Ein Bremer Architekturbüro plante einen viergeschossigen Holzskelettbau, der nun eine Baulücke füllt. Es ist das erste Gebäude in der Hansestadt, das nach der Brandschutz-Musterrichtlinie für Bauteile in Holzbauweise entstanden ist.
Es gibt eine ganze Menge an Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten, für die Bremen bekannt ist. Neben den Stadtmusikanten, dem Roland und dem renommierten Fußballklub ist die Wesermetropole seit Neuestem um eine Attraktion reicher: ein Mehrgenerationenwohnhaus in Holzbauweise. Kurioserweise ist die Holzbauweise trotz räumlicher Nähe zu den skandinavischen Ländern in der Hansestadt nur dem Ein- und Zweifamilienhausbau vorbehalten. Anlass hierfür gab die Schließung einer Baulücke in der Bachstraße im Bremer Flüsseviertel der Neustadt.
Bauherr und Architekt Dipl.-Ing. Walter Wiedenmann beschäftigte sich schon länger mit diesem Bauvorhaben. Zunächst sanierte er ein unmittelbar angrenzendes, 1956 erbautes Eckhaus, das vormals als Möbelhaus diente. In die Baulücke hinein erfolgte ein Neubau, der gemeinsam mit dem Altbau eine konzeptionelle Einheit bildet: das Mehrgenerationenhaus mit einer Wohnfläche von etwa 900 m². Im bestehenden Gebäude ordnete Wiedenmann im 1. und 2. OG Studentenzimmer je fünf Einheiten mit zwei Badezimmern und einer gemeinsamen Küche an, im 3. OG und im Dachgeschoss jeweils eine Wohnung. Natürlich erfolgte die Kernsanierung des Altbaus nach modernen Standards und unter Berücksichtigung von sinnvollen ressourcenschonenden Maßnahmen wie Solarkollektoren und Regenwassernutzung für WC und Waschmaschinen.
Neubau mit Altbau vereint
In der Baulücke entstand nun ein aufgeständerter dreigeschossiger Holz-Neubau als Mehrparteien-Wohnhaus. Bei der Gestaltung der Gebäudekonturen bezog sich der Architekt auf die Trauf- und Firsthöhen der Nachbarbebauung, um ein einheitliches und harmonisches Bild des Straßenzuges zu erhalten. Das Erdgeschoss bleibt frei und unbebaut, die sechs Neubauwohnungen beginnen erst ab dem ersten Stock. In zwei Einheiten unterteilt, weist der Neubau zum einen den Wohnbereich und zum anderen den Erschließungsbereich auf. Letzterer nimmt das offene Treppenhaus für die angrenzenden, auf der Straßenrückseite angeordneten Laubengänge auf und dient gleichzeitig zur Anbindung an den Fahrstuhl des Bestandsgebäudes. Um den Höhenunterschied zwischen den Geschossdecken des Holzbaus und den dünneren Decken des Stahlskelettbaus im Altbau zu überwinden, wurden in dem Zwischenbau Rampen eingebaut, über welche die Bewohner nun barrierefrei von Alt- zu Neubau gelangen können.
„In diese Baulücke über mehrere Geschosse Stahl und Beton einzubringen, konnte ich mir einfach nicht vorstellen“, so Wiedenmann zu seiner für Bremen ungewöhnlichen Konstruktion. „Stattdessen schwebte mir eine moderne Holz-Skelettbaukonstruktion vor, die alle Vorzüge der Vorfertigung mit allen Vorteilen eines Niedrigenergiehauses verbindet.“ Realisiert wurde das für Bremen ungewöhnliche Projekt durch die Zimmerei Hermann Bischoff GmbH ausSottrum.
Eine Gründung über eingespannte Stahleinbauteile in ein Gitter aus Streifenfundamenten bildet die Basis für die Holz-Skelettkonstruktion. Durchlaufende Stützen und Doppelzangen aus Brettschichtholz bilden das primäre Tragwerk. Als Verbindungsmittel zwischen diesen Bauteilen kamen Stabdübel und Passbolzen zum Einsatz. Die Zangen kragen beidseitig aus, worauf sich die Laubengänge und Balkone aufbauen. Eingehängte Deckenbalken aus Konstruktionsholz ergänzen das Haupttragwerk. Sie sind im Gebäude mit Balkenschuhen und im sichtbaren Bereich der Balkone und Laubengänge mit Integralverbindern an den Zangen befestigt. Die verbauten Holzbauteile entsprechen den üblichen Abmessungen für einen Holzskelettbau dieses Ausmaßes. Nur die Pfosten im und die Deckenbalken über dem Erdgeschoss sind aufgrund von statischen und wärmeschutztechnischen Vorgaben stärker dimensioniert.

Kapselungen schützen vor Feuer
Laut der Bremer Landesbauordnung hätten die tragenden und trennenden Bauteile für ein Gebäude mittlerer Höhe die Fußbodenoberkante des höchstgelegenen Geschosses, in dem ein Aufenthaltsraum möglich ist, liegt im Mittel mehr als 7 m, aber höchstens 22 m über der Geländeoberfläche feuerbeständig ausgeführt werden müssen, was in Holzbauweise nur bedingt möglich ist. Das Planungsbüro erarbeitete ein Brandschutzkonzept auf Grundlage der Muster-Richtlinie über brandschutztechnische Anforderungen an hochfeuerhemmende Bauteile in Holzbauweise. Da ein derartiges Bauwerk für die Bremer Behörden Neuland war und es entsprechend zu Unklarheiten und Risikoabwägungen kam, schalteten die Planer zusätzlich das Büro Dehne, Kruse als Brandschutzsachverständige ein.
Das Konzept sah für die wesentlichen Bauteile eine beidseitige Brandschutzbekleidung von zwei Lagen 12,5 mm dicke Gipsplatten für die Kapselklasse K 30 oder zwei Lagen 18 mm dicke Gipsplatten für die Kapselklasse K 60 vor. Die Holztafelwände erhielten eine Vorwandinstallation aus Gipsplatten und 60 mm Mineraldämmung, womit sie der Feuerwiderstandsklasse F 30-BA und der Kapselklasse K 30 entsprechen. Die Außenwände im Bereich des Treppenhauses wurden als Brandwand-Ersatzwände in REI-M90-BA/K 60 feuerbeständig unter zusätzlicher mechanischer Beanspruchung von außen und aus nicht brennbaren Baustoffen ausgeführt. Die Beplankung der Holztafeln wurde zum Treppenhaus hin mit nicht brennbaren Putzträgerplatten aus Portlandzement ergänzt. Zudem war es notwendig, die Ständerabstände auf 31,25 cm zu reduzieren und zusätzlich die 21 mm dicken OSB- Platten an den Stößen mit Querriegeln zu hinterlegen. Zum Nachbarn hin konnte die Brandersatzwand nicht eingesetzt werden. Dort mussten die Planer eine Brandwand F 90 aus 24 cm dickem Porenbeton vorsehen.
Die Wohnungstrennwände wurden als Doppelständerwerk mit einer beidseitig zweilagig ausgeführten 18 mm dicken Gipsplatte und einer Volldämmung aus Mineralwolle als F 60/K 60 ausgeführt. Die Innewände setzen sich aus einem Einfachständerwerk, das beidseitig einlagig mit 12,5 mm dicken Gipsplatten beplankt wurde, zusammen. Sie sind ebenfalls mit Mineralwolle gefüllt, müssen aber keinen Brandschutzbestimmungen genügen.
Bei den Decken wurden beim Aufbau ebenfalls alle Belange des Brand- und Schallschutzes entsprechend berücksichtigt. Aus Brandschutzgründen mussten sie als F 60 /K 60 ausgeführt werden. Zwischen den wohnungstrennenden Geschossdecken wurde die Zellulosedämmung durch Mineralwolle ersetzt. Über die OSB-Platten kam eine Trittschalldämmung aus Mineralwolle, darüber ein schwimmender Estrich und der Bodenbelag. In der Untersicht wurden die Decken mit zwei Lagen 18 mm dicken Gipsplatten, die mit Federschienen entkoppelt sind, bekleidet. Auf den Deckenbalken der Laubengänge ersetzen die Zimmerer die OSB-Platte durch eine Holzschalung. Darauf kam eine bituminöse Abdichtung und Gehwegplatten, die auf Mörtelsäckchen liegen. Zwischen die Deckenbalken wurde eine Volldämmung aus Mineralwolle gelegt. Die untere Bekleidung bilden zwei Lagen 12,5 mm dicke Gipsplatten. Auf die Deckenbalken der Balkone legten die Holzbauer Holzbohlen, die sie sehr dicht stießen, damit sie im Brandfall als statische Ertüchtigung wirkten. Sie wurden oberseitig bituminös abgedichtet. Fliesen auf einer A1-Trägerplatte bilden den Bodenbelag. Als Untersicht wurde eine Sichtschalung, die mit einem Anstrich versehen wurde, mit dem die Schalung der Baustoffklasse B1 zugeordnet werden kann, zwischen den Deckenbalken angebracht. Die Holzbalkendecken wurden im Bereich der Balkone ebenfalls mit einem B 1-Anstrich versehen. Brandmeldeanlagen mit automatischen Brandmeldern ergänzen den Brandschutz.
Fazit: Ungewöhnliches Konzept
Für Dipl.-Ing. Walter Wiedenmann ist diese Form des Bauens eine konsequente Fortsetzung des nachhaltigen Umgangs mit Ressourcen, auch mit den finanziellen seiner zukünftigen Eigentümer. Denn dank der Holzbauweise konnte die reine Bauzeit erheblich verkürzt und somit die Vorhaltungskosten deutlich gesenkt werden. So belief sich der gesamte Projektzeitraum, von der Planung im Herbst 2007, über das Gießen der Fundamente im Januar 2008 bis zu der Fertigstellung der Außenanlagen im November 2008 über rund ein Jahr. Davon nahm der Holzbau zwei Monate in Anspruch.
Aber nicht nur die Bauweise, sondern auch das mit den Gebäuden verfolgte Konzept des Mehrgenerationenwohnens ist ungewöhnlich. Denn neben dem Miteinander von Jung und Alt sieht die Raumaufteilung auch bewusst Gemeinschaftszonen und ein Gästeappartement vor. Ein Wohnkonzept, dass auch den eher kleinteiligen Wohneinheiten in diesem Stadtbezirk entgegenkommt, wenn auch mit ganz anderen Mitteln.
Sven-Erik Tornow und Angela Trinkert
Sven-Erik Tornow und Angela Trinkert
Sven-Erik Tornow betreibt ein Pressebüro in Köln. Dipl.-Ing. (FH) und Zimmerin Angela Trinkert ist Redakteurin der Zeitschriften BAUEN MIT HOLZ und DER ZIMMERMANN.