Richtsprüche
Foto: bmh bauen mit Holz

Technik

15. November 2019 | Teilen auf:

Richtsprüche: Wie ist der Ablauf eines Richtfestes?

Zum Richtfest, Weihefest, Hebefest, Hebauf oder Aufschlagfest hat der Bauherr eingeladen. Dem Kreis der Gäste und Teilnehmer gehören an: Bauleute, die bislang am Bau tätig waren, Meister, Gesellen, Lehrlinge und Helfer, Architekt und Bauleiter sowie der Bauherr mit Angehörigen.

Ursprünglich war der Teilnehmerkreis beschränkt auf die tätig Mitwirkenden, ob sie nun Hand- und Spanndienste leisteten, als Handwerker am Bau arbeiteten oder Baumaterial stifteten. Der Begriff der Mithilfe hat sich im Laufe der Zeit, insbesondere bei größeren Neubauten, ausgedehnt und schließt heutzutage jene Persönlichkeiten, Ämter, Gremien und auch Geldinstitute mit ein, durch deren Fürsprache und finanzielle Hilfe das Bauwerk zustande gekommen ist. Das Richtfest ist indessen nach wie vor das ureigene Fest der Werkleute, wobei Prominenz und Würdenträger nicht in einer Hauptrolle in Erscheinung treten. Die Festteilnehmer versammeln sich vor dem Bauwerk. Falls der Richtbaum (Richtkranz) noch nicht den First krönt, nehmen die Zimmerleute jetzt den geschmückten Richtbaum in Empfang, um ihn alsdann mit kräftigen Schlägen auf den First zu setzen. Ein Kollege hat die eingebundene Weinflasche aus den Bändern gelöst und entkorkt, um dem Sprecher jeweils auf ein Zeichen ein volles Glas zu reichen. Unterdessen ist unten am Bau eine erwartungsvolle Stille eingetreten, – und jetzt spricht der Zimmermann den Spruch, – laut und deutlich, nicht zu schnell, mit sinngemäßer Betonung und mit Pausen an passender Stelle. Nach dem letzten ausgebrachten Hoch schleudert der Sprecher das geleerte Glas hinab – Scherben bedeuten Glück!

Musik belebt und bringt Stimmung  

Foto: bmh bauen mit Holz


Auf den Richtspruch folgt ein gemeinsames Lied oder ein Musikstück, das belebt sofort und bringt Stimmung. Darauf begibt man sich zum Lokal, wo der Richtschmaus spendiert wird. Hier findet bei festlichen Tafelfreuden die erhobene Zimmermannsseele wiederum zünftigen Ausdruck beim Singen unserer alten Zunftlieder. Das Büchlein „Zünftige Lieder für Leute vom Bau“ (Bruderverlag) bietet dabei den nötigen Rückhalt durch sämtliche Strophen hindurch.

Zu Beginn des Richtschmauses ergreift gern der Architekt als erster das Wort. Er wird über die Vorgeschichte des Bauwerks und über den Werdegang der bisherigen Bauarbeiten berichten, den Bauleuten Anerkennung und Lob (soweit verdient) zollen und schließlich dem Bauherrn seinen Dank sagen. In einer natürlichen Pause, wie nach der Suppe oder zwischen zwei Gängen, richtet der Bauherr seinerseits Worte des Dankes an seine Gäste, an den Architekten, an die Handwerksmeister samt Gesellen und Lehrlingen und fordert zum Schluss seiner Worte auf, jetzt auch beim Essen kräftig zuzulangen.

Foto: bmh bauen mit Holz

Dem Architekten erwidert dann im Namen der Handwerker ein Meister (in der Regel der Zimmermeister); er wird von der kameradschaftlichen Zusammenarbeit am Bau sprechen, in humorvoller Weise auf den einen oder anderen Vorfall anspielen und wird auch hervorheben, dass dank der einträchtigen Zusammenarbeit kein Unfall zu beklagen sei. Dann schließt er mit Worten des Dankes an den Bauherrn, an Architekt und Bauleiter. Lange Reden beim Richtschmaus werden nicht geschätzt – kurz und bündig – eher etwas gewürzt! Der offizielle Teil sei also kurz, damit das Essen nicht kalt und das Bier nicht schal werde. Um so rascher geht die Feier dann über zum gemütlichen Teil mit Trunk, Liedern, Klatschen der Zimmerleute und zum späteren Tanz.

Unser Spezial zu zünftigen Richtsprüchen und Richtfest

Richtsprüche: Wie ist der Ablauf eines Richtfestes?  
Vom Brauchtum der Zimmerleute: Entstehung und Sinn der Richtsprüche  
Zünftige Richtsprüche: Das Schnüren  
Zünftige Richtsprüche: Traditionen im Kreis Plauen