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Klassiker. Nicht zuletzt wegen ihrer hervorragenden Ökobilanz haben sich Holzfaserdämmstoffe als Alternative zu Mineralfaserdämmstoffen etabliert. Foto: Homann

Technik

21. January 2011 | Teilen auf:

Ökologie: Der Nachhaltigkeit wegen

Seit die Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen mit ihrer Leistungsfähigkeit in die Reichweite der mineralischen Dämmstoffe gekommen sind, finden sie auch bei Zielgruppen Akzeptanz, die neben ökologischer Korrektheit auch Funktionstüchtigkeit bei der energetischen Ausrüstung von Gebäuden fordern. Der Beitrag gibt einen Überblick über die klassischen Materialien.

Mit der Verknappung der fossilen Energieträger ist die Frage nach der Nachhaltigkeit von Bauprodukten in die Diskussion eingezogen. Steht der Rohstoff unbegrenzte Zeit zur Verfügung? Wie viel Energie verbraucht er bei seiner Produktion? Was leistet ein Bauprodukt in seiner aktiven Zeit? Wie viel Energie muss aufgewendet werden, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu entsorgen? Diese Diskussion hat von Anfang an auch die Dämmstoffe mit einbezogen und den Dämmstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen Jahr für Jahr einen Popularitätszuwachs beschert. Doch Popularität allein reicht nicht.

Während es sich bei den Dämmstoffen auf Holzbasis um Produkte handelt, die seit Jahren ausgereift sind, mussten solche "Exoten" wie Hanf, Flachs, Zeitungspapier oder Schafwolle zunächst erst einmal ihre Funktionsfähigkeit in Sachen Feuchtebeständigkeit, Brandschutz und Insektenschutz nachweisen. Dies haben die entsprechenden Unternehmen in den vergangenen Jahren nachgeholt oder sind aus dem Markt ausgeschieden. Nachfolgend werden die naturidentischen Dämmstoffe mit einer kurzen Beschreibung ihrer Herstellung, Inhaltsstoffe und Anwendungsbereiche vorgestellt.

Gute Füllung. In Hohlräume eingeblasene Fasern füllen jeden Hohlraum perfekt aus. Foto: Isocell

Holzfaserdämmplatten sind genormte Baustoffe, die aus zerfaserten Schwach und Resthölzern im Nass- oder Trockenverfahren industriell zu Platten verpresst werden. Ihre Zusammensetzung ist abhängig vom Einsatzbereich. So werden beispielsweise zusätzlich Wasserglas oder Holzleim als Klebstoff zur Verleimung der Einzellagen, Naturbitumen, Naturharze, Paraffin oder Latex zur Hydrophobierung, Polyolefinfasern zur Stabilisierung der flexiblen Platten sowie Ammoniumphosphat, Aluminiumsulfat, Alaun, Borate, als weiterer Zusatzstoff den Platten beigefügt. Einige Hersteller liefern auch ohne Zusatzmittel.Deshalb sollte man grundsätzlich vom Hersteller eine schriftliche Darstellung der genauen Zusammensetzung der eingesetzten Dämmplatten verlangen, da in Einzelfällen Unverträglichkeit mit anderen Baustoffen eintreten kann. Ihr Anwendungsbereich ist vielfältig, deshalb hier nur kurz einige Möglichkeiten:

* Aufdachdämmung einschließlich zweite wasserführende Schicht bzw. als

verklebte oder verfalzte Unterdeckung. Auch als Noteindeckung für einige

Wochen geeignet.

* Dachschalungsplatte, teilweise begeh bar,

* Zwischensparrendämmung,

* Dämmung zwischen Balkenlagen,

* Dämmung der obersten Geschossdecke.

Holzspänedämmung besteht aus ausgesuchten Resten der Hobelabfälle (Fichte und Tanne) bei der Holzhausproduktion. Zugesetzt werden Frischmolke und Soda (in Lebensmittelqualität). Die ausgesiebten Späne werden bei der Herstellung nach Größe sortiert und entstaubt. Die Späne werden als Holzfasereinblasdämmung für Dächer, Wände und Decken vollautomatisch oder von Hand eingebracht. Eine Verarbeitung darf nur von lizenzierten Betrieben ausgeführt werden. Zusatzstoffe sind Frischmolke, Ammoniumphosphat, Borate und Soda, um den geforderten Brandschutz zu erfüllen und Schimmelbildung bzw. Schädlingsbefall zu verhindern.

Die neue Europäische Norm

Hergestellt werden Dämmplatten entweder nach regionalen (z. B. DIN, ÖNORM) oder europäischen (EN) Normen oder fallweise auch nach einer bauaufsichtlichen Zulassung für spezielle Anwendungen. Die bisher zuständigen nationalen Stoffnormen werden seit geraumer Zeit im Zuge der europäischen Vereinheitlichung aktualisiert bzw. ersetzt. Danach werden die Dämmstoffe nach Material, Wärmeleitfähigkeit und Anwendungstyp definiert, wie z. B. "EPS 035 DAA dm". Hierbei handelt es sich um eine Flachdachdämmplatte, bei der EPS für Expandierten Polystyrol-Hartschaum, 035 für die Wärmeleitgruppe, DAA für das Anwendungsgebiet Außendachdämmung unter Abdichtung und dm für die mittlere Druckbelastung des Dämmstoffes stehen. Auch die Anforderungen an die Wärmedämmstoffe wurden im neuen europäischen Normenkatalog neu definiert. Diese macht eine bessere Zuordnung und Vergleichbarkeit der Dämmstoffe nach europaweit geltenden Standards zu den jeweiligen Anwendungsbereichen möglich und gibt gleichzeitig bestimmte Eigenschaften an.

Ausführliche Übersichtstabellen zu den Bezeichnungen der neuen Europäischen Norm finden Sie auf unserer Internetseite www.trockenbau-akustik.de im Bereich Wärmeschutz.

Satte Matte. Hanf ist noch ein junges Produkt im Dämmstoffmarkt für nachwachsende Rohstoffe. Foto: Hock

Holzwolleleichtbauplatten wurden bereits 1938 genormt. Die Platten werden als Putzträger oder Beplankungswerkstoff im Innen- und Außenbereich beim Dach eingesetzt. Hergestellt aus langfasrigen Fichten- oder Kiefernholzspänen, mit Zement oder Magnesit gebunden, werden sie in einer Form zu Platten gepresst. Als technische Weiterentwicklung zum Verbundwerkstoff mit unterschiedlichen industriell gefertigten Dämmstoffen werden sie beispielsweise als sichtbare Bekleidung von Dachstühlen im Innenraum eingesetzt.

Für die Schafwolldämmung wird die Schafwolle zunächst gewaschen und entfettet, anschließend neutralisiert, da sie natürlich leicht alkalisch ist. Über einen Staubreiniger und Transportventilator wird die Wolle einem Feinöffner zugeführt, der eine homogene Vermischung sichert und gleichzeitig Schmutzpartikel und organische Fremdstoffe entfernt. Anschließend werden mehrere Schichten kreuzweise überein ander gelegt, das Vlies dann mechanisch vernadelt, wodurch die Dicke und Dichte eingestellt wird. Eine Schneidemaschine stellt abschließend die Länge und Breite der Dämm-Matte her, wie sie im Handel erhältlich ist. Neben einem Mottenschutz durch ein ausgewiesenes Mottenschutzmittel bewirken die Zusätze von Borsalz, Naturkautschukmilch, Eisenoxid, Kalk und Tonerde die nach Norm geforderten Eigenschaften. Angewendet wird die Dämmung aus Schafwolle hauptsächlich zur Wärmeund Schalldämmung in Wand, Decke und Dach. Nicht eingesetzt werden darf sie als Perimeterdämmung.

Ausgangsmaterial für die industrielle Produktion von Flachsdämmstoffplatten sind die bei der rein mechanischen Aufbereitung anfallenden Kurzfasern. Zunächst stellt man dünne Faserbahnen her, die mit Nadelwalzen mechanisch verfilzt werden. Diese Einzelbahnen werden zu verschieden dicken Dämmstoffplatten geschichtet, durch Kartoffelstärke verbunden und zugeschnitten. Einige Hersteller geben textile Stützfasern (Polyesterfasern) zu. Als Flammschutzmittel werden Borate, Ammoniumsulfate oder Ammoniumphosphate eingesetzt. Neben den Dämmplatten gibt es auch Flachsfilz in unterschiedlichen Breiten. Im Dachbereich werden hauptsächlich die Dämmplatten eingesetzt.

Zur Produktion von Hanfdämmung wird das Hanfstroh in Fasern und Schäben getrennt. Die Hanffasern werden zu Dämm-Matten oder zur Stopfdämmung (z. B. Fenster) verarbeitet, die verholzten Schäben zu Schüttdämmstoffen oder festen Platten. Bei den Dämm-Matten und der Rollenware setzt man häufig eine synthetische Stützfaser zu. Als Flammschutzmittel und zur Vermeidung von Schimmelpilzen kommen als Zusätze Ammoniumphosphat, Soda oder spezielle chemische Mittel hinzu. Im Dachbereich kommen Hanfdämmstoffe zur Zwischensparrenund Aufdachdämmung zum Einsatz.

Als Dacheindeckung ist Schilf heute hauptsächlich im gehobenen Wohnungsbau anzutreffen. Er wird überall dort angebaut, wo noch große Feuchtbiotope zur Verfügung stehen, wie z. B. am Plattensee (Ungarn), Neusiedlersee (Österreich) oder niederdeutschen Moorgebieten. Für die Verarbeitung werden keine Zusatzstoffe verarbeitet. Schilf ist eine sehr harte Naturfaser und verrottet unter Wassereinwirkung kaum, weshalb sie zur Dacheindeckung (Reetdach) bestens geeignet ist. Schilfrohre werden eng gepresst und mit Draht maschinell gebunden zu Schilfrohrmatten oder -platten verarbeitet und als Putzträger, vor allem bei Lehmputzen, heute hauptsächlich eingesetzt.

Tabelle: Natürliche Dämmstoffe im Überblick

Seegrasgewächse (Zosteraceae) sind Pflanzen, die auf dem Meeresgrund wachsen. Seegras wird an den Stränden der Meere angespült und dort gesammelt, gereinigt und getrocknet, um anschließend zu Dämm-Material verarbeitet zu werden. Durch den natürlichen Salzgehalt der Pflanze besteht ein natürlicher Brandschutz, wodurch keine Zusatzmittel zugefügt werden müssen und der Baustoff naturbelassen bleibt. Der Dämmstoff wird als loses Material oder in Plattenform geliefert. Er kann ohne spezielle Geräte entweder geschüttet, gestopft oder mit Einblasgeräten eingebaut werden. Sein Anwendungsbereich ist Dach, Wand und Decke.

Die Fasern des Dämmstoffs Wiesengras bestehen hauptsächlich aus Zellulose und Hemizellulosen. Diese Naturfasern haben ein niedriges spezifisches Gewicht, was zu guten Dämmeigenschaften (λ ≤ 0,040 W/ mK) führt. Als Dämmstoff ist das Material diffusionsoffen, nimmt nur geringe Mengen Wasser auf und eignet sich gut zur Schalldämmung. Die notwendige Flammschutzausrüstung wird in einem Nassverfahren durch Additive (Borate) hergestellt. Dieser Dämmstoff eignet sich zum Einblasen in Dächer, Decken und Wände.

Dämmschüttungen

eignen sich zum Einblasen in die Hohlräume von Decken, Dächern und Wänden. Neben den bekannten mineralischen Dämmschüttungen aus Mineralwollefasern oder Perlit-Gestein werden bei aus natürlichen Stoffen gewonnenen Schüttungen Roggen und Hanf eingesetzt. Hanfschüttungen stellt man aus den Stängeln der Hanfpflanze, Naturbitumen und Tongranulat industriell her.

Roggendämmstoffgranulat wird aus Roggenschrot, Roggenkleie und Molke sowie mineralischen Zusätzen (Kaliwasserglas oder Kalkhydrat), ohne Zusätze von Konservierungsstoffen und Schwermetallen, durch ein Extrusionsverfahren industriell hergestellt. Bei dieser Technik erfolgt unter hohem Druck und hoher Temperatur eine Umwandlung der natürlichen Stoffe in stabile Strukturen. Ohne Zusätze wird auch eine Beständigkeit gegen Nager, Insekten und Schimmelpilze erzielt.

Zellulosedämmung wird aus zerfasertem Altpapier unter Zugabe von bis zu 15 Gewichtsprozenten Borsalzen (bei Dämmplatten max. 10 %) oder/und Zusatzmitteln (Borax, Borsäure, Aluminiumhydroxid, Ammoniumphosphat, Fungotannin) im Trockenverfahren hergestellt. Die Zusätze erbringen den geforderten Brandschutz und verhindern Schädlingsbefall bzw. Schimmelbildung. Das Rohmaterial besteht aus sortierten Druckerzeugnissen (Tageszeitungen, Bücher) oder unbedrucktem Papier. Die Einblaszellulose darf nur von lizenzierten Fachbetrieben verarbeitet werden (Zulassung beachten!) und wird in die Hohlräume von Wand, Dach, Decke und Boden eingeblasen. Das Einblasen ist bei trockener Ware sehr staubintensiv, deswegen wird auch ein Feuchtesprühverfahren angeboten.

Dieser Artikel erschien in TrockenBau Akustik 3/2009.

Jürgen Krolkiewicz

Dipl.-Ing. Hans Jürgen Krolkiewicz betreibt ein Pressebüro in Köln.