Eine Person trägt eine erweiterte Realität (Augmented Reality, AR) Brille und interagiert mit einer Holzkonstruktion, während andere Personen im Hintergrund einer Schreinerwerkstatt zuschauen.
Auf dem Innovationstag von Holzbau Jasky konnten sich Handwerker die Möglichkeiten von AR in der Vorfertigung von Holzrahmenelementen in der Praxis anschauen. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien GmbH; Ulrich Wolf)

EASTWOOD 2024-06-21T07:38:38.993Z AR-Brillen in der Vorfertigung: Planlos glücklich

Digitale Neu- und Weiterentwicklungen für den Holzbau müssen irgendwann den Sprung ins kalte Wasser der Handwerkspraxis in den Betrieben schaffen. Das dachten sich auch Prof. Alexander Stahr von der HTWK Leipzig und Henning Fisbek von Zimmerei Holzbau Jasky, als sie gemeinsam zu einem „Innovationstag“ nach Stadtallendorf luden. Dort staunten rund 20 Holzbauer, Dachdecker und Restauratoren über die Einsatzmöglichkeiten von AR-Brillen in der Vorfertigung.

Die Forschungsgruppe Flex unter Prof. Alexander Stahr hat sich auf die Fahne geschrieben, ihre Arbeiten und Ergebnisse streng an der Praxistauglichkeit im handwerklichen Alltag der Zimmerer zu messen. Das Stichwort lautet hier „Angewandte Forschung“. So ist es dem Team schon 2019 gelungen, die gute alte Zollingerbauweise für weitgespannte Dächer nicht nur statisch zu optimieren und nachweisbar zu machen, sondern durch eine Elementierung der Lamellen auch eine wirtschaftliche Montagemöglichkeit aufzuzeigen.

Augmented-Reality-Brille: Millimetergenaue Fügung möglich

Neuestes „Baby“ von Flex ist OptiPaRef, was ausgeschrieben für Optisch-parametrische Bauteilreferenzierung“ steht. Intention dieses seit 2021 laufenden Forschungsprojekts ist es, die Fertigung und den gesamten Prozess der handwerklichen Herstellung von Holzrahmenbauelementen effizienter und sicherer zu machen.

Statt mit ausgedrucktem Plan, Zollstock und Bleistift sollen die Zimmerleute nur mit einer Augmented-Reality (AR)-Brille in der Lage sein, die Elemente auf dem Montagetisch millimetergenau zu fügen. Alle Daten dafür liegen durch die mittlerweile obligatorische CAD-Planung und Arbeitsvorbereitung sowieso vor.

Flex hat dafür eine Methodik zur holographischen Darstellung aller Fertigungsinformationen für die einzelnen Bauteile entwickelt, die ohne Mehraufwand direkt ins Sichtfeld des Zimmerers projiziert werden. Gleichzeitig soll die Qualitätssicherung in der Fertigung deutlich vereinfacht und nachvollziehbar gestaltet werden. Wie genau OptiPaRef funktioniert, war schon Inhalt der Titelgeschichte in bmH bauen mit Holz Ausgabe 1.2023.

Aufnahme eines Werktisches mit aufgelegten Hölzern und Projektionen von Bauteilen
Der Blick durch die AR-Brille zeigt die Projektion von Sollpositionen einzelner Hölzer in einer Wandtafel. (Quelle: HTWK Leipzig, Felix Schmidt-Kleespies)

Was sagen die Handwerker?

Prof. Alexander Stahr nutzt viele Gelegenheiten, das von ihm und seinem Team entwickelte System an den (Zimmer)Mann zu bringen. Bei einer dieser Gelegenheiten wurde dann auch der Zimmermeister Henning Fisbek von Zimmerei Holzbau Jasky in Stadtallendorf auf die Möglichkeiten von OptiPaRef aufmerksam. Stahr und Fisbek vereinbarten einen „Innovationstag“ in Fisbeks Werkhalle, bei dem interessierten Bauhandwerkern ein Prototyp der AR-Brille mit OptiPaRef erst vor- und dann zum Testen zur Verfügung gestellt wurde. Ziel war es, die so wichtigen Eindrücke, Fragen und auch Kritikpunkte der Profis zu sammeln und in die weiter Entwicklung von OptiPaRef einfließen zu lassen.

Keiner der Anwesenden ließ es sich nehmen, einen sprichwörtlichen Blick durch die Brille zu riskieren und sich von Martin Demski von Flex in den Umgang damit einweisen zu lassen. Vorbereitet hatte das Fisbek-Team dazu eine kleine Giebelwand auf dem Montagetisch und eine Pfette, denn auch der Abbund lässt sich mithilfe von OptiPaRef effizienter durchführen.

Ein Mann in Arbeitskleidung steht in einer Werkstatt und hält eine Tasse Kaffee in der Hand.
Martin Demski von der Forschungsgruppe Flex erklärte den Profis, wie die AR-Brille funktioniert und in der Praxis anzuwenden ist. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien GmbH; Ulrich Wolf)

Die Bereitschaft zum nötigen Wandel zur Digitalität lässt sich in vielen Bereichen entlang von Generationsgrenzen festmachen. Vor allem Ältere tun sich dabei oft schwer – nicht so auf dem Innovationstag in Stadtallendorf. Erfahrene Zimmermeister wie junge Dachdeckerazubis waren von den Möglichkeiten und der „neuen Perspektive“ durch OptiPaRef mehr als angetan, was sich auch im anschließenden intensiven Austausch der anwesenden Profis mit Prof. Stahr und Henning Fisbek zeigte.

Klar wurde auch, dass der Ansatz, handwerkliche Arbeiten durch den Einsatz von AR einfacher, effizienter und sicherer zu gestalten, nicht auf die Vorfertigung im Holzrahmenbau beschränkt bleiben muss. Auch in der Sanierung und Restauration – Stichwort Austausch von kaputten Bauteilen – können in die AR-Brille projizierten Visualisierungen enorm helfen.

Eines hat der Innovationstag in Stadtallendorf gezeigt: Die Zimmerer sind bereit für den digitalen Wandel.

Zwei Männer in einer Werkhalle geben sich die Hand, neben ihnen sind ein Werbebanner und eine Informationsstafel zu sehen.
Prof. Dr.-Ing. Alexander Stahr von der HTWK Leipzig und Hennig Fisbeck, Zimmermeister und Betriebsleiter von Holzbau Jasky, veranstalteten gemeinsam den Innovationstag in Stadtallendorf. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien GmbH; Ulrich Wolf)

Ein Beitrag von Uli Wolf.

zuletzt editiert am 09. März 2026
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