Ausschlupflöcher an bewittertem Sichtfachwerk (Quelle: Robert Ott)
Ausschlupflöcher an bewittertem Sichtfachwerk. (Quelle: Robert Ott)

Technik

29. March 2022 | Teilen auf:

Der Hausbock im Holzbau

Holzschädlinge – Teil 1

Er ist der Schrecken vieler Hausbesitzer: Der Hausbockkäfer ist in Mitteleuropa der am häufigsten vorkommende Bauholzschädling. Seine Larven bohren sich ins Holz und leben dort teils viele Jahre lang. Dabei wird das Holz von Fraßgängen durchzogen, die mit der Zeit eine erhebliche Gefahr für die Stabilität des Gebäudes darstellen können. Grund genug, das etwa 20 Millimeter kleine Insekt genauer unter die Lupe zu nehmen. In unserer dreiteiligen Serie beschäftigen wir uns daher mit der Lebensweise des Hausbockkäfers, seiner Verbreitung und vor allem mit seiner Bedeutung für den modernen Holzbau.

Unter den heimischen tierischen Holzschadorganismen, die an verbautem und verarbeitetem Nadelholz auftreten, gilt der Hausbock bis heute als das wirtschaftlich bedeutendste Schadinsekt. Folglich haben vorbeugende Gegenmaßnahmen in der einschlägigen Regelsetzung schon lange ihren Niederschlag gefunden.

Seit der Veröffentlichung von DIN 68800 Teil 2 (2012) wird in dieser Hinsicht technisch getrocknetem Holz eine gewisse Sonderstellung eingeräumt. Unter welchen Umständen und Voraussetzungen luftgetrocknetes und technisch getrocknetes Bauholz vom Hausbock überhaupt befallen werden, ist in Fachkreisen seit Langem Gegenstand mitunter kontroverser Diskussionen.

Die besondere Beachtung des Hausbocks beruht dabei vorwiegend auf Erfahrungen und Untersuchungen, die viele Jahrzehnte zurückliegen und für die die heutzutage insbesondere im Bauwesen vorliegenden Bedingungen und Verhältnisse nicht mehr in jedem Fall zutreffend sein müssen.

Ausgehend vom bekannten oder veröffentlichten Forschungsstand befasst sich der Artikel auch mit neuen Erkenntnissen zur Lebensweise des Hausbocks sowie dem möglichen Befall von frischem, luft- beziehungsweise technisch getrocknetem und wiederbefeuchtetem Nadelholz. Sie sind vorläufiges Ergebnis einer Reihe von seit Jahren laufenden Untersuchungen des Autors, die noch längere Zeit in Anspruch nehmen werden.

Historischer Rückblick

Abb. 1: Anfang des 16. Jahrhunderts errichtetes Dachwerk mit Hausbockfraßschäden. (Quelle: Robert Ott)

In der deutschsprachigen Literatur wurde der Hausbockkäfer vermutlich im Jahr 1712 erstmals beschrieben und 1738 in einer Zeichnung eindeutig dargestellt (Franzke 1939). Bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts war er in der Literatur bekannt und galt als bedeutender Schädling. Doch zeigen bereits im 13. Jahrhundert in Nadelholz abgezimmerte Holzkonstruktionen sowie Dach- und Fachwerke des 15. und 16. Jahrhunderts (Abb. 1) häufig umfangreiche Fraßschäden des Hausbocks, sodass für diese Zeit zumindest gebietsweise schon von einer weiten Verbreitung im Siedlungsraum des Menschen auszugehen ist.

Nach dem Ersten Weltkrieg erlangte der Hausbock in Fachkreisen weite Beachtung, da er anscheinend immer häufiger in Dachstühlen und im Freien in Leitungsmasten usw. auftrat (Eckstein 1920, Zillig 1925, Eckstein 1935, Franzke 1936, Becker 1949). Infolge der Wiederaufbau- und Neubauarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Westdeutschland ein Holzschutzgesetz und das Einführen einer Hausbockversicherung kontrovers diskutiert, jedoch aus verschiedenen Gründen nicht weiterverfolgt. Im Anschluss wurden in einer Reihe von Bundesländern Holzschutz-Verordnungen eingeführt, die sich auch mit der Meldepflicht sowie dem vorbeugenden Schutz und der Bekämpfung von Hausbockbefall befassten. Schließlich wurde im September 1956 die DIN 68800 Holzschutz im Hochbau veröffentlicht und den obersten Baubehörden der Länder zur Einführung empfohlen.

Darin enthalten waren auch den Hausbock betreffend bestimmte Regeln für den vorbeugenden und bekämpfenden Holzschutz, zum Beispiel die Ausführung vorbeugender Schutzmaßnahmen gegen Insektenbefall in Gebieten, in denen der Hausbock aktiv war. In Ostdeutschland wurde diesbezüglich ein anderer Weg eingeschlagen. Dort wurde zuerst 1951 der Holzschutz für im Freien verbautes Holz gesetzlich und 1953 der Holzschutz in gedeckten Räumen inklusive Maßnahmen zum Schutz gegen den Hausbock durch eine gesetzliche Anordnung geregelt (Anonym 1953, Kirk 1991).

DIN 68800 wurde im Folgenden in verschiedene Teile gegliedert und mehrmals überarbeitet. Die in Teil 3 der Norm getroffenen Aussagen bezüglich einer Gefährdung von Holz durch Pilze und Insekten in Abschnitt 5 (Ausgabe 1974), später Abschnitt 6 (Ausgabe 1981), führten in Fachkreisen vielfach zu der falschen Annahme, dass in jedem Fall vorbeugende chemische Holzschutzmaßnahmen auszuführen sind (Willeitner & Vogeler 1973, Anonym 1992).

Als Folge eines veränderten Umweltbewusstseins und sich widerstrebenden wirtschaftlichen Interessen veröffentlichte das Institut für Bautechnik 1987 nach jahrelangem Diskurs einen Mustererlass für die bauaufsichtliche Einführung der damals so genannten Gefährdungsklasse 0 (GK 0). Definitionsgemäß waren dann keine Bauschäden durch Insekten (Hausbock) zu erwarten, wenn anfällige Hölzer im Wohnbereich verbaut und diese dann entweder dreiseitig zugänglich, allseitig durch geeignete Materialien abgedeckt waren oder eine Mindestholzfeuchte von zehn Prozent nicht überschritten wurde. Dies erforderte ein Umdenken im Kreis der Holzschützer. Im Jahr 1990 wurde GK 0 in DIN 68800-3 aufgenommen und mit Erscheinen der Neufassung von DIN 68800-1 im Jahr 2011 nunmehr dort aufgeführt.

Seit Einführung von DIN 68800-2:2012-02 gilt der Einsatz von technisch getrocknetem Holz in Gebrauchsklasse 1 als sogenannte „besondere bauliche Maßnahme“ zur Vermeidung eines Bauschadens durch Insekten. Dies wird mit Feldstudien zur Befallswahrscheinlichkeit von Brettschichtholz und technisch getrocknetem Holz begründet (Gersonde & Grinda 1984, Aicher et al. 2001, Radović 2008).

Der Hausbockkäfer

Der zur Familie der Bockkäfer (Coleoptera: Cerambycidae) gehörende Hausbockkäfer Hylotrupes bajulus (L.) wird 7–23 Millimeter, im Mittel etwa 10–20 Millimeter lang (Becker 1942, Dürr 1954, Cymorek 1961).

Im Durchschnitt sind die Männchen mit 10–12 Millimetern deutlich kleiner als die Weibchen mit 16–19 Millimetern (Weidner 1936, Becker 1942a, Dürr 1957). Bei den Weibchen ragt die Scheide der Legeröhre unter den Flügeldecken hervor; der Körperquerschnitt der Käfer ist oval. Die Käfer besitzen eine schwarze Grundfärbung und haben zuweilen hellbraune bis beigefarbene Flügeldecken. Seltener sind sie braun und beige oder nur braun. Auf den Flügeldecken befinden sich häufig Flecken mit weißen Haaren, die in Umfang und Form teils stark variieren. Der Halsschild besitzt zusätzlich zu zwei schwarzen Schwielen meist eine mehr oder weniger stark ausgeprägte feine Behaarung (Cymorek 1984, Becker, H 1989) (Abb. 2a bis 2c).

Wie eigene Untersuchungen zeigten, können bei genügend großen Populationen in einer Schlupfsaison alle bekannten Varietäten des Hausbocks zur gleichen Zeit auftreten.

Die gelblichweiß gefärbten Eilarven sind etwa 1,5 Millimeter lang; ausgewachsene Larven können bis zu 30 Millimeter lang werden (Abb. 3). Deren erstes Brustsegment ist verbreitert, die Mitte des Körpers schlank und das Hinterleibsende wieder etwas verdickt (Becker 1950, Schmidt 1951, Duffy 1953).

Vorkommen und Verbreitung

Wie eigene Erfahrungen zeigen, kann der Hausbock nach wie vor in Dachstühlen angetroffen werden; heutzutage hin und wieder auch im Wohnraum hinter Bekleidungen in Unterkonstruktionslatten und -brettern, Deckenbalken und Ständerwänden sowie in Dachlatten und Dachschalungen, ferner im Freien an Außenbekleidungen, Fachwerk, Brücken, Leitungsmasten, Pfählen, Terrassendielen und Blockbauten; außerdem in Möbeln, Treppen, und beispielsweise Fußböden (Grosser 1985) (Abb. 4a bis 4e).

Die seit Jahrhunderten vom Menschen praktizierte Art der Holzverwendung bietet dem Hausbock eine gute Lebensgrundlage, weshalb er als Kulturfolger des Menschen gilt (Pallaske 1989). Freilandpopulationen sind demgegenüber eher selten, kommen aber nachweislich in diversen Ländern und gerade in jüngster Zeit immer mehr vor (Schimitschek 1944, Von Demelt 1966, Hellriegl 2010, Lindh et al. 2010, Aurenhammer 2015). Das Haupt-Verbreitungsgebiet des Hausbocks erstreckt sich über weite Bereiche Kontinentaleuropas und Kleinasiens. Darüber hinaus ist der Hausbock weltweit verbreitet, insbesondere in gemäßigten Klimazonen. Gründe dafür sind die Einfuhr von vorinfizierten Fertighäusern, Bauholz, Möbeln, Verpackungsmaterial und Paletten. In einzelnen Ländern hat dies sogar zur Einbürgerung des Hausbocks geführt (Tooke 1949, Becker, H 1968, Anonym 2011, Howick 2014, Plarre 2014). Erst vor wenigen Jahren wurde der Hausbock mit importiertem Holz von Europa nach Chile (Anonym 2018) eingeschleppt und erneut in Australien festgestellt (Grimm 2009, Howick 2014).

Wegen der großen Gefahr der Verbreitung von Schadinsekten durch den globalen Handel unterliegt die Einfuhr von Holz in vielen Ländern strengen Einfuhr- und Quarantänebestimmungen. So wird beispielsweise Holz, das nach Australien importiert wird, dort gemäß den geltenden Quarantänebestimmungen geprüft. Diese wurden ursprünglich eingeführt, um die Ausbreitung von Holzwespen in neuen australischen Nadelwäldern zu verhindern. Nunmehr sind die Bestimmungen darauf ausgelegt, die Einführung jeglicher Holzschädlinge zu verhindern, insbesondere auch die des Hausbockkäfers (Schedl 1971, Richardson 1979).

Lebensweise

Einige Eigenarten der Biologie des Hausbocks haben wesentlich mit zu seiner heutigen Verbreitung beigetragen. So bleibt ein anfänglicher Befall oftmals jahrelang unbemerkt – was seine Verschleppung in verarbeitetem Holz fraglos erleichtert. Ferner kann er seine Entwicklung auch in trockenem und unberindetem Holz mitunter nach langer Entwicklungsdauer abschließen und durch Wiederbefall am selben oder Neubefall an umliegendem Holz neue Generationen bilden (Gersonde & Buro 1953).

In seinem natürlichen Verbreitungsgebiet ist der Hausbock auf sein gutes Flugvermögen angewiesen, um weitere Strecken überwinden und somit an geeignetes Brutsubstrat gelangen zu können. In nicht ausgebauten Dachstühlen stellt sich die Situation meist anders dar: Dort fehlen vielfach konkurrierende Organismen, und das Holz gewährleistet in bestimmten Fällen über mehrere Generationen ausreichende Entwicklungsbedingungen (Rasmussen 1967, Plarre 2012).

Abgesehen von wenigen Ausnahmen befällt der Hausbock entsprechend der überwiegenden Verwendung in unseren Breiten ausschließlich das Splintholz von Nadelhölzern wie Kiefer, Fichte, Tanne, Douglasie und Lärche. Tannenholz kann bestimmte Bereiche aufweisen, die für die Larven giftig sind (Becker 1970, Körting 1970). Splint von Lärchen- und Douglasienholz weist einen ähnlichen oder einen noch höheren Nährwert als Kiefernholz auf (Körting 1964, Körting 1968).

Unter natürlichen Bedingungen ist die Hauptschlupfzeit in den warmen Sommermonaten von Juni bis August. Dazu benötigen erwachsene Larven im Vorfeld über längere Zeit anhaltend tiefe Temperaturen – dies ermöglicht ein koordiniertes Schlüpfen beiderlei Geschlechts. Wie eigene Erfahrungen zeigen, verläuft der Hauptschlupf bei vielen gleich kleindimensionierten Hölzern wie etwa bei Brettern zeitlich wesentlich koordinierter als bei großvolumigen Kanthölzern. An unter Dach verbautem Holz schlüpfen im Allgemeinen etwas mehr Männchen als Weibchen – wobei die Männchen im Schnitt wenige Tage früher dran sind. Außerhalb des Holzes leben unter natürlichen Bedingungen die geschlüpften Männchen im Durchschnitt etwa 15 Tage, die Weibchen etwa 10 Tage. Nach eigenen Beobachtungen verbergen sich die im Freiland aus Rundstämmen geschlüpften Käfer bei ungünstiger Witterung oder bei Dunkelheit in breiten Rissen, Ausschlupflöchern und Rindenspalten. Im Dachstuhl werden ebenfalls breite Risse oder Spalten, von kleinen Käfern zuweilen auch größere Ausschlupflöcher aufgesucht (Abb. 5).

Bei Temperaturen um 30 Grad Celsius (Untergrenze bei rund 26 Grad Celsius) und ausreichender Lichtstärke weisen die Käfer ein ausgeprägtes Flugvermögen auf (Cymorek 1968, 1984) (Abb. 6). Die Käfer können ausgehend vom Schlupf- oder Paarungsholz weite Strecken zurücklegen. Sie werden dabei vom Geruch des Nadelholzes angelockt (Becker 1942).

zuletzt editiert am 29.03.2022