Volle Kraft in Richtung Holzbauzukunft: Bereits zum vierten Mal fand in Leipzig die EASTWOOD statt, der Fachkongress für die Perspektiven im digitalen Holzbau mit seinem hohen betrieblichen Praxisbezug. Neben einem durch hochkarätige Referenten besetzten Kongressprogramm standen die Information über Neuigkeiten aus den Holzbau-Lösungswelten und ganz besonders das Netzwerken untereinander im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung.
Hochkarätig besetztes Programm
Über 200 Besucherinnen und Besucher waren aus ganz Deutschland angereist, um den Expertenvorträgen der EASTWOOD zuzuhören. Wer nicht in den Nieperbau nach Leipzig zur HTWK kommen konnte, hatte wieder die Möglichkeit, per Livestream an der Veranstaltung teilzunehmen. Diese Gelegenheit nutzten in diesem Jahr einige Menschen mehr als in den Vorjahren – unter anderem auch, um wertvolle Fortbildungspunkte der Architekten- und Ingenieurkammern zu erhalten und die Veranstaltung zur persönlichen beruflichen Weiterbildung zu nutzen.

Malte von Lüttichau, Programmverantwortlicher Holzbau beim Mitveranstalter RM Rudolf Müller Medien begrüßte die Gäste. Auch Professor Alexander Stahr hieß die Zuhörerinnen und Zuhörer im Hörsaal der HTWK willkommen mit den Worten: „Holzbau ist eine Schlüsseltechnologie.“ Die hohe Bedeutung des Werkstoffs Holz in der Baubranche zog sich somit durch die gesamte Veranstaltung.

Grußworte sprachen der Rektor der HTWK Leipzig, Prof. Dr. Faouzi Derbel, der, aufgrund von Terminschwierigkeiten per Videoaufzeichnung, Worte an das Publikum richtete. Er lobte: „Professor Stahr leistet seit über einer Dekade mit der FLEX-Gruppe Pionierarbeit an der HTWK.“ Weitere Grußworte richteten der Geschäftsführer des Hauptsponsors „Holzbau Kompetenz Sachsen“, Sören Glöckner, sowie auch der Bürgermeister und Beigeordneter der Stadt Leipzig für Stadtentwicklung und Bau, Thomas Dienberg, ans Publikum.


Much Untertrifaller präsentierte mit seinem Vortrag „Holzbau am Scheideweg?“ eindrucksvolle Bauten in Holz, so auch den Campus der TU München im Olympiapark, der mit einer Auskragung des Vordachs knapp 20 Meter über die Laufbahn aufwartet und multifunktional genutzt wird. Beispielhaft präsentierte Untertrifaller Holzhybridbauten in 5-geschossig, sowie 3-geschossige Town Houses und einen 11-geschossigen Bau in Toulouse, der in Mixed Use – Sozialer Wohnungsbau, Gewerbe, Wohnungsbau – in 2D-Elementen umgesetzt wurde.
Woher kommt das Holz und wie ist der Wald der Zukunft aufgestellt? – Zumindest für Sachsen gab es einen landesweiten Überblick. Andreas Padberg vom Staatsbetrieb Sachsenforst berichtete über die Situation in den Wäldern des Freistaates. Die multifunktionalen Wälder unterliegen derzeit einem Wandel, der unter anderem ein ausgeglichenes Verhältnis von Laub- zu Nadelhölzern bis zum Ende des Jahrhunderts zum Ziel hat. Dürre, Stürme und Insektenbefall sind die Waldschäden, mit denen die heimische Holzproduktion konfrontiert ist. Die Waldstrategie 2050 beinhaltet auch deshalb elf Handlungsfelder, um den Zielzustand zu erreichen. Die nächste Landeswaldinventur steht zum Ende des Jahres 2024 an und wird den aktuellen Stand verdeutlichen.
“Holztragwerke – konstruktiv vs. digital?” fragte Gordian Kley in seinem Vortrag. Das eindrucksvolle, von Untertrifaller bereits erwähnte Projekt auf dem Sportcampus der TU München ist einer der größten Holzbauten Europas. Besonders markant ist das weit auskragende über die gesamte Gebäudelänge verlaufende Vordach aus Holz. Kley zeigte außerdem eine Projektbesonderheit: die Wiederverwertung der Betonschalung aus dem Bauprojekt Stuttgart 21.
Der ehemalige Flughafen Tegel unterliegt derzeit einer groß angelegten Umplanung. So soll das zukünftige Schumacher-Quartier als ökologisches und soziales Modellquartier von einer Größe von etwa 48 Hektar für mehr als 10.000 Bewohner erschlossen werden. 5.000 Wohnungen sollen entstehen. Low-Exergie-Netz, autoarm, Schwammstadt, tieransiedlungsfreundlich und in Holzbauweise – mit diesen Stichworten umriss Gudrun Sack das Tegel-Projekt.
Der Holzbauphysiker Daniel Kehl bat in seinem humorigen Vortrag um eine langweiligere Art des Holzbaus. Beispiele: Lieber Steildach als Flachdach und BSH-Träger bitte nicht der freien Bewitterung aussetzen. Er wies darauf hin, dass der Witterungsschutz während der Bauphase vorab zu planen ist und das unbedingt gewerkeübergreifend passieren muss.

Über das Feuchtemonitoring im Holz-Beton-Verbundbau berichtete Mike Sieder vom Institut für Baukonstruktion und Holzbau an der TU Braunschweig aus seiner aktuellen Forschung. Untersucht wird unter anderem das Trag- und Verformungsverhalten von Holz-Beton-Verbunddecken im negativen Biegemomentenbereich mit dem Ziel, wirtschaftlicher und ressourcenschonender zu bauen. Auch das Verhalten von Holz-Beton-Verbundbauteilen mit gestoßener BSP-Decke im Auflagerbereich ist Gegenstand von Untersuchungen. Im Feuchtemonitoring wird derzeit die Feuchte während Herstellung, Transport, Errichtung und Betrieb von Holzbauteilen und Holzkonstruktionen dokumentiert und zur Sicherstellung der Berechnungsgrundlagen sowie des Holzschutzes untersucht.
Fortsetzung des Fachkongresses am zweiten Tag

Professor Manfred Grohmann startete den zweiten Kongresstag mit bemerkenswerten Thesen wie: „Der deutsche Schallschutz ist Verhinderer des Holzbaus“ und „Wasser ist schlimmer als Feuer“ sowie „Wir sollten lernen, schon mit Holz zu entwerfen“. Wie Holzbauten parametrisch geplant wurden, zeigte er beispielhaft anhand des Pavillons auf der Frankfurter Buchmesse 2018.
Das Vergabeverfahren stellt ein Schlüsselmoment für den Holzbau dar, und Professor Markus Lager zeigte zusammen mit Referent Anders Übelhack von Züblin Timber ihre Erkenntnisse anhand des Ausschreibungswettbewerbs zur Erweiterung der Uni Witten/Herdecke: von der Wettbewerbs-Präsentation im November 2017 bis zur schlussendlichen Vertragsunterschrift im August 2019 vergingen knapp 21 Monate – viel länger als ursprünglich die am Vergabewettbewerb beteiligten Projektpartner veranschlagt hatten.

Ist die Planung eines Kellergeschosses, das über 30 % des CO2-Fußabdrucks eines Wohngebäudes ausmacht, sinnvoll? Die Vermeidung von CO2 sei kein Zusatz, sondern ein Grundsatz – sie müsse von Anfang an mitgedacht werden, so Elise Pischetsrieder von Weberbrunner Architekten. Sie erläuterte außerdem, warum klimagerechte Materialwahl, Konstruktionen mit geringer Grauer Energie und geringmöglichstem Primär-Ressourcenverbrauch die Kosten laut der Lebenszyklusanalyse senken, denn sie sagt: „Ökobilanzierung wirkt wie gute Kostenplanung.“
Praktische Einblicke in parametrisches Design boten Olaf Reiter und Tobias Hackbeil am Beispiel der Holzkirche in Dresden. Thomas Hübner zeigte den Systembaukasten der Firma Nokera vom digitalen Zwilling bis zur Produktion.

Den Abschluss des zweiten EASTWOOD -Kongresstages bestritt Felix Schmidt-Kleespies von der Forschungsgruppe FLEX an der HTWK Leipzig mit „Formschluss, Kraftschluss, Stoffschluss - Die Entwicklung des Interlocking Dowel Systems“, einer leichten Holz-Holz-Verbindung für Wandbausysteme, mit dessen Hilfe sich der Materialverbrauch reduziert. So wird auf massive Hölzer im Kern der Konstruktion beim Holzrahmenbau auf diese Weise verzichtet. Auch metallische Verbinder sind überflüssig. Somit ist eine fast vollständige und sortenrein trennbarere Recyclinglösung möglich.

Zwischen den Vorträgen hatten die Zuhörenden Gelegenheit, sich auf der begleitenden Fachausstellung im Foyer des Nieperbaus über neue Lösungen im Holzbau sowie der Digitalisierung des Holzbaus zu informieren sowie auch eigene Fragen mit den Vortragenden zu erörtern und sich fachlich auszutauschen. Das Abendprogramm am ersten Veranstaltungstag wurde zu vielfältigem Austausch genutzt. Während der Veranstaltung und im Anschluss konnte über die Business-Plattform LinkedIn das Geschehen verfolgt und auch gleich kommentiert werden.
Zur Website der EASTWOOD
Aktuelle Infos auf www.eastwood.de