Am 21. September 2023 verstarb kurz vor Vollendung seines 93. Lebensjahrs Prof. Dr.-Ing. Jürgen Ehlbeck.
Jürgen Ehlbeck wurde 1930 in Altona an der Elbe geboren. Nach der Reifeprüfung und einer Maurerlehre begann er 1953 das Studium des Bauingenieurwesens an der Technische Hochschule Karlsruhe. Nach seinem Diplomabschluss übernahm er als erster Assistent am neuen Lehrstuhl für Ingenieurholzbau und Baukonstruktionen bei Professor Möhler Aufgaben in Forschung und Lehre und wirkte auch beim organisatorischen Aufbau des Lehrstuhls maßgeblich mit. Ab 1966, dem Jahr seiner Promotion zum Dr.-Ing., bis 1980 war er als Oberingenieur für den Lehrstuhl von Prof. Möhler tätig. Während dieser Zeit verbrachte er einen Forschungsaufenthalt an der Virginia Polytechnic Institute and State University in Blacksburg, Virginia bei Prof. Dr. E. George Stern.
Nach der Emeritierung von Prof. Möhler im Jahr 1981 lehnte Jürgen Ehlbeck einen Ruf auf eine C4-Professur an die Universität Essen ab und wurde als Ordinarius für Ingenieurholzbau und Baukonstruktionen Nachfolger von Prof. Möhler. Damit verbunden war auch die kollegiale Leitung der Versuchsanstalt für Stahl, Holz und Steine der Universität Karlsruhe (TH). Als Institutsleiter veränderte er die Institutsstruktur hin zur Teamarbeit. Davon zeugt die zunehmende Anzahl an Vorträgen seiner Mitarbeiter auf nationalen und internationalen Kongressen. Das Komitee CIB-W18 Timber Structures, heute INTER, war ihm eine Herzensangelegenheit. Maßgeblich war der Karlsruher Holzbau am europäischen Projekt STEP (Structural Timber Education Program) beteiligt, dessen Aufgabe es war, Lehrunterlagen für Studenten und Ingenieure zu erstellen. Diese Lehrunterlagen für den Holzbau wurden in Europa und weltweit über viele Jahre eingesetzt.
Unter der Leitung von Jürgen Ehlbeck wurden etwa 50 Forschungsvorhaben erfolgreich bearbeitet. Obwohl sein Hauptinteresse den mechanischen Verbindungen im Holzbau galt, hat er darüber hinaus wichtige Beiträge zum Tragverhalten von Brettschichtholz, zu Verbundkonstruktionen oder zum Erhalt historischer Holzkonstruktionen geleistet. Wissenschaftlich begann die Holzbauforschung unter Ehlbeck sich von der deterministischen Betrachtungsweise (Methode der zulässigen Spannungen) hin zum wahrscheinlichkeitsorientierten Sicherheitskonzept zu entwickeln. Ein besonderes Anliegen war ihm der Praxisbezug seiner Arbeit und die Möglichkeit der unmittelbaren Nutzung von Forschungsergebnissen durch die Praxis.
Den von ihm immer wieder angemahnten Technologietransfer hat er als Mitglied bzw. Obmann vieler nationaler, europäischer und internationaler Arbeitsgruppen engagiert gefördert. So gestaltete er maßgeblich die Norm DIN 1052 mit und war als Sachverständiger des Deutschen Instituts für Bautechnik in Berlin tätig. Unter seiner intensiven Beteiligung entstand auch die erste europäische Holzbaunorm, Eurocode 5, die 1995 zur probeweisen Anwendung (parallel zu DIN 1052) in Deutschland bauaufsichtlich eingeführt wurde.
Auch nach seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 1995 pflegte er weiterhin regen Kontakt mit dem „Karlsruher Holzbau“ und war ein immer gern gesehener Gast bei Veranstaltungen seines ehemaligen Lehrstuhls.
Seinen Mitarbeitern an der Versuchsanstalt für Stahl, Holz und Steine des Karlsruher Instituts für Technologie und seinen Fachkollegen werden seine bedeutenden Verdienste für den Holzbau aber auch seine humorvolle, geradlinige und unkomplizierte Art und in freundschaftlicher Erinnerung bleiben.
