1009-210 Bild 1.jpg
Der Architekt Frank Gehry entwarf für die dänische Krebshilfe ein dekonstruktives Gebilde aus Holz. Das Ziegelmauerwerk der Außenhülle musste aufgrund von Vorgaben der Stadt erhalten bleiben. Der Besucher erkennt die mächtige Holzkonstruktion erst, nachdem er in das Gebäude eingetreten ist. Bild: Danish Cancer Society, Communication Dept.

Technik 2011-01-21T00:00:00Z Umbau: Neues Holz in alten Ziegeln

Aus einem ehemaligen Hospital entstand ein Beratungszentrum für krebskranke Menschen. Die einzige denkmalpflegerische Vorgabe, die die Stadt machte, war, dass die Außenwände erhalten bleiben mussten. Der Architekt Frank Gehry gestaltete innerhalb des Mauerwerks eine skulpturähnliche Tragkonstruktion aus Douglasienholz. Eine Firma aus Schleswig-Holstein setzte die Planung um und entwickelte für die hoch beanspruchten Knotenpunkte individuelle Verbindungsmittel.

Vor allem sollen sich die Besucher wohlfühlen. Dies war der Hauptaspekt des Architekten Frank Gehry, als er das Beratungszentrum für Krebspatienten und ihre Angehörigen für die dänische Stadt Århus entwarf. Die Bauherren fanden in einem ehemaligen Krankenhaus ein Gebäude, das zu der Hilfseinrichtung umgebaut werden sollte. Die Stadt ordnete an, dass die Außenmauern aus denkmalpflegerischen Gründen stehen bleiben mussten. Im Inneren des Gebäudes durfte Gehry dagegen frei herumwirbeln, wie er wollte. Und das tat er auch. So entstand ein dekonstruktives Gebilde aus Holz, Glas und Stahl, geschützt von historischen Backsteinwänden.

Von außen geht man zunächst auf ein in der Grundfläche rechteckiges Gebäude zu, dessen Außenwände sich, typisch nordisch, aus traditionellem rotem Ziegelmauerwerk zusammensetzen. Das Dach dagegen ist erneuert. Glasflächen, die durch Aluminiumprofile in ein gleichmäßiges Raster unterteilt sind, bilden die transluzente Dachdeckung. Manche der gläsernen Rechtecke lassen sich als Dachfenster nach außen aufklappen. Für den ersten asymmetrischen Eindruck sorgen zwei gläserne, gebäudehohe Anbauten in der Form von ungleichmäßigen Prismen. In den schlanken Türmen sind das Treppenhaus und der Aufzug untergebracht. Tritt der Besucher in das Gebäude ein, verstärkt sich der Eindruck des Ungleichen. Denn von den Wänden aus Ziegelmauerwerk umgeben steht das hölzerne Tragwerk. Kaum eine der Holzstützen erhebt sich im Lot nach oben, die wenigsten Balken liegen rechtwinklig zueinander in der Deckenebene.

Das Holz kam aus Kanada

Den Auftrag für das kunstvolle Gestaltungswerk aus Holz erhielt die Firma Gebrüder Schütt KG aus dem schleswig-holsteinischen Landscheide. Vermittelt wurde der Auftrag von der dänischen Firma Jørgen Søgaard , mit der Tillmann Schütt, Geschäftsführer der Gebrüder Schütt KG, schon mehrmals erfolgreich zusammen gearbeitet hat. Die Ingenieurholzbaufirma fertigte die Konstruktion aus Douglasienvollholz mit den mächtigen Querschnitten (45 cm × 45 cm und 45 cm × 30 cm) zum größten Teil im Betrieb vor und transportierten sie dann nach Dänemark, um sie dort zu montieren.

Der Stararchitekt wählte diese spezielle Kiefernart als Konstruktionsmaterial, weil es sich aufgrund seines lärchenähnlichen Aussehens mit der rötlichen Färbung für ein sichtbar bleibendes Tragwerk anbot. Die Jahresringe können bis zu 8 mm breit sein, was dem Holz eine interessante Struktur gibt. Zudem eignet es sich als Konstruktionsholz für hohe Beanspruchungen, da es ein recht formstabiles und festes Nadelholz ist; bei 15 % Holzfeuchte hat es eine mittlere Rohdichte von 0,58 g/cm3.

Das Holz ist in Kanada gewachsen und wurde auch dort technisch getrocknet und gehobelt und dann in Containern nach Deutschland verschifft. Douglasienholz aus Europa ist in diesen Dimensionen nicht zu bekommen.

In Deutschland musste während des Produktionsprozesses gewährleistet bleiben, dass das Holz sich nicht verformt und die Stöße dicht blieben, trotz Arbeiten des Holzes. Die Holzfeuchte von durchschnittlich 15 bis 16 %, die Schütt nach Erhalt des Holzes, soweit bei diesen Dimensionen möglich, gemessen hatte, war eine gute Voraussetzung dafür. Auch während der Standdauer des Gebäudes soll sich das Holz so wenig wie möglich verformen. Denn das fertige asymmetrische Tragwerk zeigt, dass die Hölzer und die Knotenpunkte vor allem auf Biegung und Torsion beansprucht sind.

HB-Denkmalpflege_05.jpg
Detailzeichnung Quelle: Gebrüder Schütt GmbH

Die Holzkonstruktion bleibt offensichtlich

Sieben Wochen dauerte der Abbund der Deckenelemente und der stabförmigen Bauteile. Mehrere Gründe sprachen für die weitgehend werkseitige Vorfertigung. Die Hölzer sollten sichtbar bleiben, Druckstellen und Wasserspuren mussten vermieden werden. Das Zulegen im Betrieb machte es möglich, dass die Decken mit möglichst kleinen Fugen zusammengebaut wurden.

1009-210 Bild 4.jpg
Strebe und Grat treffen sich in der Gebäudeecke. Ein Stahlformteil verstärkt das Mauerwerk. Bild: Gebrüder Schütt GmbH

Auf der Baustelle wäre für den Zusammenbau der Deckenebenen ein üppiges Gerüst notwendig geworden.

Der Transport nach Dänemark war sehr aufwendig. Die Transportbreite der einzelnen Deckenelemente betrug bis zu 5,50 m, das Gewicht bis zu 5,5 to. Balken von einer Länge bis zu 13,0 m mussten ebenfalls nach Århus gebracht werden. Insgesamt wiegt jede der einzelnen Holzbalkendecken etwa 22 t und die Dachkonstruktion 32 t. Die Montage vor Ort verlangte neben einem hohen Krafteinsatz viel Fingerspitzengefühl. Mit Montagehilfen mussten die Zimmerer sehr vorsichtig umgehen, da Verschmutzungen und Beschädigungen ausgeschlossen werden mussten. Für die gesamte Montage benötigten die Holzbauer acht Wochen.

Die Gesamtkonstruktion kann sowohl aus statischer wie auch aus Sicht des Ausführenden als Herausforderung gesehen werden. Denn zunächst war der Entwurf da, der sich deutlich von den konstruktiven Regeln der Architektur und Tragwerksplanung abgrenzte. Dieser musste so verwirklicht werden, dass das Gebäude funktioniert. Und zudem sollte das Ganze auch noch möglichst wirtschaftlich bleiben. Die dänischen Tragwerksplaner bewerkstelligten das Chaos, indem sie das, was möglich war, einfach, aber dennoch elegant und mit viel Stahleinsatz gestalteten. Sie sahen nur zwei unterschiedliche Holzdimensionen vor und planten unspektakulär umzusetzende Verbindungsmittel ein.

Die Ingenieurholzbaufirma Gebrüder Schütt KG wollte und konnte sich der Aufgabe stellen, die Planung zu realisieren. Souverän löste er die Anforderungen des Architekten und die Vorgaben des Tragwerksplaners und lieferte einen sauberen Holzbau ab. Das Ziel des Architekten wurde damit erreicht: Eine Atmosphäre zum Wohlfühlen war geschaffen. Die aufwendige Konstruktion bietet den angenehmen Nebeneffekt, dass sie die Patienten beim Betrachten ein klein wenig von ihren Sorgen und Schmerzen ablenken kann.

Angela Trinkert

Dipl.-Ing. (FH) und Zimmerin Angela Trinkert ist Redakteurin der Zeitschriften BAUEN MIT HOLZ und DER ZIMMERMANN.

zuletzt editiert am 02. Oktober 2025
Newsletter