etwa bei Sand und Gips sei als Beispiel genannt. Aber auch für das kreislaufgerechte Bauen hat Lehm erhebliches Potenzial, weil er quasi beliebig oft wieder- und weiterverwertbar ist. Sein Verwendungsspektrum ist enorm breit. Er kann zu Steinen und Platten geformt werden, als lose Schüttung bringt er die erforderliche Last in Holzbalkenlagen, im erdfeuchten Zustand lässt er sich zu massiven Wandkonstruktionen stampfen, als Putz sorgt er für bestes Wohnklima in Innenräumen. Seine wärmespeichernden respektive wärmedämmenden Eigenschaften lassen sich durch Beimischung verschiedener Zusätze noch weiter verbessern. Besonders Holzhäcksel, Hanffasern oder Hobelspäne sind dafür geeignet. Lehm bindet im eigentlichen Sinne nicht ab, die Erhärtung der Baustoffe geschieht durch einfache Verdunstung des enthaltenen Wassers. Das führt dazu, dass Lehm immer wasserlöslich bleibt, weshalb er dem direkten Spritzwasser im Innenbereich nicht ausgesetzt werden darf. Als Ausfachung im Fachwerkbau ist Lehm bestens geeignet, da er aufgrund seiner hohen Kapillarität das Konstruktionsholz trocken und damit schimmelfrei hält. Gegen die Witterung und den Regen muss der Lehm allerdings mit einer Putzschicht aus Kalkmörtel geschützt werden.

Grafik mit den Lebensabschnitten eines Lehmprodukts rund um einen Lehmhaufen
Lehmbaustoffe haben eine sehr lange Lebensdauer, bei der Ökobilanz von Lehmbaustoffen dürfen offiziell 100 Jahre angenommen werden. Das Bild zeigt den Nutzungskreislauf von Lehm. (Quelle: Dachverband Lehm e.V.)
Ansicht einer Musterwand mit verschieden gestalteten Putzflächen
Lehmfeinputze können mit entsprechendem Können und ausreichender Erfahrung auch zur finalen Wandgestaltung eingesetzt werden. Sie sind besonders diffusionsoffen und absorptionsfreudig. (Quelle: Bildungszentrum Biberach)
Ansicht einer halbfertigen Trockenbauwand aus Lehmplatten
Lehmbauplatten werden wie Gipsbauplatten im Trockenbau verarbeitet. Um die raumklimatischen Vorzüge der Platten nicht beeinträchtigen, sollten auf solchen Platten nur Lehm- oder Kalkputze verarbeitet werden. (Quelle: Egginger Naturbaustoffe)

Lehmbau lernen

Der Kurs zur Fachkraft Lehmbau gehört zum über 100 Kurse umfassenden Seminarprogramm im Bildungszentrum Biberach. In den insgesamt vier Wochen, die die bis zu 20 Teilnehmer in der Lehmbauhalle verbringen, erlernen sie alle praktischen Formen des Lehmbaus vom Mauerwerksbau über die Lehmbauplattenverarbeitung bis zu den Lehmputzen und natürlich auch die theoretischen Grundlagen. Teilnehmende müssen eine Mindestqualifikation mitbringen. Das kann der Gesellenbrief in einem Handwerksberuf des Bauhauptgewerbes oder auch des Malerhandwerks sein, aber auch Architekten und Ingenieure können sich zur Fachkraft im Lehmbau weiterbilden lassen. Elementarer Bestandteil des Seminars ist die sogenannte Praxisbaustelle: Dort lernen die Teilnehmenden anhand einer Musterbaustelle alles Relevante zu Ausschreibung, Angebot und Vergabe, der Kalkulation und zu Fragen der Gewährleistung. Überhaupt nimmt das Thema Betriebswirtschaft und -führung einen relativ großen Raum ein. Mit 40 von insgesamt 200 Unterrichtsstunden bildet es ein eigenes, verpflichtendes Modul. Es gibt für die Teilnehmenden allerdings die Möglichkeit der Befreiung, wenn sie einen Meistertitel im Handwerk, einen Master in Architektur oder Bauingenieurwesen oder Kenntnisse und Erfahrung in der Führung eines Baubetriebs nachweisen können.
Das Seminar endet im Idealfall mit dem Erwerb eines Zertifikats. Allerdings ist die Prüfung kein Zuckerschlecken: Bei der zuständigen Handwerkskammer muss der angehende Lehmbauer in einer etwa vierstündigen Theorieprüfung und einer sechsstündigen Praxisprüfung zeigen, was er gelernt hat. Neben dem Zertifikat „Fachkraft Lehmbau“ steht dem Absolventen dann auch die Möglichkeit offen, die Führung des Rundlogos „Lehmbaufachbetrieb DVL“ inklusive persönlicher Zulassungsnummer zu beantragen. Neben der Fachkraft Lehmbau gibt es auch noch die Weiterbildung „Gestalter/Gestalterin für Lehmputze (HWK)“, die im Rahmen eines EU-Projekts „Lehmputze“ entwickelt und ausgearbeitet wurde. Darin werden praktische und theoretische Grundlagen zu Lehmputzen, gestalterische Fertigkeiten und Fähigkeiten, Einführung in Vermarktung und Kundenorientierung vermittelt. Der Kurs besteht aus den drei Modulen Grundlagen Lehmputze, Gestaltung und Marketing. Das vom Dachverband Lehm ausgegebene, übergeordnete Ziel der größeren und breiteren Akzeptanz des Lehmbaus bei Behörden, Bauherren und Entscheidungsträgern soll durch eine qualitativ hochwertige Weiterbildung erreicht werden.

Ansicht des Neubaus des Bildungszentrums Biberach
Das Bildungszentrum in Biberach bietet in seinen weitläufigen Räumlichkeiten über 100 verschiedene Seminare für das Bauhauptgewerbe an, hauptsächlich im Holzbau. (Quelle: Daniel Vieser . Architekturfotografie, Hildesheim/Karlsruhe)
Junger Mann wickelt eine Holzlatte in Stroh ein
Die Teilnehmenden am Seminar Fachkraft Lehmbau lernen neben der umfangreichen Theorie auch alle Gewerke des Lehmbaus kennen, hier das Wickeln von Deckenriegeln. (Quelle: Bildungszentrum Biberach)
Junge Frau stampft Lehm an einer Innenwand zwischen eine Lattenkonstruktion
Als Innendämmung funktioniert der Stampflehm, der hier von einer Teilnehmerin zwischen eine Lattenunterkonstruktion vor einer Innenwand eingebracht wird. (Quelle: Bildungszentrum Biberach)

Eine bunte Mischung an Teilnehmenden

Laut Thilo Biberach, einem der Seminarleiter beim Kurs „Fachkraft Lehmbau“ im Bildungszentrum Biberach, wird der Lehmbau immer stärker nachgefragt: „Früher hatten wir einen Kurs im Jahr, jetzt sind es zwei, die beide ausgebucht sind. Wir schulen umfassend von althergebrachten Techniken bis hin zum modernen Lehmbau“, so Biberach. Die einzelnen Seminargruppen seien sehr heterogen: „Das ist immer eine ganz bunt gemischte Truppe, da sind einige Ingenieure dabei, aber auch Leute, die sich das über Jahre selbst beigebracht haben, zum Teil schon am Markt tätig sind und das nun nochmal richtig lernen wollen. Insgesamt zeichnen sich unsere Seminare durch eine sehr gute Teilnehmermischung aus Theoretikern und Praktikern aus.“
Thilo Biberach ist überzeugt, dass die Bedeutung und der Marktanteil des Lehmbaus weiter wachsen werden. Zum einen brauche der Lehm nicht wie viele andere Baustoffe Prozesswärme bei der Produktion, was den Lehm gerade in Zeiten der steigenden Energiekosten zunehmend konkurrenzfähig mache: „Lehmbaustoffe waren bisher immer etwas teurer als die konventionellen, aber das wird sich jetzt aufgrund der Energie- und Ressourcensituation angleichen“, glaubt Biberach. Zum anderen sind gerade bei den Bauherren das ökologische Bewusstsein und damit die Nachfrage nach entsprechenden Baustoffen enorm gestiegen. Die Seminarteilnehmer setzen also auf einen weiter wachsenden Markt.

Gruppenbild des Lehmbauseminars vor Pizzaofen
Der Abschluss eines Seminars wird regelmäßig mit einer Pizza aus dem Lehmofen gefeiert. Der Seminarleiter Thilo Biberach (3. v.l.) freut sich über die sehr gemischte Teilnehmergruppe. (Quelle: Bildungszentrum Biberach)

Teilnehmende können sich fördern lassen

Das Bildungszentrum in Biberach bietet mittlerweile einen ganzen Strauß an verschiedenen Seminaren an. Das reicht von der Aufstiegsqualifizierung über Unternehmensführung und Digitalisierung bis hin zur Restaurierung. Noch bis 2027 können sich Beschäftigte und UnternehmerInnen, deren Beschäftigungs- und/oder Wohnort in Baden-Württemberg liegt, bei Weiterbildungen und Seminaren im Bildungszentrum Biberach fördern lassen. Das entsprechende „Förderprogramm Fachkurse“ wurde aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds Plus (ESF-Plus) aufgelegt und gilt als das wichtigste Finanzierungs- und Förderinstrument der Europäischen Union (EU) für Investitionen in Menschen. Das ausdrückliche Ziel ist die verstärkte Förderung beruflicher Qualifizierung im Hinblick auf die stetig steigenden Anforderungen in der Arbeitswelt und den zunehmenden Fachkräftemangel. Mit der Unterstützung des Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg sollen vor allem Beschäftigte aus kleinen und mittleren Unternehmen angesprochen werden.
Die Weiterbildung zur „Fachkraft Lehmbau“ ist also auch aus Kostengründen interessant. Wenn es nach dem Dachverband Lehm geht, soll es aber noch weiter gehen. Mittelfristig ist dessen Ziel, einen eigenen anerkannten Ausbildungsberuf Lehmbauer zu etablieren. Sollte das gelingen, ist auch das ein gutes Beispiel dafür, wie das Baugewerbe seinen Beitrag zur Ressourceneffizienz und zum wirklich nachhaltigen Bauen leisten kann.

Logo des Bildungszentrums Biberach
Das Bildungszentrum Biberach gehört zum ​​​​​Verband des Zimmerer- und Holzbaugewerbes Baden-Württemberg. (Quelle: Bildungszentrum Biberach)
zuletzt editiert am 12.01.2023