Dachraum mit sichtbarem Kehlbalkendach. In der Mitte steht ein Kamin.
Das Dachgeschoss ist zu einem großzügigen Tagungsraum ausgebaut worden, in dem das Gespärre, die Lattung und die grau gespritzten Holzwolleleichtbauplatten sichtbar sind. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Technik

9. May 2022 | Teilen auf:

Kurz vor dem Kollaps

Ein fast 450 Jahre altes Haus denkmalgerecht zu sanieren braucht nicht nur das profunde Wissen und Können, sondern auch ein eisernes Nervenkostüm des ausführenden Zimmerers. Nichts war mehr gerade an diesem Vierständer-Hallenhaus mit Fachwerkfassade. Nach fast 18 aufreibenden Monaten Sanierungsarbeit ist aus dem alten, stark verfallenen Zollhaus in Senden ein Begegnungszentrum für die Sendener Dorfgemeinschaft geworden. Grund genug für die Jury der Rudolf Müller Mediengruppe, das ausführende Havixbecker Familienunternehmen Kleinwechter & Bröker mit dem Sanierungspreis 2021 in der Kategorie Holz auszuzeichnen.

Genau 447 Jahre hatte das alte Zollhaus auf dem hölzernen Buckel, als Kleinwechter & Bröker ihren Sanierungs- und Denkmalschutzexperten Burkhard Inkmann mit der Aufgabe betraute, das historische Gildehaus von Grund auf instandzusetzen. Das vorgegebene Ziel der Gemeindeverwaltung war es, aus dem Hallenhaus (frühere Kombination aus Wohnhaus und Stall) eine moderne Begegnungsstätte zu machen. Dazu hatten die Gemeinde und der Heimatverein Senden eine Förderzusage aus dem Sonderprogramm „Investitionspakt Soziale Integration im Quartier NRW 2018“ erhalten, die die zeit- und arbeitsintensive Sanierung überhaupt erst ermöglichte. Die über die Jahrzehnte entstandenen Schäden waren beträchtlich und betrafen fast alle Bauteile. „Als ich das erste Mal hierherkam, habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Das Gebäude stand sprichwörtlich kurz vor dem Kollaps. Mit unserem Meister habe ich erstmal einen Plan gemacht, wie und wo wir überhaupt anfangen“, so Burkhard Inkmann. Was alles erneuert und ausgetauscht werden sollte, das wurde zwischen den Zimmerleuten, dem Architekturbüro und der Denkmalschutzbehörde vorab genauestens festgelegt; dabei sollte natürlich so viel wie möglich von der Altsubstanz erhalten bleiben. Das betraf nicht nur das große Kehlbalkendach mit den Krüppelwalmen, sondern auch die Fachwerkfassade und vor allem den Dachboden. Das Interesse der Sendener Bürgerschaft an dieser Sanierung und am Erhalt des alten Zollhauses war derart groß, dass bei der Demontage viele ehrenamtlich Helfende angepackt haben.

Ein saniertes Fachwerkhaus, mit Krüppelwalmdach und Ausfachungen aus Ziegelsteinen.
Die Gemeinde und der Heimatverein Senden konnten das alte Zollhaus dank der Förderzusage aus einem Sonderprogramm des Landes NRW erhalten und ausbauen. Die Gemeinde hatte das Gebäude erworben, um es sanieren und umbauen zu lassen, damit es allen Bürgerinnen und Bürgern als öffentliche Einrichtung zur Verfügung steht. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)
Ein Dachdetail:  Gratsparren aus Eichenholz, der größtenteils verfault ist.
Sämtliche tragenden Hölzer der Dachkonstruktion waren aus Eiche, wie hier ein Gratsparren zum Teil oder ganz gefault und mussten ersetzt respektive ergänzt werden. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Dachkonstruktion first

Das Dach war natürlich als erstes dran. Burkhard Inkmann erinnert sich: „Zunächst haben wir das ganze Haus erstmal entlastet, also mussten alle Dachziegel runter, und das Ganze musste notabgedichtet werden. Anschließend haben wir mit den Ausbesserungen im Dachstuhl angefangen. Schon die hatten es in sich; viele der Sparren, Dachlatten, Streben und auch die Auflager an den Sparrenfüßen waren schlicht verfault.“ Das war eine besondere Herausforderung, weil die Auflager zugleich die Rähme der darunter stehenden Wandelemente sind. Sämtliche tragenden Hölzer in der Dachkonstruktion und im Fachwerk waren aus ungewöhnlich groß dimensionierten Eichenbalken verzimmert, allein 15 Sparrenpaare (ohne Giebel) tragen das Dach. Alles, was davon ausgetauscht werden musste, haben Inkmann und sein Team exakt aufgemessen und vom nahegelegenen Sägewerk aus abgelagerten Eichenstämmen zuschneiden lassen. „Schon am nächsten Tag wurden die Hölzer geliefert, das hat uns unglaublich viel Zeit gespart“, so Inkmann. Zeit, die die Zimmerleute woanders gut gebrauchen konnten: Bei der Reparatur verfaulter Stellen mit traditionellen Holzverbindungen, wie Langblättern, hat Inkmann besonders viel Detailliebe investiert: Statisch gehalten werden diese Reparaturverbindungen von mehreren, 16 mm starken Edelstahlbolzen und mehreren Vollgewindeschrauben. Außen sichtbar sind diese Verbindungsmittel aber nicht, weil die Zimmerleute die Bolzen und Schraublöcher mit aufgesetzten Holznägeln – natürlich aus Eichenholz – kaschiert haben. Inkmann dazu: „Ehrlich gesagt, war die Hauptherausforderung dabei, mit der Handbandsäge in vier Metern Höhe die Sparren für die Blätter millimetergenau auszuklinken – das hat mich schon Nerven gekostet.“

Ein Sparren, bei dem ein Stück altes Holz durch neues ersetzt ist.
Das Langblatt wird im alten Sparren von Edelstahlbolzen mit einem Durchmesser von 16 mm gehalten, Vollgewindeschrauben sichern die Reparaturverbindung. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Da die Dachflächen insgesamt alles andere als flächig eben waren, mussten Inkmann und sein Team diese Ebenheit über eine von oben aufgebrachte Keilung aus KVH herstellen. Danach folgten die Sichtlattung und die ebenfalls sichtbaren Holzwolleleichtbauplatten in platingrau. Als Zusatzdämmung und regensichere Unterdeckung fungieren Holzfaserplatten. Um bei der Eindeckung möglichst nahe am Original zu bleiben, wählte das Architekturbüro einen speziellen Denkmalschutz-Ziegel, der unter der Bezeichnung „Naturrot schwach redu­ziert“ vertrieben wird.

Eine Sparrenlage, bei der auf den Sparren Hölzer für den Ausgleich aufgebracht sind.
Die Aufkeilungen der Sparren wurden aus KVH gefertigt. Eine neue Schwelle und massive Stahlverbinder an den Sparren sichern die Stabilität an der Traufe. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Von Lunken und Senken

Wie die Dachflächen war auch der Dachboden von einer tolerablen Ebenheit weit entfernt. „Die ganze Balkenlage hing über 30 cm durch; das haben wir alles neu ausgerichtet mit neuen Balken über den alten, OSB-Platten obendrauf und viel Zellulose dazwischen. Insgesamt mussten wir zusätzlich etwa acht Tonnen Stahl verbauen, damit die Decke überhaupt wieder trägt, vor allem um den Kamin herum.“ Diese Stahlkonstruktion wurde so verschalt, dass nichts davon die Holzoptik der Deckenkonstruktion stört. Als Bodenbelag im Dachgeschoss kam nichts anderes als ein massiver Eichenholzboden infrage, wobei Inkmann der schräge Übergang von der Boden- zur Dachfläche besonders exakt und sauber gelungen ist.

Balkenlage, an den Seiten der Balken sind jeweils gekippte U-Träger aus Stahl befestigt.
Die Balkenlage des Dachbodens hing so stark durch, dass sie mit einer Stahlkonstruktion gestützt werden musste. Der Raum zwischen den Hölzern wurde mit Zellulose ausgedämmt. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Bei der Fachwerkfassade gingen die Zimmerleute von Kleinwechter & Bröker abschnittweise vor. Auch dort waren Teile der Stiele, der Riegel, Konsolen und Streben derart verfault, dass nur der Austausch blieb. Für Inkmann war es eine Selbstverständlichkeit, alle Holzverbindungen originalgetreu auszuarbeiten, bis hin zu den diesmal echten Holznagelverbindungen von Pfosten und Riegeln. Der Südgiebel wurde zusätzlich mit einer Holzschindeldeckung aus Eiche – wie im historischen Original – verkleidet. Da die Feuchteschäden weit überwiegend in der unteren Hälfte der Fassadenfläche anzutreffen waren, mussten auch nur dort die Ausfachungen mit Klinkern erneuert werden.

Außenwand Fachwerk, Gefache sind größtenteils entkernt. Holz durch neues Holz ersetzt.
Vor allem im unteren Teil der Fachwerkfassade gab es viele Schäden am Holz. Dort wurden ganze Teile ausgetauscht. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Nachdem der komplette Dachstuhl und die Fassade saniert waren, wurden die Flächen beider Bauteile komplett sandgestrahlt. Gerade im Dachstuhl ist es so gelungen, die Sparren und Pfetten von Jahrhunderte altem Schmutz zu säubern und die farblichen Unterschiede zwischen Alt- und Neuholz auf ein ansprechendes Maß anzugleichen. An der Fassade war es ähnlich, dort ging es aber nicht nur ums Holz, sondern auch um die alten und neuen Klinker für die Gefache.

Außenwand, der Giebel unter dem Krüppelwalm ist mit Holzschindeln bekleidet.
Der Südgiebel wurde zusätzlich mit einer Holzschindeldeckung aus Eiche nach dem historischen Vorbild bekleidet. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Feinstarbeit um den Kamin herum

Unter einem sogenannten Bosen versteht man die von einer Decke abgehängte Ummantelung eines Kaminabzugs. Auch die Runderneuerung eines solchen Bosens gehörte zu den Sanierungsaufgaben für Inkmann und sein Team, und die hatte es wirklich in sich. Die hölzerne Tragkonstruktion des Ganzen hängt über Pfosten an der Balkenlage, wobei die Lastabtragung über Schwalbenschwanzverbindungen funktioniert. Die Ansprüche an die Genauigkeit der Holzverbindungen, vor allem auch an den Gehrungsschnitten der hölzernen Umrandung, waren eher im Tischlerbereich, aber Burkhard Inkmann hat es in tagelanger Kleinarbeit und unter den Bedingungen einer laufenden Baustelle tatsächlich geschafft, ein Holzbau-Meisterwerk abzuliefern.

Ein Kamin, mit darüber liegendem Bosen
Auch die Erneuerung des Bosens im Kaminzimmer des Erdgeschosses gehörte zu den Sanierungsaufgaben. Die Ummantelung des Kaminabzugs ist über Schwalbenschwanzverbindungen an der Balkenlage aufgehängt. (Quelle: Kleinwechter & Bröker GmbH)

Eine Sanierung für das Leben

Burkhard Inkmann hat über 18 Monate sprichwörtlich literweise Blut, Schweiß und Tränen in dieses Objekt investiert. „Mein Freundeskreis hat mich ernsthaft gefragt, warum man sowas Altes und Kaputtes erhält und nicht einfach abreißt. Aber wenn man das Ding mit dem Bagger weggeschoben und hier einen tollen Betonbunker mit Putzfassade hingesetzt hätte – was wäre denn daran schön? Ich bin wirklich megastolz darauf, was wir hier geschaffen haben, und das werde ich auch mein Leben lang sein“, so Inkmann.

Die Jury des Sanierungspreises war der Meinung: Der Mann hat völlig recht!

zuletzt editiert am 09.05.2022