In Kornwestheim, nördlich von Stuttgart, auf dem Gelände einer ehemaligen Eisenbahnersiedlung entstanden zwei Baukörper in Würfelform mit Außenmaßen von rund 16 m. (Quelle: Jürgen Pollak)
In Kornwestheim, nördlich von Stuttgart, auf dem Gelände einer ehemaligen Eisenbahnersiedlung entstanden zwei Baukörper in Würfelform mit Außenmaßen von rund 16 m. (Quelle: Jürgen Pollak)

Technik

19. October 2021 | Teilen auf:

Mietwohnungsmarkt: Nachhaltiger und leimfreier Holzbau auf 16m

Das deutsche Wohnungsunternehmen Vonovia hat sich erstmals entschieden, ein neues Wohnprojekt in mehrgeschossiger Holzbauweise (Gebäudeklasse 4) zu errichten. Gemeinsam mit den Planern der architekturagentur und holzius entstehen in Kornwestheim, nördlich von Stuttgart, auf dem Gelände einer ehemaligen Eisenbahnersiedlung zwei Baukörper in Würfelform mit Außenmaßen von rund 16 m.

Die beiden Gebäude werden auf einer gemeinsam genutzten und über die Kellergeschosse erreichbaren Tiefgarage errichtet, der Erschließungskern der Objekte besteht ebenfalls aus Stahlbeton. Beide Häuser sind identisch auf- und ausgebaut, auf vier Etagen sind jeweils drei Wohnungen untergebracht, das gesamte Projekt umfasst also insgesamt 24 Wohneinheiten mit Wohnflächen zwischen 55 und 95 m2. Von außen betrachtet, ist nicht ersichtlich, dass die tragende Struktur in Holzbauweise ausgeführt ist. Direkt auf die Holzwände wurde ein Wärmedämmverbundsystem aus Mineralfaserdämmung und Putz aufgebracht. Balkone sind in Stahlbauweise an jeder Wohnung vorgeständert und komplettieren die Wohnflächen.

Je nach Marktanforderung wird der Wohnungsmix individuell zusammengestellt

Das Grundkonzept der Gebäude basiert auf Flexibilität und Effizienz. Die Struktur wurde so gewählt, dass ein mittig angeordneter Erschließungskern bei minimalstem Flächenverbrauch die maximal mögliche Anzahl von Wohnungen erschließen kann. So wird die zur Verfügung stehende Gesamtfläche bestmöglich für die Schaffung von Wohnraum genutzt. Gleichzeitig kann durch die holzbauaffine Anordnung von Tragachsen ein flexibler Wohnungsmix entstehen. Dabei ist die Wandseite der Balkone nichttragend, was großzügige Fensterflächen möglich macht. Oliver Hilt von der architekturagentur geht weiter ins Detail: „Je nach Marktanforderung kann in diesem Gebäudetypus der Wohnungsmix individuell zusammengestellt werden. Das schafft Wirtschaftlichkeit und Reproduzierbarkeit. Die beiden Gebäude können an jedem weiteren Standort multipliziert werden.“ Aus der Erfahrung heraus optimierte, holzbaugerechte Details und Fügungen sorgen für eine wirtschaftliche Konstruktion, die stellvertretend für das mehrgeschossige Bauen in Vollholz stehen.

Quelle: Jürgen Pollak

Im Innenraum ist die Holzbauweise ersichtlich

In den Innenräumen der Wohnungen ist für die Mieter klar ersichtlich, dass die Gebäude in Holzbauweise errichtet wurden. Die Innenseite der Außenwände sowie die Decken sind in Sichtholzqualität Fichte ausgeführt. Weitere Trennwände in den Wohnungen wurden in klassischer Trockenbauweise errichtet. Vonovia stellt damit unter Beweis, dass nachhaltiges Bauen mit leimfrei produzierten Wand- und Deckenelementen und standardisiertes Ausstatten mit pflegeleichten Materialien kein Widerspruch sein muss. Mit einer vollflächigen Fußbodenheizung wurde darüber hinaus dem Wunsch nach hohem Komfort und zusätzlicher Flexibilität in der Raum- und Flächennutzung entsprochen.

Mit Quarzsand gefüllten Papierwaben als Schallentkopplungsstreifen

Eine der zentralen Vorgaben vonseiten der Bauherrschaft war der Schallschutz zwischen den Wohneinheiten. Das Schallschutzkonzept ist auf die Installation von Schallentkopplungsstreifen ausgelegt. Die 15 mm starken mit Quarzsand gefüllten Papierwaben kommen durchgängig bei den Anschlüssen der Wand- und Deckenelemente zum Einsatz, um die Übertragung des Körperschalls zu unterbinden. Auch beim Deckenaufbau wurde bewusst auf Vollholz (und nicht etwa auf Holzhybridbauweisen in Form von Holzbetonverbund) gesetzt.

Novum "Holzbau" ist gelungen

Für Karsten Hoeing, Projektleiter von Vonovia, war die Errichtung der beiden Wohnhäuser durchaus ein Novum: „Es war sehr spannend zu sehen, wie schnell es möglich ist, vier Etagen in Holzbauweise zu realisieren. Da sämtliche Details in einer sehr frühen Phase der Planung festgelegt wurden, kam es im Zuge der Umsetzung zu wesentlich weniger ‚Überraschungen‘ als im konventionellen Bauen üblich.“ Ähnlich klingt das Feedback von Philip Liebhold, projektleitender Ingenieur von holzius: „Tatsächlich verlangt der Holzbau nach einer intensiveren und vorgezogenen Planungsphase, was sich später in Schnelligkeit und hoher Qualität bezahlt macht. Aufgrund des werksseitigen Vorfertigungsgrads können schließlich Folgegewerke wie Elektriker wertvolle Arbeitszeit auf der Baustelle einsparen.“

Von außen betrachtet, ist nicht ersichtlich, dass die tragende Struktur in Holzbauweise ausgeführt ist. (Quelle: Jürgen Pollak)

Frederic Neumann, Geschäftsführer Süd von Vonovia bestätigt, weshalb man nun auch auf Holzbau setzt: „Holzbau hat für uns zwei große Vorteile: Es ist klimafreundlich und dabei zügig umsetzbar. Die leimfreie Vollholzbauweise ermöglicht eine Reduktion des CO2-Verbrauchs schon während der Bauphase. Dass diese Phase wegen des hohen Vorfertigungsgrades vergleichsweise kurz ist, kommt auch Anwohnerinnen und Anwohnern zugute. Dafür haben wir einen Partner gesucht, der das Bauen in Holz ganzheitlich beherrscht. Die Firma holzius hat sich durch ihre Expertise im Wettbewerbsverfahren durchgesetzt und konnte uns aufgrund ihrer Erfahrung in der leimfreien Vollholzbauweise überzeugen.“ Für Herbert Niederfriniger, Geschäftsführer von holzius, sind solche Aussagen selbstverständlich eine wertvolle Bestätigung des eingeschlagenen Weges: „Es ist erfreulich, dass unsere besondere Art der Holzbauweise bei einem international tätigen Wohnungsunternehmen wie Vonovia auf Interesse stößt und Akzeptanz findet. Gemeinsam ist es möglich, den nachhaltigen Wohnbau auf das nächste Level zu heben und – in unserem Fall – sogar noch durch besondere Konstruktionstechniken aufzuwerten.“

Die Montage des Holz-Rohbaus konnte im Herbst 2020 innerhalb von nur acht Wochen abgeschlossen werden. Insgesamt wurden von holzius 713 m3 Vollholz (Fichtenholz) verbaut. Vonovia hat mit diesem Projekt ein neues und nachhaltiges Geschäftsfeld erschlossen. Vorab durchgeführte Berechnungen haben ergeben, dass es durchaus möglich ist, auch mit der nachhaltigen und leimfreien Holzbauweise von holzius mehrgeschossige Wohnbauten zu realisieren, die sich auf lange Sicht ertragreich vermieten und verwerten lassen. Das Projekt wurde ab dem Beginn der Holzbauarbeiten innerhalb der extrem kurzen Bauzeit von insgesamt nur sieben Monaten fertiggestellt – in der gewünschten Qualität. Die ersten Mieterinnen und Mieter konnten bereits im Mai 2021 ihre Wohnungen beziehen.

Die Wand- und Deckenelemente wurden mit 18 Sattelschlepper-Ladungen von Prad am Stilfserjoch (Südtirol) nach Kornwestheim bei Stuttgart geliefert. Für holzius ist dieses Projekt im Realisierungsjahr 2020 sowohl in Bezug auf den Umsatz als auch die Kubatur das größte der Firmengeschichte.

Bautafel

  • Bauherren: Vonovia SE, Eisenbahnsiedlungsgesellschaft Stuttgart
  • Standort: Kornwestheim bei Stuttgart
  • Objekt: 2 Wohnhäuser mit insgesamt 24 Wohnungen, Gebäudeklasse 4
  • Holzbau und Montage: holzius GmbH713 m3 Vollholz18 LKW-LadungenBauzeit 8 Wochen, ab Anfang September 2020
  • Erstbezug Mai 2021
zuletzt editiert am 19.10.2021