Dennis Röver
Dennis Röver, Geschäftsführer proHolzBW GmbH

Holzmangel

01. June 2021 | Teilen auf:

Konsum oder Kreislaufwirtschaft: Was die aktuelle Krise für die Zukunft des Holzbaus bedeuten kann

proHolzBW wirft inmitten der angespannten Lage nicht nur einen Blick auf die herausfordernde Situation, sondern betrachtet auch mögliche zukünftige Szenarien. Die Frage stellt sich, ob neue Lösungsansätze und Perspektiven im Holzbau zumindest langfristig zu einer Verbesserung der Situation beitragen können. Ein Artikel von Dr.-Ing. Dennis Röver, Geschäftsführer proHolzBW GmbH.

Kein Branchenthema erhitzt aktuell so sehr die Gemüter wie die Verfügbarkeit und Preisentwicklung von Rund- und Schnittholz sowie von Fertigbauteilen aus Holz. Und das nicht ohne Grund – Holzbauunternehmen verfügen über zu wenig Baumaterial, Häuser können nicht termingerecht fertiggebaut werden, Waldbesitzer erzielen für Rundholz keine angemessenen Preise und kleine sowie mittlere Sägewerksbesitzer sitzen ebenfalls teils auf dem Trockenen. Die globalen Märkte für hochwertiges Schnittholz und Holzprodukte laufen heiß, aber auch amerikanische Waldbesitzer bleiben teils auf Rundholz sitzen. proHolzBW wirft inmitten dieser angespannten Lage nicht nur einen Blick auf diese herausfordernde Situation, sondern betrachtet auch mögliche zukünftige Szenarien. Die Frage stellt sich, ob neue Lösungsansätze und Perspektiven im Holzbau zumindest langfristig zu einer Verbesserung der Situation beitragen können.

Ein Markt, der erwachsen wird

proHolzBW hat die Preisentwicklung von Roh- und Baustoffen in den letzten fünf Jahren unter die Lupe genommen. Das Ergebnis auf den ersten Blick: Fertigbauteile aus Holz sowie vorgefertigte Gebäude aus Holz, verfolgen über den genannten Zeitraum hinweg konsistente und stetige Preistrends: Zwischen 2015 und 2021 steigen die Preise bei Fertigbauteilen aus Holz kontinuierlich um etwa 3 % pro Jahr; im gleichen Zeitraum legen die Preise bei vorgefertigten Gebäude aus Holz um etwa 4 % pro Jahr zu. Die Ausschläge nach oben und unten sind marginal. Preise für Rundholz dagegen stagnieren bis Anfang 2018 und verzeichnen dann bis in den Spätsommer 2020 einen deutlichen Preisverfall. Die Gründe sind bekannt: Dürresommer und Käferbefall ließen im Wald große Mengen Schadholz entstehen. Ein Überangebot ist entstanden, das den Markt für Rundholz in einen Käufermarkt verwandelt hat. Nach einer langen Talfahrt mit nur kurzen Verschnaufpausen ging es im Oktober 2020 komplett in den Keller, mit einem Preisverfall von knapp einem Drittel in einem Zeitraum von nur drei Jahren. Zuletzt zeichnete sich eine leichte Erholung von den Tiefständen ab.

Starke Fluktuationen bei Erzeugerpreisen von bis zu 30 % bis 40 % innerhalb eines Jahres kennt die Industrie von Baumaterialien wie Betonstahl oder Bitumen derweil schon lange. Die nationale und regionale Wertschöpfungskette Forst und Holz wird, wie alle Branchen, direkt und teils auch schmerzlich durch globale Märkte beeinflusst. Die Gründe hierfür wurden in den Fachmedien hinreichend aufgegriffen und analysiert: der Handelsstreit zwischen den USA und Kanada, Produktionskürzungen in amerikanischen Sägewerken wegen Covid-19 im Jahr 2020 und die in der Folge komplett aufgebrauchten Vorräte von hauptsächlich hochwertigem Nadelschnittholz und Holzfertigprodukten führten durch den Bauboom, der 2020 zunehmend Fahrt aufnahm und dieses Jahr so richtig in Schwung kommt, zu einem drastischen Mangel an Bauholz in den USA. Aber auch Länder wie China haben einen dauerhaft hohen Bedarf an Holzimporten. Verstärkt wird der Mangel durch Hamsterkäufe von Handel und Holzbaubetrieben, die zu weiteren Engpässen am Markt führen. Die Folge: Holzbauunternehmen und Zimmerer in Deutschland, aber auch über die Landesgrenzen hinaus, müssen ihre Arbeit wegen Holzmangels unterbrechen, Preise steigen in schwindelerregende Höhen.

Wir bauen, wie wir leben

Die Diskussion um die Gründe für die gegenwärtige Verknappung und die aktuell hohen Preise für Holz und Holzwerkstoffe dreht sich meist um eine als akut wahrgenommene Überlagerung verschiedener Faktoren, von der die meisten Akteure entlang der Wertschöpfungskette Forst und Holz ausgehen, dass sie nur kurz- bis mittelfristig Bestand haben wird. Aber selbst wenn die aktuelle Zuspitzung der Marktlage mit großer Wahrscheinlichkeit nicht von Dauer sein wird - der weltweite Bauboom jedenfalls hält an: Seit 2010 steigt in Deutschland die Anzahl neufertiggestellter Wohnungen stetig und hat sich in den zurückliegenden 10 Jahren fast verdoppelt. In den Vereinigten Staaten von Amerika hat sich im gleichen Betrachtungszeitraum die Anzahl gar fast verdreifacht. Gleichzeitig werden Wohnungen und Häuser in ihrer Fläche immer größer gebaut. Dabei werden die Haushalte immer kleiner und bestehen oft aus lediglich ein oder zwei Personen. Die höhere pro-Kopf Flächennutzung führt zu einem Vergleichsweise höheren Energieverbrauch und zu mehr Ressourcenverbrauch beim Verbau von Baumaterialien, egal, ob Holz beim Neu- oder Umbau eingesetzt wird oder andere Baustoffe, wobei der Holzbau durch seine hervorragenden Eigenschaften als CO2-Speicher dabei deutlich besser abschneidet als alle anderen Baustoffe. Innerhalb der letzten 100 Jahre ist der Verbrauch an Bauressourcen um mehr als das 20-fache gestiegen, die Kurve bewegt sich steil nach oben. Alle Ressourcen, die für das Bauen benötigt werden, sind endlich, ein Umdenken im Umgang mit ihnen ist zwingend erforderlich. Gleichzeitig müssen wir uns angesichts der nationalen und weltweiten Bautrends mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir künftig die Ressource Holz nicht mehr auf dem Preisniveau beziehen können, wie wir es die letzten Jahrzehnte gewohnt waren.

Die Krise zwingt uns, umzudenken

Die kontinuierliche Substitution fossiler Brenn- und mineralischer wie auch metallischer Bau- und Rohstoffe durch Holz- und Holzwerkstoffe kann daher nur ein erster essentieller Schritt hin zu einer ressourcenschonenden und nachhaltigen Wirtschaft und Baukultur sein. Um diese Entwicklung nicht durch hohe Rohstoffpreise und eingeschränkte Verfügbarkeit zu gefährden, muss der Werkstoff Holz künftig effizienter und nachhaltiger eingesetzt werden als bisher. Was das konkret für das Bauen bedeutet: Wir müssen sparsam mit dem Werkstoff umgehen. Bauen mit und in aufgelösten Strukturen, der Einsatz profilierter Querschnitte oder die Verstärkung von Bauteilanschlüssen sind mögliche Konstruktions- und Lösungsansätze, die - bereits für sich, jedoch noch stärker in Summe - dazu beitragen können, statisch effizient und damit ressourcenschonend zu bauen. Die Entwicklung hybrider Holzverbünde, weitere Forschung im Bereich mechanischer, thermischer oder chemischer Holzmodifizierung sind, wie auch Optimierungen im Bereich der Holzsortierung, weitere Beispiele, deren Potentiale für den ressourcenschonenden Umgang mit Holz offenkundig sind. Effizient zu bauen bedeutet, aus dieser Perspektive betrachtet, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen möglichst viele Bauaufgaben realisieren zu können.

Holzbau von morgen

Darüber hinaus können wir es uns auch mittel- und langfristig schlichtweg nicht mehr leisten, Ressourcen zu verbauen, und diese bei Abriss oder Umbau eines Gebäudes einfach zu „entsorgen“. Das Ziel liegt daher nicht nur in einer möglichst großen Substitution energieintensiv hergestellter mineralischer und metallischer Baustoffe durch Holz, sondern gleichwohl in einer möglichst effizienten Wiederverwendung aller Baustoffe. In diesem Zusammenhang sind geschlossene Kreislaufströme zu sehen. Künftige Bauten können bereits jetzt als Rohstoffquelle der Zukunft gedacht und die Planung und Umsetzung konsequent dahingehend ausgelegt werden. Um dies zu ermöglichen, müssen die technischen, rechtlichen, organisatorischen, architektonischen und gesellschaftlich notwendigen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden. Im Klartext bedeutet dies, Holzkonstruktionen müssen so gestaltet werden, dass sie möglichst lange eingesetzt werden können, dass sie auf Veränderungen künftiger Nutzungsanforderungen flexibel reagieren können und dass sie am Lebensende eines Gebäudes zerstörungsfrei rückbaubar sind, sodass die einzelnen Bauteile bei gleichbleibender Bauteilqualität in neuen Bauaufgaben immer wieder eingesetzt werden können.

Holz vereint so viele Vorteile wie kein anderes Baumaterial: Bauen mit Holz ermöglicht Nachverdichtungen durch Gebäudeaufstockungen in Ballungsräumen aufgrund seiner - im Vergleich zu allen anderen Baustoffen – hohen Leistungsfähigkeit bei geringem Gewicht. Holz bedeutet trockene Baustellen und kurze Bauzeiten durch den hohen Grad der Vorfertigung. Vorgefertigter Holzbau bedeutet leise und saubere Baustellen. Kindergärten und Schulen in Holzbauweise lassen Kinder und Schüler in haptisch und visuell ansprechenden Räumen spielen, lernen und erwachsen werden. Holzbau ist Brand- und Schallschutztechnisch gereift, das hochwertige und langlebige Material Teil einer modernen, klimaschonenden und zukunftsweisenden Baukultur. Der Einsatz von Laubholz und Laubholzprodukten eröffnet zudem ganz neue Bau- und Konstruktionsmöglichkeiten. Holz ist der einzige Baustoff, der - vor unserer Haustür - nachwächst. Wir müssen ihm dafür lediglich die entsprechende Zeitdauer einräumen.

Um diesen Weg weiter erfolgreich beschreiten zu können, muss ganzheitliches Kreislaufwirtschaften in Holzbauweise künftig zur Regel, das thermische Verwerten zur absoluten Ausnahme werden. Nur so können wir sicherstellen, dass wir langfristig verantwortungsvoll mit unserer Umwelt und den aus ihr gewonnenen Rohstoffen umgehen und nachhaltig sowohl unsere individuellen Wohn- und Lebensbedürfnisse verwirklichen, als auch gesellschaftliche Notwendigkeiten, wie der Schaffung von bezahlbarem Wohnraum in Ballungsräumen, Rechnung tragen.