Auch dieses Jahr trafen sich wieder namhafte Experten im Bruderverlag, um über aktuelle Herausforderungen im Holzbau zu sprechen, diesmal ging’s um "Qualität". Die Zusammenfassung der Diskussionsrunde lesen Sie in BAUEN MIT HOLZ 10.2011, hier finden Sie einen Kommentar dazu von Klaus Fritzen.
Auf www.facebook.com/bauenmitholz laden wir Sie herzlich ein, mitzudiskutieren.
Das Qualitätsmarketing im Holzbau ist das Individuelle und damit hochgradig auf die persönliche Kommunikation mit dem Kunden angewiesen. Dieser muss hochgradiges Vertrauen gewinnen und sich nicht technisch-vertraglich vereinbart, sondern persönlich basiert auf seine Auftragnehmer verlassen wollen. Viele Qualitätsentscheidungen, die der Bauherr treffen müsste, werden pauschal den Tragwerksplanern, Bauphysikern und Haustechnikern zugewiesen, die im Normalfalle nur im Hintergrund weisungsgemäß, nach vagen Weisungen, ihre Arbeiten beisteuern. Was technische Kennwerte angeht, werden die gesetzlichen Mindest-Anforderungen als üblicher Maßstab angenommen. Durchweg auch in Bereichen, in denen es gar keine gesetzlichen Mindestanforderungen gibt. Das wird als "klar" angesehen. Jeder hat aber seine eigenen "Spezialitäten", bei denen er erkannt hat, dass es dort eben nicht "klar" ist, und agiert "unklar" nach eigenem Gefühl.
Alle an dem Gespräch Beteiligten sahen dies nicht nur als ausreichend, sondern als vorteilhaft an. Durchgängig war zu hören, dass man von Bauherrn, die sich nicht auf diese Linie einlassen, schnellstens Abstand nehme. Das funktioniert, und es werden auch noch Möglichkeiten der Markterweiterung gesehen. Messbare Qualitätsunterscheidungen werden sogar teilweise als schädlich angesehen, weil sie den diffusen Raum der persönlichen Qualitäten-Kommunikation in den definiten Raum der objektiven Vergleichbarkeiten überführen würden. Für den Fall eines Streites sieht man durchgängig keine klar definierte Abmachung als die bessere Vereinbarung an. Vergleiche lassen sich damit vor Gericht vorteilhafter finden.

Das größte Hemmnis wird in den Bebauungsplänen gesehen. Das ist keine Frage des Holzbaus. Das zweitgrößte Hemmnis für den Holzbau wird in den Brandschutzregelungen gesehen. Das Problem ist wohl aber nicht die Erfüllung der geltenden Regelungen, sondern die damit verbundenen Kosten gegenüber den wettbewerbenden Bauarten. Die preisliche Lücke nur um die geht es könnte durch Holzbauforschung geschlossen werden. Die gegenüber Holzbau Deutschland z. B. winzig kleine Schweiz investiert aktuell kräftig in neue Regeln für Holz-Brandschutz-Lösungen, Österreich auch, und die riesige BRD wundert sich, was dort im Wohnbau mit Holz "geht". Bald wird man sich noch mehr wundern.
Der Schallschutz und das Verformungsverhalten von Gebäuden wird in die Gefilde der bauaufsichtlichen Bestimmungen und in das Qualitäts"gefühl" der Tragwerksplaner verwiesen. Dass diese Kriterien Wählbarkeiten des Bauherrn darstellen, ist nicht bewusst. Allerdings werden nach persönlichem Gusto eigene Grenzkriterien "gefühlt", aber nicht beziffert, eingesetzt.
Den Wärmeschutz und das klimatische Gebäudeverhalten hat man bis zum Passivhaus gut im Griff. Hier bezieht man sich ausnahmsweise gerne auf Regeln. Baustoffqualitäten? Jeder hat so sein eigenes Repertoir, mit dem er sich auskennt, das dient er den Kunden möglichst gefällig an. In der Ökobilanzierung hinkt der Holzbau den wettbewerbenden Bauarten weit hinterher. Verständlich, dass einem dort technische Daten unangenehm sind. Der Holzbau ist "gefühlt" sicher nicht schlecht, aber er hat viele Daten nicht.
Zumindest was die Diskutanten am Tisch anging, hat der Holzbau aktuell keine Qualitätsprobleme, was den aktuellen Markt angeht. Er hat hohe Kundenzufriedenheit. "Der Holzbau hat kein Qualitätsproblem, sondern ein Kommunikationsproblem!". Die Interpretation des BMH-Gesprächs lässt diesbezüglich auch keinen anderen Schluss zu.
Der Markt des Holzbaus kann sich aktuell so nicht über den Horizont der Hand verlesenen Kundschaft hinaus ausdehnen. Das Kommunikationsproblem will in der Breite gar nicht gelöst werden, weil jeder Anbieter seinen Vorteil in der hochgradigen vagen Individualisierung auf "persönlicher Vertrauensbasis" sucht. Damit scheidet, selbst bestimmt, von vorneherein aus, in der Breite in den Wettbewerb mit den Massenmärkten der Bauwirtschaft einzutreten. Dort sind viele Aspekte, die den aktuell kleinteiligen Markt des Holzbaus ausmachen, nebensächlich, so nebensächlich, dass kaum einer aus der Immobilienbranche die Geduld hat, sich mit dieser Kleinteiligkeit auseinander zu setzen.
Für einen geschossigen Geschosswohnbau gibt es drei oder vier Grundkonzepte im Mineralbau, die jeder Student lernt, gleich ob Architekt, Bauingenieur oder Bauphysiker, und die jeder in der Wohnungswirtschaft kennt. Da hat der Holzbau ein Kommunikationsproblem: Er hat solche, allgemein gepflegten Grundkonzepte nicht. Im Ingenieurbau herrschen zwar andere Gebräuche, aber das Ergebnis ist ähnlich. Wie man eine Standard-Autobahn-Überführung mit Beton baut, lernt jeder Brückenbau-Vertiefer-Student. Der Holzbau hat nicht einmal die einfachsten Regeldetails. Wohl wahr, ein Kommunikationsproblem.

Die Frage "Warum geht das im Ausland?" wird ohne Anstrengungen für eigene Antworten gestellt. Eigene Antworten sind aber notwendig, weil Ballungszentren in Deutschland anders besiedelt sind als der Vorarlberg und weil Deutschland Bombennächte mit Feuerstürmen hinter sich hat. Für die höhere Hör- und Schwingungsempfindlichkeit der deutschen Seele gilt Anderes als in Holland oder Frankreich. Das braucht in Deutschland eigene Antworten.
Warum kommt der Holzbau nicht in "die Breite"? Weil er sich bequem auf seinem winzigen Lorbeerblatt wohl fühlt. Wofür sich anstrengen, wenn es doch "gut läuft"? Lamentieren gerne. In Österreich und der Schweiz kommt der Holzbau in die Breite, weil dort für Holzbau- F& E, Marketing und Lobbyismus richtig Geld ausgeben wird. Holzbau Deutschland kann nichts Vergleichbares zu Lignum und Pro Holz Austria vorweisen. Weil es der zersplitterten, zerstrittenen Branche zu teuer ist. " Wir brauchen keine neuen Regeln, wir brauchen Lösungen!" wurde mit großer Zustimmung formuliert. Das klingt erst mal gut.
"Wir brauchen neue Regeln für Lösungen!" scheint bei der aktuellen Gemütslage des deutschen Holzbaus ein wohl undenkbarer Paradigmenwechsel. Die Österreicher und Schweizer schaffen durch Forschung & Entwicklung neue Regeln für Lösungen, die den wettbewerbenden Bauarten Paroli bieten, besonders bei Brand- und Schallschutz. Nur mit Regeln können die Lösungen in der Breite umgesetzt werden. Der "Deutsche Beton- und Betontechnik-Verein" macht z. B. auch ständig neue Regeln für Lösungen, selbst bestimmt, und kommt damit weiter. Die "Betoniker" haben kein Kommunikationsproblem und Regeln für Lösungen. Ich meine: "Nur neue Regeln bringen Lösungen!"