Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Der Giebel wurde als vorgefertigtes Element eingehoben. Spanngurte hielten das Fachwerk in dieser Phase unverschieblich zusammen. Foto: Jens Scheyhing

Technik 2020-04-22T00:00:00Z Winzerhaus: Sanierung, Restaurierung, Anhebung, Anbau und Ertüchtigung

Mit der Kernsanierung eines alten Winzerhauses in Gemmrigheim am Neckar hat sich Jens Scheyhing keine 08/15-Aufgabe gestellt. Was der Zimmermeister und Restaurator im Zimmererhandwerk mit dem Haus seiner Vorfahren angestellt hat, war alles andere als gewöhnlich: Sanierung, Restaurierung, Anhebung, Anbau sowie Ertüchtigung.

Bereits sein Vater hat in dem Haus seine Kindheit und Jugend verbracht, genau wie Jens Scheyhing selbst auch. Früher gehörte es seinen verstorbenen Großeltern und die hatten es auch schon gebraucht übernommen. Es gibt Hinweise, dass das Haus 1798 erbaut wurde. Vermutlich waren es napoleonische Truppen, die damals in Gemmrigheim brandschatzten. Im Gewölbekeller der benachbarten Scheune des Fachwerkhauses in der Hofgasse 17 sollen sie damals sogar eine Folterkammer betrieben haben. Im Sommer 2010 konnte Scheyhing schließlich damit beginnen, sich, wie er selbst sagt, „eine Herzensangelegenheit zu erfüllen“. Der Bau war zu dieser Zeit ein unscheinbares einfach konstruiertes Fachwerkhaus. Jedoch war von dem Fachwerk nichts zu sehen, denn es war vollständig überputzt. Es gab weder fachwerktypische auskragende Geschosse noch sonstige konstruktive oder repräsentative Elemente. Stattdessen war der Gebäudecharakter geprägt durch kleine Räume und niedrige Deckenhöhen von etwa 2,20 m – ein einfaches Haus eben, das seine Vorfahren als Winzerhaus genutzt hatten.


Immer wieder ging der Zimmerer und Hobbywinzer Scheyhing in Gedanken und Skizzen daran, die Räume zu vergrößern, die Decken anzuheben und ein Sichtfachwerk zu konstruieren. Wenig später begannen dann die Arbeiten an dem alten Bau.

Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Das alte Winzerhäuschen gab sich lange Zeit nicht als Fachwerkhaus zu erkennen. Die tragende Holzstruktur war über die Zeit hinter einem Putz verborgen. Foto: Jens Scheyhing
Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Nachdem die alten Fachwerkwände komplett entkernt waren, wurden sie mit Spanngurten, Stahlseilen und provisorischen Verstrebungen verschiebungssicher zusammen­gebunden. Foto: Jens Scheyhing

Entkernen und verschiebungssicher vertäuen

Zunächst wurde das Gebäude komplett entkernt und das vorhandene Eichenfachwerk freigelegt. Die Zimmerleute reparierten schadhafte Hölzer oder tauschten sie aus. Dann banden sie das Gebälk mit Spanngurten, Stahlseilen und provisorischen Verstrebungen verschiebungssicher zusammen. Auf dem bestehenden Boden des gemauerten Erdgeschosses, der aus Lehm-Knochensteinen bestand, wurde eine Betonplatte gegossen. Sie war die Basis für die nachfolgenden Arbeiten zur Anhebung der Obergeschosse.

Sanierung Winzerhaus Neckartal

Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase

Nachdem das Fachwerk abgesprießt war, begannen die Handwerker, das Obergeschoss mit Schraubwinden Stück für Stück zu heben. Damit auch die Fußbodenheizung später Platz finden würde, musste jedes Geschoss um gut 30 cm angehoben werden.

Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
30 cm sollten die Geschosse jeweils höher werden. Stück für Stück ging es schließlich nach oben. Foto: Jens Scheyhing
Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Schraubwinden, an den statisch relevanten Punkten angesetzt, hoben das alte Winzerhäuschen auf sein neues Niveau. Foto: Jens Scheyhing
Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Ein Betongurt auf den Mauerwerkswänden im Erdgeschoss dient als Auflager für die neuen Deckenbalken. Foto: Jens Scheyhing

Als die Mauerkrone des Erdgeschosses freigehoben war, wurde ein Betongurt aufbetoniert, auf den später die Balken der neuen Balkenlage aufgelegt wurden. Die Balken wurden auf der Straßen- und der Hofseite auskragend ausgeführt. Später wurden dort Fachwerkwände aufgestellt, deren Einteilung sich Scheyhing selbst ausgedacht hatte.


Die beiden anderen Gebäudeaußenwände im Norden und Osten sowie eine tragende Innenwand wurden in ihrem Originalzustand beibehalten. Die fehlenden Bereiche der angehobenen Wände wurden mittels zusätzlicher neuer Pfetten und Schwellen aufgefüllt. Außerdem wurden jene beiden Außenwände von außen 16 cm dick mit Steinwolle versehen und so brandschutztechnisch ertüchtigt. Allerdings ließ es sich Scheyhing nicht nehmen, dort die Fachwerke auf den Innenseiten sichtbar zu belassen.


Neues statisches System für den alten Dachstuhl


Den Dachstuhl ergänzten die Zimmerleute um zwei neue Pfetten. Diese neuen Pfetten tragen nun oberseitig die neue Kehlbalkenlage. Auf diese Weise wurde auch im Dach eine größere Deckenhöhe erreicht. Außerdem wurden eine neue Firstpfette eingezogen und einige Sparren ersetzt, um den geänderten statischen Verhältnissen Rechnung zu tragen. Schließlich wurde der vordere Giebel als vorgefertigtes Eichenfachwerkelement eingehoben. Den Wärmeschutz im Dach setzten die Zimmerer mit einer dicken Aufdachdämmung um. Eine neu Dachgaube bietet zusätzlichen Platz im Dach.

Sanierung Winzerhaus Neckartal
Sanierung Winzerhaus Neckartal. Foto: bmH bauen mit Holz


Die Sichtfachwerke wurden mit Bims ausgemauert. Trapezleisten auf den Fachwerkhölzern fixierten dabei das Mauerwerk, ein Kalkputz gleicht Unebenheiten aus. Während die innen sichtbaren Fachwerkwände von außen gedämmt wurden, wurden die Straßen- und die Hofseite mit einer Innendämmung aus Holzfaserdämmstoffen versehen und später verputzt.

Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Der Giebel wurde als vorgefertigtes Element eingehoben. Spanngurte hielten das Fachwerk in dieser Phase unverschieblich zusammen. Foto: Jens Scheyhing
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Sanierung Winzerhaus Neckartal. Foto: bmH bauen mit Holz
Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Die Sichtfachwerke wurden mit Bims ausgemauert. Trapezleisten auf den Fachwerkhölzern fixierten dabei das Mauerwerk. Foto: Jens Scheyhing
Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase
Sanierung Winzerhaus Neckartal Bauphase. Foto: Jens Scheyhing


Den Stall, der sich ehemals auf der Rückseite des Gebäudes befand, rissen die Handwerker ab und ersetzten ihn durch einen kleinen Mauerwerksanbau. Vor dort aus erreichen die Bewohner – Jens Scheyhing selbst mit seiner Familie – den kleinen Hinterhof des Hauses. Dorthin kann sich der Bauherr bei Bedarf zurückziehen und sich über sein gelungenes Sanierungsergebnis auf rund 200 m² Wohnfläche freuen – und natürlich über seinen Preis, den Sanierungspreis 15 in der Kategorie Holz.❙ Wolfgang Schäfer

Zur Preisverleihung Sanierungspreis 15

zuletzt editiert am 04. August 2021
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