Eine professionell wirkende Frau mit Brille hält einen Vortrag vor einem Publikum. Sie steht an einem Rednerpult mit Laptop und Mikrofon, im Hintergrund ist eine helle Holzwand zu sehen.
Holztechnologin Frauke Fenge, Projektleiterin des EFRE-Projekts „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“ (Quelle: PK-Media Consulting GmbH)

2026-09-03T14:47:59.921Z „Es gibt noch kein deutschlandweites Netz aus Materiallagern“

Im Rahmen der Umsetzung des Projekts „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“ kooperiert der I.D. HOLZ e.V. eng mit 16 Partnerorganisationen. Das Projekt ist am 1. Oktober 2025 gestartet und läuft bis Ende September 2028 drei Jahre lang. Über die Inhalte dieser Forschung, die Herausforderungen und das praktische Vorgehen sprach Programm Managerin Holz Petra Frank mit Projektleiterin Frauke Fenge.

Vorausgegangen war das Pre-Demolition-Audit in Gladbeck, bei dem 11 Mehrfamilienhäuser der Gladbecker Wohnungsgesellschaft (GWG) auf Rückbaubarkeit und Wiederverwendbarkeit der Dachstühle untersucht wurde. Mehr dazu im Print-Magazin der bmH bauen mit Holz Nr. 5/2026. Hier bestellen: --->

bmH bauen mit Holz: An welchen technischen oder organisatorischen Hürden scheitern Rückbauvorhaben aus deiner Sicht im Moment am häufigsten?

Frauke Fenge: Die technischen Hürden sind aktuell noch vielfältig. Dazu zählt nicht nur die teilweise herausfordernde Machbarkeit des Rückbaus, Gütesortierung und Klassifizierung sowie Aufbereitung des Materials, sondern auch die Untersuchung nach etwaigen metallischen Verbindungen sowie auf mögliche chemische Belastungen. Hier sind pragmatische Lösungsansätze und Kreativität in der Umsetzung gefragt.
Neben den technischen Hürden können die teilweise fehlenden Informationen zum Material ein weiteres Problem darstellen. Hier sind zunächst, gegebenenfalls in Eigenleistung oder im Rahmen eines Pre-Demolition-Audits (PDA), die rückbaubaren Holzbauprodukte systematisch zu erfassen und zu bewerten, was einen größeren Aufwand bedeuten kann.
Hinzukommen können je nach Rückbauobjekt auch organisatorische Hürden. Dabei stellen sich Fragen wie: Wie läuft der Informationsfluss? Wer übernimmt den Rückbau? Wann geht das Material an den neuen Eigentümer über? Wer übernimmt die Gewährleistung? Wo wird das Material gelagert? Wer bereitet das Material auf?
Diese offenen Punkte sorgen dafür, dass der Rückbau von Holzbauten und die Wiederverwendung von Holzbauteilen in der Praxis oft noch nicht reibungslos ablaufen.
Der Informationsfluss stellt dabei den Anfang dar: Wie erfährt der Besitzer, dass Rückbau die womöglich bessere Alternative zum Abriss ist? Und wie erfährt der Nachnutzer von dem Material? Diese beiden Fragen können dafür sorgen, dass schon auf Grund von fehlenden Informationen Holzbauteile keine Wiederverwendung finden. Ein weiteres Problem stellt die Altholzverordnung dar. Ausgebautes Gebrauchtholz wird nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz als Abfall definiert, wodurch die Altholzverordnung greift. Diese sieht keine Nutzung für tragende Zwecke vor. Die in der Altholzverordnung aufgeführte stoffliche Nutzung bezieht sich auf Aufbereitung zu Holzhackschnitzeln und Holzspänen für die Herstellung von Holzwerkstoffen. Somit gilt das Gebrauchtholz nicht mehr als zugelassener Baustoff. Eine Nutzung ist trotzdem möglich, indem eine Zustimmung im Einzelfall eingeholt wird. Dies bedeutet aber wieder mehr organisatorischen, planerischen und zeitlichen Aufwand.

Eine Nahaufnahme einer Hand, die einen Stechbeitel führt, um vorsichtig eine Schicht von einem alten, dunklen Holzbrett abzutragen.
Bei einem Pre-Demolition-Audit für das Forschungsprojekt war Handarbeit nötig. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien GmbH)

„Der Informationsfluss stellt den Anfang dar: Wie erfährt der Besitzer, dass Rückbau die womöglich bessere Alternative zum Abriss ist? Und wie erfährt der Nachnutzer von dem Material? Diese beiden Fragen können dafür sorgen, dass auf Grund von fehlenden Informationen Holzbauteile keine Wiederverwendung finden.“

Frauke Fenge, Projektleiterin des Forschungsprojekts „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“

Zwei Personen führen eine gezielte Probenentnahme von einem Holzbalken im Dachstuhl durch, wobei eine Person mit einem Spachtel Material in einen Kunststoffbeutel füllt und die andere Person den Vorgang mit einem Hammer unterstützt.
Bei 11 Dachstühlen von Mehrfamilienhäusern der Gladbecker Wohnungsgesellschaft mbH (GWG) wurden Proben genommen. Die Häuser sollen aufgestockt und die Hölzer möglichst wiederverwendet werden. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien)

bmH bauen mit Holz: Welche Rolle spielen digitale Materialpässe?

Frauke Fenge: Digitale Materialpässe und Materialbanken werden eine wichtige Rolle bei der Etablierung neuer Wertschöpfungsketten spielen. Gerade zu Beginn können digitale Lösungen den Aufbau neuer Wertschöpfungsketten beschleunigen. Solange noch keine Vertriebsketten von Gebrauchtholz bestehen und der fehlende Informationsfluss als starke Bremse wirkt, können diese Lücken durch digitale Lösungen geschlossen werden.
Unsere Rolle im Projekt sehe ich daher auch als Mittler. Wir können den Kontakt zum Cluster Holz und AkteurInnen wie der Wohnungswirtschaft miteinander und beispielsweise zu Concular und Madaster herstellen und für mehr Aufmerksamkeit und den Wissenstransfer sorgen. Lücken bestehen dennoch bei der konkreten Umsetzung. Noch läuft der Informationsfluss nicht ausreichend, um jeden möglichen Rückbau durchzuführen. Und nach aktuellem Kenntnisstand gibt es noch kein deutschlandweites Netz aus Materiallagern für die Sortierung, Aufbereitung und Lagerung des Materials.

bmH bauen mit Holz: Wie bekommen wir „zirkuläre“ Daten in den Griff?

Frauke Fenge: Es gibt derzeit verschiedene Herangehensweisen. Beispielhaft sind hier die DIN SPEC 91484 „Verfahren zur Erfassung von Bauprodukten als Grundlage für Bewertungen des Anschlussnutzungspotentials vor Abbruch- und Renovierungsarbeiten (Pre-Demolition-Audit)“ und DIN SPEC 91525 „Anschlussnutzungskonzept für Bauprodukte aus Bestandsgebäuden“ zu nennen. Zudem gibt es Leitfäden wie den „ Leitfaden zur Wiederverwendung tragender Bauteile “ des Ministeriums für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg. An verschiedenen Normen und Standards aus dem Bereich Holz mit Relevanz für die Circular Economy wird im Rahmen von Normenausschüssen aktuell gearbeitet. Herausfordernd dabei ist, dass es Parameter gibt, die sich deutlich unterscheiden können, zum Beispiel Rückbaubarkeit, Qualität des Materials, technische Voraussetzungen, Weiternutzungskonzept. Je mehr Praxiserfahrungen es hier gibt, desto mehr Überschneidungen wird es geben. Je mehr Beispiele geschaffen werden, desto besser ist die Vorbildwirkung und desto mehr Orientierung bieten sie.

„Gerade beim Thema Materiallager und Logistik muss noch viel Pionierarbeit geleistet werden.“

Frauke Fenge, Projektleiterin des Forschungsprojekts „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“

bmH bauen mit Holz: Ein wichtiges Thema ist Lagerhaltung und Logistik. Wohin mit den rückgebauten Holzbauteilen?

Frauke Fenge: Die Ausgestaltung wird regional unterschiedlich sein. In Regionen mit ausgeprägter Holzindustrie (z. B. Teile Südwestfalens) sind privatwirtschaftliche Materiallager mit Aufbereitung denkbar; sie können als Ergänzung zum Rohstoffmarkt agieren. In Regionen mit geringer Industriepräsenz können kommunale Träger oder regionale Kooperationen sinnvoller sein, dort sprechen Materiallager ein größeres Einzugsgebiet an. Wo die Industrie dichte Cluster bildet, werden eher kleinteilige, nahe Lagerstrukturen entstehen. Aber gerade beim Thema Materiallager und Logistik muss noch viel Pionierarbeit geleistet werden. Einige Materiallager gibt es schon. Parallel läuft zudem Forschung zum Bedarf und Anforderungen an solche Materiallager.

Ein Blick in einen Dachstuhl mit sichtbarer Holzkonstruktion, bestehend aus kräftigen Holzbalken und einer Dacheindeckung aus Ziegeln. Quer durch den Raum verläuft eine Wäscheleine, an der einige bunte Wäscheklammern hängen.
Abfall oder Wertstoff? Dieser Dachstuhl könnte eine neue Nutzung erfahren. (Quelle: RM Rudolf Müller Medien)

bmH bauen mit Holz: Wer verdient an der Kreislaufwirtschaft im Holzbau? Es könnte Modelle geben wie Bauteilbörsen, Pfandsysteme oder „Building as a Material Depot“. Gibt es Kooperationen zwischen Holzbauunternehmen und digitalen Marktplätzen?

Frauke Fenge: Einige Geschäftsmodelle lassen sich schon in Ansätzen finden. Einzelne Holzbauunternehmen haben beispielsweise schon Rücknahmesysteme. Bauteilbörsen werden an verschieden Orten realisiert. Zudem werden sich sicher weitere neue Geschäftsmodell ergeben. Möglicherweise entwickeln sich sogar innovative Ideen, über die wir derzeit noch gar nicht nachdenken. Nicht zuletzt wird die Kreislaufwirtschaft auch für Holzbauunternehmen interessant, die mit Rückbau bisher noch nichts zu tun hatten. Um den Rohstoffbedarf auch künftig decken zu können, wird Gebrauchtholz mehr in den Fokus rücken. Mit kreativen Ideen und etwas Mut können somit Holzbauunternehmen an der Kreislaufwirtschaft mitverdienen. Kooperationen zwischen Holzbauunternehmen und digitalen Marktplätzen gibt es bereits.

„Nachhaltigkeit ist nicht mehr freiwillige Kür, sondern eine finanziellen Kennzahl. Gebäude müssen ihre Umweltwirkung inzwischen über den gesamten Lebenszyklus nachweisen.“

Frauke Fenge, Projektleiterin des Forschungsprojekts „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“

bmH bauen mit Holz: Graue Energie, Taxonomie, ESG – wie wirkt der Druck von Politik und Finanzmarkt?

Frauke Fenge: EU-Taxonomie, ESG-Kriterien und graue Energie erhöhen den Druck auf die Baubranche. Denn Nachhaltigkeit ist nicht mehr freiwillige Kür, sondern eine finanziellen Kennzahl. Gebäude müssen ihre Umweltwirkung inzwischen über den gesamten Lebenszyklus nachweisen. Die UnterstützerInnen in unserem Projekt stehen dem kreislaufgerechten Bauen jedenfalls offen gegenüber. Ein erhöhter Druck durch Gesetze und Vorgaben ist nicht von der Hand zu weisen. Die Kosten sind bei jedem Bauvorhaben noch immer der entscheidende Faktor. Um den Einfluss von Holz oder Kreislaufgerechtigkeit zu erhöhen, werden solche Vorgaben wichtig sein. Eine Möglichkeit könnte sein, sowohl die Verwendung von Holz als auch die kreislaufgerechte Wiederverwendung in Ausschreibungstexten zu etablieren.

bmH bauen mit Holz: Ein Blick in die Glaskugel: Wohin entwickelt sich das kreislaufgerechte Bauen mit Holz in den nächsten 10–15 Jahren?

Frauke Fenge: Gerade für Branchen, die eine hohe Innovationsintensität und strenge regulatorische Anforderungen erfordern, wie es beim Bauen mit Holz der Fall ist, sind Forschungs- und Entwicklungszyklen von ca. 10-15 Jahren typisch. Vor diesem Hintergrund wäre es vielleicht möglich, dass sich in 10-15 Jahren das kreislaufgerechte Bauen mit Holz und die kreislaufgerechte Wiederverwendung von Holzbauteilen etabliert hat. Ich vermute, dass neue Wertschöpfungsketten entstehen werden, wie zum Beispiel bezüglich Lager- und Logistikinfrastruktur. Auch werden sich digitale Plattformen zur Vermarktung des Materials sowie zur Vernetzung von AnbieterInnen und AbnehmerInnen geschaffen haben. Mein persönlicher Wunschgedanke wäre, dass Gebrauchtholz neben Frischholz ein Baustoff sein wird, der wie jeder andere Baustoff erworben werden kann.

bmH bauen mit Holz: Welche drei Punkte würdest du der Holzbau-Community ganz konkret empfehlen, um jetzt in Richtung Kreislauffähigkeit voranzukommen?

Frauke Fenge: 1. Seid mutig. Keine Angst vor den Hürden haben und einfach anfangen.
2. Seid flexibel. Material kann nach dem Rückbau anders sein als erwartet. Mit flexiblen Herangehensweisen und kreativen Ideen finden sich Lösungen.
3. Vernetzt euch. Es gibt schon viele gute Projekte. Sprecht miteinander. Tauscht Erfahrungen aus.

bmH bauen mit Holz: Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Petra Frank, Programm Managerin Holz bei --> bmH bauen mit Holz <-- und --> Mo|u|Se <-- Modulares und Serielles Bauen und Sanieren..

Forschungsprojekt „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“

Das Projekt „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“ wird im Rahmen der REGIONALE Südwestfalen 2025 als EFRE-Projekt umgesetzt. Stützpfeiler des Projekts ist das im Zentrum HOLZ in Olsberg-Steinhelle ansässige Netzwerk Cluster Informations- und Demonstrationszentrum (I.D.) HOLZ e.V.

Im Rahmen der Umsetzung des Projekts kooperiert der I.D. HOLZ e.V. dabei eng mit 16 Partnerorganisationen. Das Projekt ist am 1. Oktober 2025 gestartet und läuft bis Ende September 2028 drei Jahre lang.

Förderung:

Das Projekt wird mit 480.000 Euro aus Mitteln des Landes NRW und des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) sowie über den Aufruf „REGIONALE Südwestfalen – Projekte für eine digitale, nachhaltige und authentische Zukunft in Südwestfalen“ gefördert.

Die Umsetzung des Projekts erfolgt durch ein Team aus drei Personen – Frauke Fenge als Projektleiterin mit Unterstützung durch Dr. Stefanie Wieland, stellvertretende Vorsitzende des I.D. Holz e.V., und Dr. Lukas Emmerich, Clustermanager des I.D. Holz e.V. am Zentrum HOLZ (Olsberg) – sowie zahlreiche Partner.

Eine professionell wirkende Frau mit Brille hält einen Vortrag vor einem Publikum. Sie steht an einem Rednerpult mit Laptop und Mikrofon, im Hintergrund ist eine helle Holzwand zu sehen.
Holztechnologin Frauke Fenge, Projektleiterin des EFRE-Projekts „Kreislaufgerechtes Bauen mit Holz“ (Quelle: PK-Media Consulting GmbH)
zuletzt editiert am 03. September 2026
Newsletter