Studierende die ihre Ausbildung im Holzbau nach dem Biberacher Modell absolvieren.
Der Frauenanteil derer, die das Biberacher Modell absolvieren, ist mit 12 bis 13 Prozent ungewöhnlich hoch. (Quelle: Kompetenzzentrum Holzbau & Ausbau)

Technik

21. March 2022 | Teilen auf:

Ausbildung: Erfolgsmodell aus Biberach

Ausbildungsintegrierte Studiengänge sind aus der Bildungslandschaft nicht mehr wegzudenken. Keine anderer Bildungsweg vereinbart so gut die Praxis mit der Theorie und bietet zudem mehrere Berufsabschlüsse. So auch das Biberacher Modell, mit dem vier Abschlüsse im Holzbau gemacht werden können.

2010 haben die Hochschule Biberach und das Kompetenzzentrum Holzbau & Ausbau in Biberach das Biberacher Modell gemeinsam als kooperativen Studiengang entwickelt. Der Hintergrund war, dass dem Holzbau ein gut ausgebildeter Nachwuchs für Führungsaufgaben fehlte. Dieser sollte möglichst einen starken Praxisbezug und das Handwerk von der Pike auf gelernt haben und darüber hinaus Kompetenzen aus dem Ingenieurwesen sowie dem Management mitbringen. Mit dem Biberacher Modell können sich Interessiere diese Mischung in relativ kurzer Zeit aneignen. Absolvieren Studierende den kompletten Ausbildungsgang, haben sie innerhalb einer Regelzeit von fünf Jahren und drei Monaten vier Qualifikationen erworben:

  • Geselle/Gesellin im Zimmerhandwerk
  • Polierin/Polier im Zimmererhandwerk
  • Meister/Meisterin im Zimmerhandwerk
  • Hochschulabschluss Bachelor of Engineering im Studiengang Holzbau Projektmanagement/Bauingenieurwesen

Schon während des Blockunterrichts in der Berufsschule besuchen die Auszubildenden zweimal in der Woche Vorlesungen, allerdings nicht an der Hochschule Biberach, sondern im Kompetenzzentrum. Diese werden dann später von der Hochschule anerkannt. So haben sie nach Abschluss der Ausbildung bereits das erste Semester des Studiengangs Holzbau Projektmanagement/ Bauingenieurwesen durchlaufen. Nach der Ausbildung geht es dann an der Hochschule Biberach regulär mit dem Studium weiter.

Im fünften Semester besuchen die Studierenden dann wieder am Kompetenzzentrum während der vorlesungsfreien Zeit den Polierkurs und legen die Prüfung dafür ab. Im 7. Semester schreiben sie ihre Bacherlorarbeit an der Hochschule und besuchen anschließend den Meisterkurs am Kompetenzzentrum. Die Handwerkskammer erkennt bereits einige Leistungen aus Polierkurs und Studium an. Deshalb braucht nur noch der fachspezifische Teil 1 mit einem Meisterprüfungsprojekt und einer Situationsaufgabe gelernt und geprüft zu werden.

Auszubildende kommen aus ganz Deutschland

Das Interesse an dem kooperativen Studiengang ist groß. „In diesem Jahr hatten wir 60 bis 65 Bewerbungen. Für die Auswahl haben wir mit allen Einzelgespräche geführt und sind dann mit 40 Personen in zwei Klassen gestartet. Die Auszubildenden kommen von Zimmereien und Holzbaubetrieben verschiedenster Betriebsgrößen aus ganz Deutschland; in diesem Jahr ist sogar jemand aus Luxemburg dabei. Während des Blockunterrichts sind sie bei uns im Internat untergebracht, wenn sie zu weit weg wohnen“, erläutert Wolfgang Schafitel, der beim Kompetenzzentrum Ansprechpartner für das Biberacher Modell ist. Nur etwa fünf Prozent brechen das Studium ab. Das ist nicht viel, im Vergleich dazu, dass deutschlandweit durchschnittlich etwa ein Drittel der Studierenden ein Studium abbricht. „In diesem Jahr waren es allerdings wegen Corona ein paar mehr als sonst. Einige kamen mit dem digitalen Lernen nicht so gut klar. Aber auch, wenn das Studium abgebrochen wird, die Ausbildung zum Zimmerer oder zur Zimmerin haben sie in der Tasche“, so Wolfgang Schafitel weiter.

Nun könnte man meinen, dass vor allem der Nachwuchs aus größeren Holzbaubetrieben das Biberacher Modell absolviert, um danach möglichst schnell in das elterliche Unternehmen einsteigen zu können. Dem ist nicht so. Viele besuchen den Studiengang, ohne einen intensiveren Kontakt zum Holzbau mitzubringen. Eine weitere Besonderheit des Biberacher Modells: Der Frauenanteil ist mit 12 bis 13 Prozent deutlich höher als in üblichen Klassen von Auszubildenden im Zimmerhandwerk. Eine von ihnen ist Jennifer Bürk (siehe Interview Kasten), die bei der Küchle GmbH und Co. KG in Kirchberg ihre Ausbildung gemacht hat. Hilmar Küchle, Betriebsinhaber des Unternehmens, das auf Blockhausbau spezialisiert ist, ist sehr zufrieden: „Die Auszubildenden aus dem Biberacher Modell sind ehrgeizig, die wissen, was sie wollen. Deshalb stelle ich sie gerne ein. Nach dem Studium sind sie für ein Unternehmen wie unseres, also mit einem Betriebsgefüge im ländlichen Raum, vielleicht schon etwas überqualifiziert und ihnen fehlt noch Praxiserfahrung. Aber grundsätzlich ist das Biberacher Modell eine super Qualifikation.“

Allerdings müssen Interessierte auch etwas Geld investieren, wenn sie den kooperativen Studiengang komplett durchlaufen möchten. Während der Ausbildung zur Zimmerin oder zum Zimmerer werden für die Lehrveranstaltungen am Bildungszentrum je Schulhalbjahr Seminargebühren von 600 Euro erhoben. Die Auszubildenden erhalten in dieser Zeit ganz normal den Tariflohn für das zweite bzw. dritte Lehrjahr. Wie auch bei den herkömmlichen Weiterbildungen fallen Kosten für die Polier- und Meisterausbildung und die Prüfungen an. Derzeit werden für den Polierkurs 3.000 €, für den Meisterkurs: 4.095 € und als Prüfungsgebühren circa 1.500 € erhoben. Meisterbafög kann beantragt werden. Ab dem Studium an der Hochschule sind die üblichen Kosten für die Verwaltung und die Beiträge für Studierendenwerk und Studierendenschaft zu bezahlen, die zurzeit etwa 160 € pro Semester betragen. Während des Studiums kann Bafög für Studierende beantragt werden.

zuletzt editiert am 05.05.2022