Eine neue HBV-Schwerlast-Brücke überspannt die Kinzig und verbindet auf einer Gesamtlänge von 148,80 Metern in vier Feldern die Orte Fischerbach und Haslach im Ortenaukreis.
Laut dem Ingenieurbüro Miebach, das die Brücke gemeinsam mit dem Landratsamt Ortenaukreis und Partnern realisierte, waren zentrale technische Herausforderungen die sichere Verbundwirkung zwischen Holzträgern und Betonplatte sowie die biegesteifen Anschlüsse der Holzträger an die Betonquerträger bei Auslegung für hohe Verkehrs- und Ermüdungslasten. Planung und Bau erforderten eine enge Abstimmung aller Beteiligten, insbesondere wegen komplexer Anschlüsse, Fertigungstoleranzen und logistischer Anforderungen.
Pilotprojekt für nachhaltige Infrastruktur
Die neue Brücke ist als bewusstes Pilotvorhaben konzipiert, um die technische Machbarkeit von Holz-Beton-Verbundsystemen (HBV) bei Schwerverkehr nachzuweisen. Während HBV im Fuß- und Radwegbau bereits etabliert ist, stellt ihre Anwendung bei öffentlichen Straßen mit Lastmodell 1 eine Ausnahme dar – besonders in dieser Größenordnung. Mit dem Projekt verfolgt der Bauherr die Absicht, die Dauerhaftigkeit unter Einhaltung europäischer Normen zu demonstrieren. Das Projekt beweist, dass ingenieurmäßig eingesetztes Holz als primärer Baustoff im Straßenbrückenbau genutzt werden kann, ohne Abstriche bei Nutzungsdauer oder Tragfähigkeit zu machen. Damit erhält die Klasse der Straßenbrücken eine neuartige Materialoption.

Ingenieurtechnische Besonderheiten
Der Überbau ist als vierfeldriges Plattenbalkensystem ausgeführt mit insgesamt 148,80 Metern Länge, 12,4 Metern Breite und einer Konstruktionshöhe von 1,60-1,70 Meter (Spannweiten-Höhen-Verhältnis L/20). Fünf Stege aus blockverklebten Brettschichtholzträgern wirken im Verbund mit einer Stahlbetonfahrbahnplatte. Die Verbundwirkung erfolgt über Kerven in den Holzträgern sowie eingeklebte Bewehrungsstäbe mit Kopfankern (Halfen-Stud-Verbinder). Besonders anspruchsvoll waren die biegesteifen Anschlüsse an Stahlbetonquerträger an Widerlagern und Pfeilern, die einen präzisen Lastpfad gewährleisten. Die Konstruktion erreicht eine Gesamtnutzungsdauer von 100 Jahren gemäß dem neuen Eurocode FprEN 1995-2. Temporäre Lastfälle vor Erreichen des vollständigen Verbundzustands wurden explizit nachgewiesen.

Gestalterische Integration
Die Brücke integriert motorisierten Verkehr und aktive Mobilität: Eine 6,50 Meter breite zweispurige Fahrbahn nach Eurocode LM1 wird flankiert von einem 3,0 Meter breiten Geh- und Radweg plus 0,80 Meter Dienstgehweg. Der seitliche Überstand der Betonfahrbahnplatte schützt die Holzträger vor direkter Bewitterung und Schlagregen. Alle Holzoberflächen im Kontaktbereich sind mit Epoxidharz versiegelt; darüber hinaus erhält das Holz eine diffusionsoffene UV-Schutzbeschichtung. Die Holzbauteile sind der Nutzungsklasse 2 für geschützten Außenbereich zugeordnet, sodass chemischer Holzschutz entfällt. Rissbreiten der Stahlbetonplatte sind auf weniger als 0,2 mm begrenzt.

Ökologische Bilanz
Im Vergleich zu konventionellen Spannbetonlösungen reduziert das hybride Konzept deutlich Eigenlast und graue Emissionen. Holz ist der einzige erneuerbare Baustoff mit CO₂-Speicherwirkung im Tragwerksbau. Regional gewonnenes Brettschichtholz aus nachhaltig bewirtschafteten Wäldern speichert CO₂ über die gesamte 100-jährige Nutzungsdauer der Brücke – entsprechend der Wachstumszeit der geernteten Bäume. Gleichzeitig entfällt chemischer Holzschutz durch den konstruktiven Feuchtigkeitsschutz. Das Materialkonzept zeigt, wie dauerhafte und klimafreundliche Infrastruktur an der Schnittstelle von Natur und moderner Ingenieurbaukunst realisiert werden kann.
Zukunftsperspektive: Vorbild
Die Kinzigquerung markiert einen Meilenstein für hybride Brückenbauweise in Deutschland. Die gewonnenen Erkenntnisse zu Durchlaufwirkungen, ermüdungsrelevanten Lastfällen und Materialübergängen stärken die Entwurfsmethodik für zukünftige Anwendungen. Das Ingenieurbüro Miebach entwickelt das Konzept weiter für Radwegbrücken und kombinierte Bauwerke, mit Fokus auf Standardisierung und Vorfertigung zur weiteren Verbesserung von Baubarkeit und Wirtschaftlichkeit. Vor dem Hintergrund steigender Nachhaltigkeitsanforderungen positioniert sich die Kinzigbrücke als klimabewusste Alternative im Straßeninfrastrukturbau und dient als Referenz für zukünftige hybride Anwendungen im klassifizierten Straßennetz Deutschlands.